Themenwoche Krebs Skalpell, Strahlung, Gift? – Was Therapien leisten

Von Regine Warth 

Bei der Chemotherapie verteilt sich über das Blut  ein Zellgift, das schnell teilende Krebszellen angreift und vernichtet Foto:  
Bei der Chemotherapie verteilt sich über das Blut ein Zellgift, das schnell teilende Krebszellen angreift und vernichtetFoto:  

Mit interaktiver Grafik - Sie haben Krebs – so lautet die Diagnose für jährlich knapp 500.000 Bundesbürger. Es ist der Auftakt zu einem Kampf, gegen den es durchaus erprobte Mittel gibt: Experten erklären, wie diese am besten eingesetzt werden.

Radiotherapie

Mit Strahlen gegen Krebs? Dass sich dies für den Laien seltsam anhört, weiß Marc Münter sehr wohl. „Man könnte meinen, wir treiben den Teufel mit dem Beelzebub aus“, sagt der Ärztliche Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie im Katha­rinenhospital des Klinikums Stuttgart. ­Tatsächlich wird bei der therapeutischen Bestrahlung nur eine kurz wirksame und meist künstlich erzeugte radioaktive Strahlung verwendet. Die biologische Wirkung der Strahlung auf die Tumorzellen hält aber wesentlich länger an. Das Risiko, durch eine solche Behandlung erneut an Krebs zu erkranken, ist aber verschwindend gering, sagt Strahlenexperte Münter. Richtig ist, dass diese Methode eine der wirksamsten Waffen gegen Krebszellen ist.

Die Idee dazu, Krebszellen mit energiereichen Strahlen zu bekämpfen, entstand kurz nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen im Jahr 1899. Die französische Physikerin Marie ­Curie und ihr Ehemann Pierre zeigten, dass starke elektromagnetische Wellen die DNA in Körperzellen schädigen können. Tumorzellen sterben dabei eher ab als gesunde ­Zellen, da letztere die Schäden besser reparieren können. Heute wird etwas mehr als die Hälfte der Krebspatienten des Klinikum Stuttgarts mit Strahlung therapiert – sei es, um Tumore vor einem chirurgischen Eingriff zu verkleinern, oder aber um nach einer Operation verbleibende Krebszellen zu vernichten. Teilweise wird sogar während einer Operation der Krebs schon bestrahlt – etwa bei manchen Formen von Brustkrebs. „Die Radiotherapie oder die kombinierte Radiochemotherapie kann aber auch eine Operation ganz ersetzen“, sagt Münter. Oder sie wird zur palliativen Behandlung eingesetzt – also zur Linderung der Symptome einer Krebserkrankung.

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Bei der Radiotherapie können Strahlen mittlerweile millimetergenau auf ganz bestimmte Körperbereiche gelenkt werden. Radioonkologen wie Marc Münter berechnen mit Physikern anhand eines Computerprogramms ein exaktes Strahlenfeld. „Wir können so für jeden Patienten individuell festlegen, wo genau er mit welcher Dosis bestrahlt werden muss und auch wie oft.“

Das bleibt nicht ohne Wirkung: „Die Haut in dem Bestrahlungsfeld kann trocken oder gereizt sein“, sagt Münter. Viele Patienten fühlen sich auch müde und abgeschlagen. Manchen wird schlecht, oder sie bekommen Durchfall. „Es kommt immer darauf an, welcher ­Bereich wie lange bestrahlt wird.“ Man kann diese Nebenwirkungen aber mit Hilfe von Medikamenten, Ernährung oder Hautpflegeprodukten lindern.

Forscher tüfteln schon an noch schonenderen Verfahren der Radiotherapie: So ­versucht man beispielsweise, bei schwer ­zugänglichen Tumoren am Auge oder in der Schädelbasis mit kleinen geladenen Teilchen zu schießen. Denn diese Protonen richten sich hauptsächlich gegen den Tumor und verlieren außerhalb des Zielgebiets schnell ihre Wirkung. Dadurch wird gesundes Gewebe in der Nachbarschaft geschont.

Es gibt auch Radiotherapien mit technischer Spezialausstattung, die den Tumor noch genauer bestrahlen, was beispielsweise bei Kopf-, Hals- und Hirntumoren von Vorteil sein kann. Ähnliches versprechen sich Experten von der Robotertechnik, die ebenfalls mit der Strahlentherapie kombiniert werden kann. Doch zum Standard gehören diese Weiterentwicklungen noch nicht, sagt Marc Münter. Zu hoch sind die Kosten, zu groß der Aufwand an Technik und Personal, als dass die Krankenkassen diese Behandlungen standardisiert einsetzen könnten. „Daher eignen sich diese Verfahren nur für bestimmte Krebsarten.“

Chemotherapie

Es war ein Kriegsereignis, dem die Medizin die Chemotherapie zu verdanken hat: Im Dezember 1943 explodierte nach einer Bombardierung im Hafen der süditalienischen Stadt Bari ein Schiff, das Senfgas geladen hatte. Als nach Kriegsende die überlebenden Opfer auf Nachwirkungen untersucht wurden, stellte sich heraus, dass die Zahl einer bestimmten Form der weißen Blutkörperchen stark abgenommen hatte. Senfgas war also ein Gift, das in einer bestimmten Dosis nur bestimmte Zellen angreift.

Die Idee der Chemotherapie war geboren: Über die Blutbahn verteilt sich ein Zellgift im Menschen, das Körperzellen immer nur dann angreift und vernichtet, wenn sich diese teilen. „Da sich Krebszellen meist schneller als gesunde Zellen teilen, schädigen Chemotherapeutika vor allem diese rasch wachsenden Zellverbände“, sagt Stanko Cirovic, Oberarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin im Katharinenhospital, Klinikum Stuttgart. Ein weiterer Vorteil: Im Gegensatz zur Strahlentherapie wirkt sie nicht nur an einer Stelle des ­Körpers, sondern kann auch im Körper verstreute Metastasen angreifen. Daher wird die Chemotherapie nicht nur bei Leukämie eingesetzt, sondern auch bei Tumoren, die sich schnell teilen oder anfangen zu streuen.

Doch auch Haar- und Schleimhautzellen wachsen rasch und erneuern sich ständig. Ebenso sind die blutbildenden Zellen im Knochenmark schnell teilungsfähig. Diese werden ebenfalls durch die Chemotherapie angegriffen – und können zu den typischen Nebenwirkungen wie Haarausfall, Schleimhautentzündungen, Magen-Darm-Beschwerden und aufgrund der veränderten Blutwerte auch zu einer chronischen Erschöpfung führen. Junge Frauen sollten sich zudem im Klaren sein, dass eine Chemotherapie langfristig die Fruchtbarkeit hemmen kann, so Cirovic.

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Es wird aber weiter an neuen Chemotherapeutika geforscht – mit immer besseren Ergebnissen. So sind die Zellgifte deutlich besser verträglich geworden. Hinzu kommen unterstützende Behandlungen, mit denen mögliche Nebenwirkungen abgeschwächt oder verhindert werden.

Vor der Therapie sollten Patienten sich ­genau erkundigen – etwa wie die Chemotherapie wirkt, wie und wie oft sie verabreicht wird und mit welchen Nebenwirkungen zu rechnen sind. Meist wird die Chemotherapie direkt als Infusion in die Blutbahn gegeben – bei manchen Patienten, die eine längere ­Therapie absolvieren müssen, wird dafür ein sogenannter Port-Katheter im Brustbereich angelegt. Es gibt jedoch auch Chemotherapiemedikamente in Tablettenform. Zusätzlich zu der Behandlung werden oft auch weitere Krebsmedikamente verabreicht, um die Therapie zu verstärken. Generell sollten Patienten sicherstellen, dass diese mit anderen ihrer Arzneien wie beispielsweise Blutdruckmedikamenten oder blutverdünnenden Mitteln verträglich sind.

Eine der wichtigsten Aufgaben für den Arzt, so sieht es zumindest Cirovic, ist jedoch, der Therapie den Schrecken zu nehmen. „Die Patienten kommen hier an und haben Angst, dass es ihnen monatelang schlecht geht“, sagt er. Natürlich können Nebenwirkungen auftreten. „Aber wenn die Verträglichkeit nicht stimmt, können wir die Medikamente anpassen.“

Hormontherapie

 

Es ist eine Art „Reise nach Jerusalem“, was die Hormontherapie im Körper eines Patienten mit Brust- oder Prostatakrebs veranstaltet: Wie bei dem Spiel konkurrieren zwei Stoffe um einen Platz. Im Fall von Brust- und Prostatakrebs handelt es sich bei den Mitspielern um Hormone – ein körpereigenes und ein medizinisch verabreichter hormonähnlicher Stoff: „Diese Krebsarten wachsen oft unter Einfluss von körpereigenen Hormonen“, sagt Stanko Cirovic. Also versucht man ihnen mit Stoffen beizukommen, die dieses Wachstum unterdrücken – indem sie beispielsweise den Platz der wachstumsanregenden Hormone einnehmen. Etwa an den Andockstellen – Rezeptoren genannt – der Hirnanhangdrüse. Die Stoffe, die sich normalerweise an diese Rezeptoren binden, sorgen dafür, dass weitere Hormone gebildet werden, die wiederum wachstumsfördernd auf den Tumor wirken. „Werden diese ­Rezeptoren aber besetzt, kann das Hormon seine Wirkung nicht ausspielen.“ Doch hat die Therapie auch ihren Preis: Die Nebenwirkungen der Hormontherapie können den Wechseljahrebeschwerden ähneln: Schlafstörungen, Hitzewallungen, Kopfschmerzen, sexuelle Unlust. „Aber das bessert sich meist im Lauf der Therapie.“

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Tumorchirurgie

Die älteste und nach wie vor die häufigste Methode zur Behandlung von Krebs liefert die Chirurgie: „Es gibt kaum einen Tumor, bei dessen Therapie es keiner Operation ­bedarf“, sagt Katharina Feilhauer. In der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Transplantationschirurgie im Katharinenhospital des Klinikums Stuttgart, in der Feilhauer als leitende Oberärztin tätig ist, werden pro Jahr rund 3000 Operationen vorgenommen, bei zwei Dritteln der Eingriffe ist der Grund eine Krebserkrankung. „Unser Ziel ist es, den Tumor vollständig zu entfernen“, sagt Feilhauer. Damit keine Krebszellen übersehen werden, wird der ­Tumor mitsamt den ihn umgebendenden ­gesunden Lymphbahnen und Blutgefäßen entfernt – sofern diese verzichtbar sind. Nur so kann das Risiko einer Neuerkrankung verringert werden.

Doch nicht immer ist der Krebs einfach so herauszuschneiden: „Bei Darmkrebs haben wir es oft mit Tumoren zu tun, die eng am Enddarm oder am Schließmuskel liegen“, sagt Feilhauer. Um die Chance zu erhöhen, dass diese Bereiche erhalten werden können, wird der Patient erst mit einer Chemo- oder Strahlentherapie behandelt, so Feilhauer. Auf diese Weise wird in manchen Fällen nur vorübergehend ein künstlicher Darmausgang notwendig. Zudem verhindert diese Methode, die von Fachleuten neoadjuvante Therapie genannt wird, gerade bei tief sitzenden Tumoren ihr Wiederauftreten.

Dank verfeinerter chirurgischer Methoden sind Tumoroperationen aber schonender als noch vor einigen Jahren. ­Chirurgische Eingriffe, bei denen größere Organteile oder auch ganze Organe entfernt werden müssen, sind meist nur noch bei fortgeschrittener Erkrankung notwendig.

Bei allen Operationen gilt jedoch: Kein Eingriff geschieht ohne die Einwilligung des Patienten. Und der sollte sich auf diesen Eingriff gut vorbereiten, rät die Deutsche Krebshilfe. Im Zwiegespräch mit dem Arzt muss geklärt werden, was genau und warum operiert wird. Mögliche Komplikationen und gesundheitliche Folgen sollten ebenfalls angesprochen werden. „Das Wichtigste ist daher für den Arzt, sich um das Vertrauen des ­Patienten zu bemühen“, sagt die Chirurgin Feilhauer.

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