Unser Stuttgart-Adventskalender Ein kleines bisschen Normalität dank Schwester Margret

Von Beate Pundt 

In unserem Stuttgart-Adventskalender öffnen wir jeden Tag ein spannendes Türchen in Stuttgart für Sie. Am 14. Dezember besuchen wir Schwester Margret beim Obdachlosen-Frühstück in der Franziskusstube unter der Paulinenbrücke.

Stuttgart - Montagmorgen, 7.30 Uhr in Stuttgart. Die meisten Menschen sind auf dem Weg zur Arbeit. In der Franziskusstube in der Paulinenstraße brennt Licht. Ein Mann im Anzug radelt vorbei, die Aktentasche auf den Gepäckträger geklemmt. Eine Frau zieht einen Rollkoffer hinter sich her, in der anderen Hand hält sie einen vollen Kaffeebecher und eilt zielstrebig in Richtung Innenstadt. Im Vorbeigehen könnte die Franziskusstube mit einem Café verwechselt werden. Im Grunde genommen ist es auch eines, aber der typische Stuttgarter verirrt sich nicht hierher.

Die Franziskusstube in Stuttgart ist ein Zufluchtsort für Ausgegrenzte. Seit zwei Jahrzehnten serviert Schwester Margret hier ab 7.30 Uhr Frühstück für Obdachlose. Für Menschen, die ihren Job verloren haben und die Geldsorgen plagen. Einige von ihnen hatten gute Berufe, doch Krankheit oder Scheidung haben sie aus der Bahn geworfen, manche sind drogenabhängig. Für sie alle hat die Franziskusstube von Montag bis Samstag geöffnet. Hier gibt es Frühstück und damit ein kleines Stück Alltag und Normalität – und das gratis.

Obdachlosenfrühstück seit über 20 Jahren in Stuttgart

Auf dem Tisch stehen Teller mit Butter, Wurst und Käse. Zusammen mit einigen Ehrenamtlichen schenkt Schwester Margret Kaffee und Tee aus, füllt die Brotkörbe auf und erkundet sich nach dem Befinden der Besucher. „Wie geht es dir?“, fragt Schwester Margret einen Mann, der dem Aussehen nach nicht viel älter als 30 Jahre zu sein scheint. „Was macht dir zu schaffen?“, setzt sie freundlich nach, als er zögert. „Der Hunger“, antwortet er. „Der Hunger hat mir zu schaffen gemacht“, sagt er und beißt herzhaft in sein Wurstbrot. Die Tür öffnet sich, ein Mann kommt herein und wird mit „Hallo, Horst“ begrüßt. Schwester Margret kennt ihre Gäste.

Gebürtig kommt Margret Ebe aus Riedlingen an der Donau, mit 30 Jahren zog es sie ins Kloster zu den Franziskanerinnen nach Sießen im Landkreis Sigmaringen. Seit 1987 wohnt sie in Stuttgart. Das Obdachlosenfrühstück in der Franziskusstube gibt es seit über 20 Jahren in Stuttgart. Die Einrichtung der Caritas war zuerst in der Hauptstätter Straße und später in der Paulinenstraße. Für ihr Engagement für Arme ist die 70-Jährige schon mehrfach ausgezeichnet worden.

„Schwester Margret war mein Schutzengel“, erzählt Mik, ein langjähriger Gast in der Franziskusstube. „Wir lagen unter der Brücke“, erinnert er sich an seine erste Begegnung mit ihr, „da kam sie mit Sandwich und Getränken“. Er lächelt und wird dann wieder ernst. „Ich war sehr schwer drogenabhängig. Diese Frau hat mein Leben gerettet.“ Heute wohnt er im Asylantenheim und nicht mehr auf der Straße. Doch die Zeiten, in denen Schwester Margret als Streetworkerin arbeitet, sind vorbei. „Dafür bin ich zu alt“, sagt sie. Nun kommen die Bedürftigen zu ihr.

Die Arbeit erdet die ehrenamtlichen Helfer.

An diesem Montag ist es verhältnismäßig ruhig. „Letzte Woche war so viel los“, seufzt Schwester Margret. „Das war nicht schön.“ Mehr als 60 Menschen seien gekommen. Sitzplätze gibt es jedoch nur für 30. Und wenn alle Plätze besetzt sind, muss eben gewartet werden, bis jemand aufsteht. Die Ordensschwester besteht auf ihre Regeln, „sonst wäre hier Chaos“, sagt sie resolut. Auf ihrer Hausordnung steht außerdem: Kein Alkohol, Handys aus, geraucht wird draußen und Pöbeleien sind unerwünscht. Für das kostenlose Frühstück im Warmen wird das in Kauf genommen.

Eine der ehrenamtlichen Helfer ist Linda Dahm. Sie ist als so genannter Springer im Einsatz, also immer dann, wenn es Engpässe gibt. Eigentlich leitet sie die Marketingabteilung der Stuttgarter Versicherung und hat damit genug um die Ohren. Trotzdem ist ihr die Arbeit in der Franziskusstube wichtig. „Diese Arbeit erdet“, sagt sie. „Da weiß man, dass man eigentlich selbst keine echten Probleme hat“.

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