Timm Rautert in der STN-Reihe „Über Kunst“ Das Beherrschen der magischen Flächen

Von Thomas Morawitzky 

Näher dran an herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Kunstszene – die „Stuttgarter Nachrichten“ machen es mit ihrer Gesprächsreihe „Über Kunst“ möglich. Nun faszinierte der Fotokünstler Timm Rautert mehr als 100 Besucher in der „Über Kunst“-Bühne Galerie Parrotta in Stuttgart .

Stuttgart - Die analoge Fotografie liefert einen Abdruck der Welt; sie ist kein Fenster, zeigt nicht die Welt, sondern sie ist diese Welt, sagt Timm Rautert. Von Anfang an war die Fotografie für ihn ein Medium des Denkens, Fragens.

Rautert wurde 1941 in Westpreußen ­geboren, studierte von 1966 an an der Folkwangschule in Essen bei Otto Steinert. Noch während seines Studiums begann er sein Projekt „Bildanalytische Photographie“, das er 1974 abschloss, und das nun erstmals im Kupferstich-Kabinett Dresden in ­ganzem Umfang zu sehen ist. „Das ist noch heute der Grundstein meines Werkes“, sagt er beim „Über Kunst“-Abend unserer ­Zeitung in der Galerie Parrotta in Stuttgart. „Ich habe als Wissenschaftler begonnen und als Künstler aufgehört.“

Die Fotografie war und ist für Rautert ein ­Instrument der Forschung und Gestaltung gleichermaßen. Er begreift sie als eine ­technologische Kunst, zeigt sich sehr ­interessiert an technologischer Entwicklung insgesamt, sagt aber auch: „Ich bin fasziniert von der neuen Welt“, sagt Rautert im Dialog mit ­Nikolai B. Forstbauer, Titelautor unserer Zeitung, „obwohl ich das Problem sehe, dass der Mensch in ihr abgeschafft wird.“

„Wir müssen die Realität härter anfassen“

Timm Rauterts Werk hat sich seit den ­späten 1960er Jahren gewandelt; mitunter, so scheint es, hat der Fotograf sich von seinem analytischen Ansatz abgewandt, Porträt-Fotografien prominenter Persönlichkeiten wie Andy Warhol oder Walter de Maria angefertigt. Denkt er über diese Arbeiten nach, werden auch sie zu ­Beispielen seiner konzeptionell reflektierenden Auffassung von Fotografie. Seine Porträts fasste Rautert immer, wie seine anderen Arbeiten, als Serien auf. Warhol ­jedoch wollte sich unbedingt auf ein Einzelbild festlegen, das ihn mit geschlossenen Augen zeigt und das berühmt wurde – ganz entgegen der Intention des Fotografen, der die Serie gezielt einsetzt, um die Gültigkeit des ­Einzelbildes in Frage zu stellen.

„Otto ­Steinert“, sagt Timm Rautert in Erinnerung an „meinen Lehrer“, „war der Auffassung, dass es ein psychologisches Porträt gibt. Das glaube ich nicht. Die Fotografie ist eine vertrackte Sache, was das Porträt ­angeht. Wir müssen die Realität härter ­anpacken, und das verstehen viele Leute nicht.“

Rautert widerspricht gerne und mit Bedacht, nicht nur seinem Lehrer Steinert, auch dem Poststukturalisten Roland Barthes, populär zur Zeit seines Studiums. „Barthes sagte: Die Fotografie ist wie eine Sprache ohne Code. Das ist vollkommener Unsinn. Sie ist wie eine Sprache vollständig codiert und genauso schwer zu lesen.“ Einen theoretischen Orientierungspunkt bietet ihm lediglich Ludwig Wittgenstein, den er paraphrasiert: „Die Fotografie ist alles, was der Fall ist. Alles ist fotografierbar; alles ist wichtig.“

Fotografie als Teil des „modernen Wissens“

Dass man das Fotografierte zwar erkennen, seine Bedeutung aber erst aus dem Kontext erschließen kann, veranschaulicht Timm Rautert knapp und überzeugend in der Galerie Parotta: Dort hängen Fotografien die er in einem früheren Prunkbau ­Mussolinis in Rom anfertigte. Zu finden ist dort die Welternährungsorganisation der Uno. Oder handelt es sich vielleicht doch um sorgfältig hergestellte, sehr kleine Modelle, die hier zu sehen sind? Wo sind die Anhaltspunkte? Welche Aussage ist verlässlich?

Rautert spielt schelmisch mit den Erwartungshaltungen seiner Zuhörer, den Suggestionen, die das fotografische Bild und seine Präsentation liefern, oft genug vom Betrachter nicht durchschaut. Fotografie, die zum Denken anregt, ist für ihn eine Form des „modernen Wissens“, geeignet, den Menschen aus der Höhle des platonischen Gleichnisses zum Wissen, zu einer größeren Souveränität zu führen.

Wie sehr Fotografien erst aus ihren Kontexten heraus lesbar werden, erklärt Rautert auch über die Aufnahmen, mit denen er zu unterschiedlichen Zeiten den Produktionsprozess in den Porsche-Werken in Stuttgart und Leipzig dokumentierte. Was man seinen Fotografien nicht entnehmen kann, ist, dass er zu Zeiten der Krise stillstehende Fließbänder fotografierte; mehr als 20 Jahre ­später, zur ersten neuen Hochzeit des ­Unternehmens, entstanden 1992 gänzlich verschiedene Bilder.

„Die Fotografie“, sagt Timm Rautert, „ist ein so unglaubliches Medium, dass man unmöglich bei einer ihrer Seiten verweilen kann.“ Der Vorwurf, allzu oft den Stil ­gewechselt zu haben, wurde an ihn ebenso gerichtet wie an Gerhard Richter, den er gut kennt und dem er eine Hommage gewidmet hat, die ebenfalls bei Parotta zu sehen ist: ­Richters Werk, auch das noch unentstandene, in Katalogen, auf einem Sockel aus dem selben Marmor, mit dem auch Michelangelo arbeitete.

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