Um Straftaten zu verhindern Stuttgarter Polizei hat V-Leute unter den Fußballfans

Michael Isenberg, 21.01.2013 22:17 Uhr
Die Stuttgarter Polizei bestätigt erstmals, dass sie V-Leute bei Fußballspielen nutzt. Der Einsatz richte sich gegen Straftäter, nicht gegen den VfB, die Stadionbesucher oder eine spezielle Fan-Gruppe, betont die Polizei. In der Szene der besonders fanatischen Fans ist die Empörung trotzdem groß.

Stuttgart - Über den Einsatz von V-Leuten spricht man nicht. Das ist Grundsatz bei der Polizei, wie bei allen Sicherheitsbehörden. „Diese VPs, – wir sprechen von Vertrauenspersonen – leben ein gefährliches Leben. Darum müssen wir in diesem Bereich höchst sensibel vorgehen und alles unterlassen, was deren Identität aufdecken könnte“, sagt ein erfahrener Polizeibeamter.

Doch Politik funktioniert anders. So gab der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) kürzlich überraschend auf eine Parlamentarische Anfrage der Piraten-Partei bekannt, dass die NRW-Polizei „im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen, insbesondere von Fußballspielen“ solche Vertrauenspersonen zur Gefahrenabwehr eingesetzt habe. Darauf bestätigten auch die Innenminister in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz in dürren Worten den Einsatz von V-Leuten.

Gerüchte und Berichte über „Schnüffler in der Fankurve“ gab es schon länger. Vor allem die Szene der Ultras – besonders fanatische Fans mit großem Selbstbewusstsein – kritisiert die „präventive Bespitzelung“ und sieht sich in ihrer generellen Ablehnung gegenüber der Polizei nur bestätigt, auch in Stuttgart. „Wir sind über den Einsatz der V-Leute empört“, erklärt ein Mitglied der im Daimler-Stadion tonangebenden Ultras des Commandos Cannstatt unserer Zeitung. „Die Maßnahme ist völlig unverhältnismäßig. Damit stellt die Polizei Menschen, die den Fußball lieben und feiern, auf eine Stufe mit politisch oder religiös motivierten Terrorgruppen oder Gruppen des organisierten Verbrechens, deren einziges Ziel es ist, brutale und menschenverachtende Straftaten zu begehen.“

Prävention, nicht Strafverfolgung lautet das Ziel der Polizei

Das will die Stuttgarter Polizei nicht auf sich sitzenlassen. Gegenüber den Stuttgarter Nachrichten nimmt sie erstmals zum Einsatz ihrer V-Leute Stellung. „Die Einsätze richten sich nicht gegen den VfB, die Stadionbesucher oder spezielle Fan-Gruppierungen“, sagt Dezernatsleiter Willy Pietsch. „Wir spähen auch nicht das Commando Cannstatt aus“, ergänzt der Kriminalhauptkommissar. „Der Einsatz von VPs richtet sich gezielt gegen einzelne Personen und eine Szene, die Gewalt- und schwere Straftaten begehen im Umfeld von Fußballspielen – aber auch andernorts.“ An erster Stelle gehe es dabei um Prävention, nicht um Strafverfolgung. „Wir wollen mit dem taktischen Einsatz von Vertrauenspersonen im Wesentlichen Straftaten verhindern“, sagt Pietsch. Das begrüßt man auch beim VfB Stuttgart. „Wenn konkrete Anhaltspunkte bestehen, dass es in speziellen Fan-Gruppierungen kriminelle Energien gibt, halten wir V-Leute nicht für verwerflich“, erklärt der Bundesligist.

Wie viele V-Leute das Stuttgarter Polizeipräsidium einsetzt, bei welchen Spielen und welchen Vereinen, sagt Pietsch nicht. In der Regel sind es Spiele der ersten und zweiten Liga sowie Länderspiele, heißt es in Sicherheitskreisen. Es gibt aber auch Clubs wie Alemannia Aachen, die in unteren Spielklassen ein brisantes Fan-Umfeld haben. Die Identitäten der V-Leute sind im Stuttgarter Präsidium nur sehr wenigen Beamten bekannt. „Ich kenne keinen; und nicht einmal unsere Ermittler wissen, in welcher Situation wir jemand haben oder nicht“, verdeutlicht Pietsch. Falls ein V-Mann Straftaten begehe, mache er sich genauso strafbar wie jeder andere Bürger.

„Die V-Leute im Fußball stehen unter einem hohen psychologischen Druck“

Die Bezahlung der V-Leute richtet sich nach der Qualität ihrer Informationen. Die Summen liegen unterhalb dessen, was in der Öffentlichkeit vermutet wird, deutet Pietsch an. Für die Polizei sind V-Leute auch nur ein Mosaikstein in der Sicherheitslage. Die zugetragene Info gilt bei der Lagebeurteilung der Polizei als „weicher“ gegenüber der „harten“ Erkenntnis eigener Polizeiarbeit.

Kritiker wie die Ultras stellen das geheime Ermittlungssystem der Polizei komplett infrage. „Die V-Leute im Fußball stehen unter einem hohen psychologischen Druck“, argumentiert das Mitglied des Commandos Cannstatt. Einerseits missbrauchten sie das Vertrauen anderer Fans; andererseits seien sie stark abhängig von ihren V-Mann-Führern bei der Polizei und stünden dort unter hohem Erwartungsdruck. „Welchen Wert haben vermeintliche Erkenntnisse über Ultras, die unter einem derartigen Druck an die Sicherheitsbehörden geliefert werden?“, fragt der Ultra. „Was ist eine Information wirklich wert, für die Geld bezahlt wird?“

Pietsch kennt solche Argumente, nicht erst seit der V-Mann-Debatte. „Das Problem ist, dass man geglückte Prävention – anders als Straftaten – nicht messen kann“, sagt er. Wenn man das Aufeinandertreffen verfeindeter Fan-Gruppen aus der Bundesliga vermeiden, Schlägereien in der Öffentlichkeit verhindern und auch Unbeteiligte damit schützen könne, sei das durchaus ein Erfolg, sagt er: „In der Presse heißt es nach riskanten Begegnungen oft, zu den befürchteten Fan-Krawallen sei es nicht gekommen – bloß ist das nicht die ganze Geschichte.“

 
 
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Kommentare (13)
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avsr Ist schon länger als 1 Jahr her
„Die V-Leute im Fußball stehen unter einem hohen psychologischen Druck“ Man, so viel Vorsorge! Darum hat sich bei mir niemand gekümmert als ich lange Zeit als offizieller V-Mann Beweise in bestimmten Strafsachen vorzulegen hatte. Das schadet mir bis heute noch und hintert mich mein Land zu lieben. avsr
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VfB Stuttgart Ist schon länger als 1 Jahr her
Traurig, wie sich hier manche aufführen. Letztendlich werden Wir doch nur durch die Medien gegeneinander aufgehetzt. Vor ein paar Jahren, bevor diese ganze Diskussion angefangen hat, hätte keiner daran gedacht diese ganzen Themen in Frage zu stellen. Lasst Euch doch nicht durch die Medien beeinflussen.
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WeißundBlau Ist schon länger als 1 Jahr her
In Ihrem ersten Beitrag sagten Sie, man 'sollte Ultras und Krawallmacher nicht in einen Topf werfen! Bitte erst informieren was die Beweggründe eines Ultras sind und danach dann schreiben.' So haben Sie das geschrieben und nicht, wie Sie jetzt den Eindruck erwecken wollen. Mit Ihrem jetzigen Kommentar widersprechen Sie sich selbst. Es ist wie es ist. Die V-Leute sind wichtig und richtig, denn wer meint sich nicht an die Regeln halten zu müssen gehört nicht in ein Stadion. Die Ultras sind auf jeden Fall kein friedlicher Karnevalsverein. Da hilft Ihr toller Kommentar auf keinen Fall.
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Fritzle Ist schon länger als 1 Jahr her
Also nochmal zur Verdeutlichung: meine Aussage war, dass man nicht grundsätzlich alle Ultras als Krawallmacher darstellen sollte. Fakt ist natürlich, dass es auch unter den Ultras Krawallmacher gibt. Die gibt es aber auch in anderen Bereichen des Stadions. Wenn jetzt z.B. auf der Gegengerade ein paar Krawallmacher Böller zünden, ist dadurch jeder Fan auf der Gegengerade ein Krawallmacher? Ich denke nicht. Und genauso gibt es auch unter den Ultras Fans, die einfach alles für den Verein aufopfern, auch ohne Gewalt.
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WeißundBlau Ist schon länger als 1 Jahr her
Offenbar sollte Fritzle mal den Spiegel-Artikel lesen. Wenn er von den Ultras höflichst behandelt wurde, spricht das doch nur dafür, dass diese a) merkten, dass er bei ihnen falsch war und b) dass er die gleiche Fanzugehörigkeit zum VfB hatte. Ultras von Krawallmachern trennen zu wollen ist ein schöner Versuch. Allein, er klappt nicht. An die Berichterstattung über den Angriff auf den Bus der Möchengladbacher Fans durch Krawallmacher, unter diesen waren auch sogenannte Ultras, kann ich mich noch gut erinnern. Damals hieß es in der Berichterstattung, die Angreifer hätten den Bus auf der Autobahn ausgebremst und abgedrängt. Auf einem Parkplatz kam es dann zu einem Steinewurf-Hagel - mit Pflastersteinen. Verquere Forderungen gibt es auch unter den Ultras. Beispielsweise die wilden Forderungen, diese sogenannten 'Benimmregeln' der Ultras von Bayern München an Manuel Neuer, die dieser auch noch, wohl in einem Moment der Schwäche, akzeptierte. Härte wäre hier besser gewesen, um solchen Kerlen zu zeigen, wer die Hosen anhat. Die Ultras wehren sich nur gegen die Regelungen, weil sie offenkundig keine Sicherheit im Stadion akzeptieren wollen. Bengalische Feuer in Stadien sind, aus naheliegenden Gründen, verboten. Die schlimmen Folgen von Pyrotechnik kennen wir alle aus der Berichterstattung nach Silvester. Die Ultras aber meinen, diese gehörten untrennbar zur Unterstützung. Nur dass sie eben nicht die Rechnung zahlen müssen für solche Eskapaden - die darf nämlich der Verein zahlen. Außerdem distanzieren sie sich nicht ausdrücklich von Gewalt, weil sie meinen Gewalt ausüben zu müssen, wenn ihre Freiheiten eingegrenzt werden. Wobei sie eine sehr persönliche Auslegung von Freiheiten haben und die Schuld an der Gewalt immer der Gegenseite, sprich der Polizei, in die Schuhe schieben. Teilweise geht es sogar so weit, dass die Ultras meinen, sie seien das Spiel und die Hauptakteure auf dem Platz - die Spieler sind nur Nebeneffekt, Statisten, Attrappen... Sollen wir mal abstimmen, wer lieber die choreographischen Einlagen der Ultras und wer lieber den VfB siegen sehen möchte?
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