Ulrich Brobeil „Preise bei Spielwaren werden steigen“

Anne Guhlich, 27.01.2013 11:00 Uhr

Am Mittwoch beginnt in Nürnberg die weltgrößte Messe für Spielwaren. Im Interview sagt Ulrich Brobeil, neuer Geschäftsführer des Deutschen Verbands der Spielwarenindustrie, warum die Hersteller aus China abwandern und welches Spielzeug bei Kindern angesagt ist.

Herr Brobeil, die Spielwarenbranche entdeckt die Väter für sich. Woran liegt das?
Der Trend zu mehr Vater-Sohn-Spielen hat damit zu tun, dass die Väter meiner Generation im Spielen zunehmend eine Form der Entspannung sehen. Immer mehr Frauen sind heute berufstätig. Sie haben in den Unternehmen das Thema Gleichgewicht zwischen Arbeits- und Lebenszeit auf die Agenda gesetzt – und das färbt jetzt auch auf die Männer ab, indem sie Familienzeit einfordern. Wir haben außerdem einen Trend zu älteren Eltern, bei denen oft ein größeres Verantwortungsbewusstsein vorhanden ist. Bei den Vater-Sohn-Spielen haben wir in den vergangenen zwei Jahren einen Zuwachs von 30 Prozent verzeichnet.

Was fällt überhaupt unter die Rubrik Vater-Sohn-Spiele?
Das sind die ganzen technikaffinen Spiele bis hin zu Bausätzen. Viele Väter kaufen Spielwaren, die sie selbst nie hatten, die sie sich aber immer gewünscht haben. So geht es mir beim Modellbau und bei ferngesteuerten Fahrzeugen. Insofern war es gut, dass mein Sohn auf die Welt kam. Plötzlich hatte ich einen Grund, mir diese Wünsche zu erfüllen (lacht). Dem Junior gefällt das aber auch. Wir haben da unsere gemeinsame Sache, vielleicht sogar eine Leidenschaft. Die Autorennbahn steht auch immer noch ganz oben auf der Liste von Vätern und Söhnen. Es gibt heute die digitale Rennbahn mit mehr Möglichkeiten wie zum Beispiel Boxenstopps mit Betankungen.

Auf der Spielwarenmesse stehen dieses Jahr die Verbindungen von klassischem Spielzeug mit digitalen Funktionen im Fokus – die sogenannten iToys. Wie lange wird es das technikfreie Spielzeug noch geben?
Klassische Spielwaren wird es immer geben. Spiele bilden die Realität im Kleinen ab, und dadurch lernen die Kinder, mit dem Leben und der Gesellschaft umzugehen. Die Elek­tronik ist jedoch ebenfalls vorhanden. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Das Gleiche gilt für digitale Anwendungen für Smartphones oder Tablet-Computer. Wenn die Realität vorgibt, dass sich die Eltern mit diesen Medien auseinandersetzen, ist es in Ordnung, dass die Kinder auch lernen, damit umzugehen.

Wie haben sich die Umsätze im elektronischen Bereich entwickelt?
Grundsätzlich sind die Bundesbürger im Vergleich zu Amerikanern, Briten oder Franzosen sehr konservativ bei der Auswahl der Spielwaren. Sie mögen Beständigkeit. Sie springen nicht auf jeden Trend auf, sondern fangen erst Feuer, wenn sie sehen, wie sich ein Produkt im Markt etabliert. Darum sind die elektronischen Produkte in Deutschland vergleichsweise langsam angelaufen. Das ändert sich jetzt. Wir erheben nur die Zahlen der sogenannten Lernelek­tronik für Kinder im Vorschulalter. Dazu zählt etwa der Vorlesestift Tiptoi von Ravensburger. In dieser Sparte verzeichnen wir zwischen 2011 und 2012 ein Wachstum von 29 Prozent.

Und wie ist das Jahr für den Rest der Branche gelaufen?
Wir sind langsamer gewachsen. Seit 2009 haben wir immer ein schönes Plus von vier bis fünf Prozent verzeichnet. 2012 ist die Branche um drei Prozent auf 2,8 Milliarden Euro Umsatz gewachsen. Eine Krise ist das aber nicht wirklich.

Welche Produkte gingen besonders gut?
Der angesprochene Tiptoi von Ravensburger, der Lerntabletcomputer von VTech Storio 2, die Digitalkamera Kiddy-Zoom aus dem gleichen Haus. Auch das Thema Augmented Reality funktioniert gut und Lizenzprodukte von „Star Wars“ oder „Cars“. Die neue Mädchen-Linie bei Lego wird ebenfalls sehr gut angenommen. Meine vierjährige Tochter etwa hatte bisher mit Bausteinen wenig am Hut, aber Lego-Friends gefällt ihr. Sie baut jetzt auf einmal mit Legosteinen. Die Filly-Sammelpferdchen sind auch nach wie vor ein stabiles Thema.

Was erwarten Sie angesichts der konjunkturell unsicheren Situation für 2013?
Spielzeug ist krisenresistent. Ausgerechnet im Krisenjahr 2009 hatten wir unser Wunderjahr. Ich gehe davon aus, dass wir uns 2013 wieder dem Bereich von vier bis fünf Prozent Wachstum annähern werden. Die Geburtenrate sinkt zwar, aber die Menschen geben immer mehr für Spielwaren aus. Zwischen 2008 und 2011 sind die Ausgaben pro Kind und Jahr um 20 Prozent auf 250 Euro gestiegen. Es gibt immer mehr Patchworkfamilien, immer mehr Tanten und Onkels – in mancher Verwandtschaft gibt es sogar einen richtigen Wettbewerb, wer das beste und teuerste Geschenk mitbringt. Die Preise bei Spielwaren werden jedoch steigen.

Warum?
Weil die Produktionsbedingungen schwieriger werden. In den vergangenen Jahren haben sich die Probleme mit China als Produktionsstandort zugespitzt. 2012 haben die Chinesen für die Fabriken keine Arbeitskräfte mehr gefunden. Dadurch sind einige Hersteller wie Lego in ernsthafte Schwierigkeiten geraten und hatten mit Lieferengpässen zu kämpfen.

Warum haben die Fabriken keine Arbeiter gefunden?
Weil auch die Chinesen immer besser ausgebildet und immer besser vernetzt sind. Sie suchen sich ihren Job aus und wechseln, sobald sie ein besseres Angebot bekommen.

Also sind die Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten der Spielwarenhersteller besonders schlecht?
Das würde ich so nicht sehen. Es geht hier um Feinheiten. Aber sicherlich sucht sich der junge chinesische Arbeiter den Hersteller aus, der am besten zahlt. Darum werden die Personalkosten mittelfristig steigen – und somit auch die Endverbraucherpreise. Zumal auch die hohen Rohstoffpreise und schärfere Richtlinien bei der Spielzeugsicherheit die Hersteller belasten. Was die Produktion angeht, beobachten wir eine Tendenz der Rückverlagerung von China nach Osteuropa.

Wie viele Hersteller haben sich von China bereits verabschiedet?
Bis vor wenigen Jahren haben 75 bis 80 Prozent der Hersteller in China produziert, heute sind es noch rund 60 Prozent.

 
 
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