Artikel weiterempfehlen Artikel drucken Artikel kommentieren

Teurer Tunnel Kostenexplosion in Schwäbisch Gmünd

Heino Schütte und Gregor Preiß, vom 03.02.2012 18:51 Uhr
Der Tunnel soll die Stadt im Ostalbkreis vom Durchgangsverkehr entlasten Foto: dpa
Der Tunnel soll die Stadt im Ostalbkreis vom Durchgangsverkehr entlasten Foto: dpa
Siehe auch

Schwäbisch Gmünd - Das Regierungspräsidium Stuttgart hat die Kostenexplosion inzwischen bestätigt. Ein Sprecher der Behörde verweist aber noch auf Nachverhandlungen und genaue Prüfungen mit den Baufirmen. Tatsache sei, dass im Zuge der Bauarbeiten „geologische Überraschungen“ aufgetreten seien, die einen Mehraufwand an Arbeit und Material bedingt hätten.

Die 2,2 Kilometer lange Tunnelkonstruktion führt in Schichten des Bunten Mergel. Dieser ist gekennzeichnet durch einen Wechsel aus unterschiedlich festen Ton- und Sandsteinschichten. Die uneinheitlichen Schichten konnten durch Probebohrungen im Voraus nicht ausreichend erfasst werden. Erst die Tunnelarbeiter erkannten durch eigenen Augenschein, wie groß der tatsächliche Aufwand für Sicherung und Ausbau mit Beton und Stahl sein würde.

Hinzu kommt die große hydrogeologische Herausforderung in den wetterlaunischen Grundwasserzonen direkt neben der Rems. Die Tunnelwände müssen wie ein Freibadbecken abgedichtet werden. Auch dabei laufen die Kosten für Stahlbeton und Fundamente aus dem Ruder.

Seit fast 30 Jahren geplant und gebaut

Das Regierungspräsidium geht, ausgehend von der zuletzt im Bundeshaushalt fixierten Summe von 230 Millionen Euro, von einer zehnprozentigen Steigerung aus. Die Kalkulation könnte sich bis zur Fertigstellung in einem Jahr aber noch erhöhen. Damit bestätigt das Regierungspräsidium Aussagen des Gmünder Bundestagsabgeordneten und finanzpolitischen Sprechers der CDU-Bundestagsfraktion, Norbert Barthle.

Dieser hatte von Mehrkosten in Höhe von 35 Millionen Euro gesprochen. Vorsorglich widmete er schon mal 20 Millionen Euro aus dem jüngsten Infrastrukturbeschleunigungsprogramm des Bundes dem Gmünder Sorgenkind – immerhin ein Fünftel der Summe fürs ganze Land. Das Sonderpaket soll bereits begonnene Straßenbauvorhaben beschleunigen. 21 Millionen fließen in den Ausbau der A 8 zwischen Karlsbad und Pforzheim-West, zehn Millionen in den Ausbau zwischen Gruibingen und Mühlhausen, mit 16 Millionen soll der Abschnitt Böblingen/Hulb–Gärtringen beschleunigt werden.

An der aktuell größten und teuersten Straßentunnel-Baustelle Deutschlands wird nun schon seit fast 30 Jahren geplant und gebaut. Vor zehn Jahren belief sich die Schätzung noch auf 125 Millionen Euro. Bei Baubeginn des Tunnels im Zuge der insgesamt vier Kilometer langen Ortsumgehung standen 180 Millionen Euro im Raum. Danach explodierten die Arbeits-, Material- und Rohstoffpreise vor allem beim Baustahl, so dass der Betrag auf 230 Millionen kletterte. Damit haben sich die Baukosten innerhalb von zehn Jahren verdoppelt.

Rems muss auf 1000 Metern verlegt werden

Die gleiche Entwicklung bereitet den Geldgebern von Bund und Land auch bei den Betriebskosten Kummer. 2004 war noch von laufenden Kosten in Höhe von 350 000 Euro pro Jahr die Rede gewesen. Jüngste Prognosen liegen nun bei 1,2 Millionen Euro. Bau- und sicherheitstechnisch ist der Tunnel im Vergleich zu anderen ein relativ kompliziertes Gebilde. Er umfährt in einem weiten und kurvigen Bogen den historischen Stadtkern von Schwäbisch Gmünd, muss hierbei Rems und Eisenbahnlinie unterqueren. Die Trogform unterquert den Grundwasserspiegel. An der tiefsten Stelle beträgt die Überdeckung zur Erdoberfläche etwa 120 Meter. Aus Kostengründen wird es vorläufig nur eine Fahrröhre mit Gegenverkehr geben, was eine aufwendige sicherheitstechnische Nachrüstung mit Querstollen und Rettungstunnel notwendig machte.

Riesig auch der Aufwand für das Verlegen der Rems in einen neuen Kanal auf gut 1000 Meter Länge. Dazu muss Hochwassersicherheit hergestellt werden. Sonst würde bei einer Flut, wie sie in den vergangenen 20 Jahren wiederholt vorkam, das Wasser in den Tunnel schwappen.

Die Vorteile des Bauwerks sind jedoch auch nicht zu vergessen. Schwäbisch Gmünd leidet seit Jahren unter hohem Durchgangsverkehr. Mit 40 000 Fahrzeugen pro Tag ist die B 29 die wichtigste Achse zwischen Stuttgart und Ostwürttemberg. Wenn das stauträchtige Nadelöhr beseitigt ist, werden sich die Fahrzeiten beträchtlich verkürzen. Außerdem gibt der Tunnel der Stadt mit Blick auf die Landesgartenschau 2014 Luft und Raum für einen grünen Stadtumbau.

In der Bevölkerung regt sich dennoch heftige Kritik, weil sich angeblich niemand in der Lage sieht, die Röhre mit einer Filteranlage auszustatten. Die feinstaubgeschwängerte Abluft soll über einen gewaltigen Schacht am Himmel im Norden Gmünds verteilt werden. Fast 20.000 Prostestunterschriften sollen demnächst der Landesregierung überreicht werden.

Kommentare (21)
» Kommentarregeln
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen
FEB
07
13:12 Uhr, geschrieben von Dieter
Eine Wette!!
Ich biete hier eine Wette an - im juristischen Rahmen selbstverständlich. Das Projekt S21 - Bahnhof und Neubaustrecke - werden bei Fertigstellung zwischen 20 und 25 Milliarden €uro kosten. Und das ohne Garantie, daß der Bahnhof auch wirklich funktioniert! Ich bitte um Meldungen, wer dagegen hält! Die Gründe für die Kostensteigerungen kann ich gerne hier auch schon nennen - als Vorlage für die Ausredenschreiber, die den Schlamassel dann begründen müssen. 1. die bösen Demonstranten 2. das böse, böse Gestein, das sich plötzlich und unerwartet den grandiosen Planern in den Weg gestellt hat 3. die bösen wetterlaunischen Grundwasserzonen 4. die bösen Unternehmen, die ganz unvorhersehbar die Preise für Dienstleistungen und Material ganz exorbitant angehoben haben 5. blablablaaaa . . . . Wetten daß?!?
FEB
06
09:40 Uhr, geschrieben von r:steiner
Zu doof, um Filter in Röhren einzuplanen, aber Kosten verdreifachen. So siehts aus!
Man müsste lauthals schreien, so blöd sind die Planer nicht nur bei S-21, sondern auch beim Gmünder Tunnel. Kosten vervielfachen, aber Filter für Umweltschutz vergessen. Wir können alles, aber nichts richtig!
FEB
05
22:55 Uhr, geschrieben von Gminder
Nur wenige werden sich daran erinnern...
...dass der Stuttgarter OB Schuster in seinen jungen Jahren OB von Gmünd war und diesen unsäglichen Tunnelbau ganz wesentlich mit angestoßen hat, unter seiner Regie wurde das Projekt planfestgestellt. Dann hat er sich als Kulturbürgermeister nach Stuttgart abgesetzt, hier in Stuttgart dann das gleiche Spiel als OB: Schwachsinn21 auf den Weg gebracht und jetzt die Flucht aufs Altenteil. Milliarden wird er uns noch kosten...
Kommentar-Seite
vorherige
1  von  7
nächste
Bildungsgutscheinen droht das Aus
Wegen der Sparzwänge will Sozialministerin ab 2014 die Erziehungshilfen auf Problemfamilien fokussieren
Mappus sieht sich entlastet und attackiert Kanzlei
Stefan Mappus sieht Schuld bei damaligem Rechtsberater. Kanzlei Gleiss Lutz in Bedrängnis.

 

Anzeigen

 

Anzeige
Nachrichtenticker
01:40   Trittin fordert Einstieg in Euro-Bonds - Drohung mit Fiskalpakt-Veto
01:40   EU-Gipfel sichert Griechenland weitere Hilfe zu
01:24   Hewlett-Packard setzt 27 000 Mitarbeiter vor die Tür
00:52   Merkel berät mit Oppositions-Spitzen über Fiskalpakt
00:45   Wieder Nachbeben in Italien
1   2   3   4   5   6   7   weiter
» aktualisieren
Video
Interaktiv
  • Umfrage
Facebook IPO

Das Soziale Netzwerk Facebook startete mit 38 Dollar pro Aktie - und legte einen der schlechtesten Börsengänge der vergangenen Jahre hin.  Wie reagieren Sie darauf?

 
Mit Schadenfreude! Ist doch gut, wenn der Facebook-Hype abschwächt
Mit Verwunderung. Ich hätte nicht gedacht, dass die Aktie so abstürzt
Mit Verärgerung! Wie kann das sein? Facebook ist doch ein tolles Unternehmen
 
(Ergebnis anzeigen)
 
  • Facebook
  • Foren
  • Twitter
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
 
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise