Stuttgart und Region Taxigewerbe fährt ins Verderben

Jürgen Lessat, 30.12.2012 09:00 Uhr

Stuttgart - Bewerber um eine Taxikonzession in der Landeshauptstadt haben jüngst Post vom Amt für öffentliche Ordnung bekommen. Per Einschreiben verweigerte die zuständige Führerscheinstelle der Behörde die Erteilung zusätzlicher Lizenzen im hiesigen Bezirk, der Stuttgart, Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen umfasst. Eine 15-seitige Begründung war beigefügt. Das Schreiben, das unserer Zeitung vorliegt, liest sich wie ein Abgesang auf das traditionsreiche Gewerbe, das mit derzeit 784 Fahrzeugen Teil des öffentlichen Verkehrsangebots ist. „Das Stuttgarter Taxengewerbe ist in seiner Funktionsfähigkeit bedroht“, heißt es darin. Fahrer wie Unternehmer könnten vom Betrieb eigentlich nicht mehr leben, überlange Arbeitszeiten und fehlende Reparaturen bedrohten die Verkehrssicherheit.

Aufwendig haben Führerscheinstellen-Leiter Steffen Hammel und Mitarbeiter branchenspezifische Indikatoren untersucht. Fast alle zeigen Bremsspuren. So sinkt die Nachfrage nach Fahrten seit Jahren. Im Vergleich zu 2008 vermittelt die Stuttgarter Taxi-Autozentrale (Taz) heute 9,5 Prozent weniger Fahrten: Vor der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise funkte die Taz noch jährlich über 1,5 Millionen Aufträge an die Fahrer, 2011 schrumpfte die Zahl auf 1,36 Millionen. Zwar lassen sich Taxis seit kurzem auch über Smartphone-App ordern. Kenner bezweifeln aber, dass dieser Dienst den Rückgang der Funkzentralen-Aufträge ausgleicht.

Taxifahrer sitzen oft länger hinterm Steuer als erlaubt

Die aktuelle Flottenstatistik der Taz zeigt zudem, dass die meisten Taxis immer seltener Geld einfahren. Zwischen Juni 2011 und Mai 2012 waren drei von vier Fahrzeugen unbesetzt im Dienst, sie fuhren oder standen bei der Erhebung leer. Nur bis zu einer Leerquote von 50 Prozent lohnt sich das Geschäft.

Die Beispielrechnung eines Unternehmers macht die Talfahrt deutlich. Mit zwei Taxis fuhr er 2010 nach Abzug aller Ausgaben 3873 Euro als Jahresgewinn ein, im Folgejahr waren es nur noch 3163 Euro. „Der jährliche Gewinn hält sich sehr in Grenzen, obwohl die angestellten Fahrer in Stuttgart häufig nicht nach einem festen Stundenlohn, sondern nach Umsatz bezahlt werden“, kommentiert das Amt das Ergebnis.

Vermutlich sitzen deshalb viele Fahrer länger als gesetzlich erlaubt hinter dem Steuer, um über die Runden zu kommen. „Die größte Problemgruppe bilden die Alleinfahrer, die mit knapp 70 Stunden wöchentlicher Einsatzzeit auf eine zeitliche Belastung kommen, die mit dem öffentlichen Verkehrsinteresse nicht mehr in Einklang zu bringen ist“, heißt es warnend. Die Einsatzzeiten stünden zu Erlösen und Gewinnen in einem dramatischen Missverhältnis, Taxifahren reiche kaum noch zum Überleben. „Angesichts fehlender beruflicher Alternative sind zahlreiche Unternehmer an das Taxigewerbe gebunden – auch gegen jede betriebswirtschaftliche Vernunft“, schlussfolgern Prüfer. Weil das Geld auch nicht zur Altersvorsorge reicht, werden auch die Fahrer immer älter. „In Stuttgart sind einige 70-jährige Chauffeure unterwegs“, so Hammel.

In Stuttgart gibt es zu viele Konzessionen und zu viele Fahrer

Zudem kaschierten Unternehmer die schwierige Gewinnsituation. Da zahlreiche Unternehmer „jenseits der betriebswirtschaftlichen Plausibilität arbeiten“, geht das Ordnungsamt auch von massivem Steuerbetrug aus. „Immer wieder gehen Rückmeldungen von Taxikunden ein, dass ohne Beleg bezahlt werden musste“, wird als Indiz angeführt. Angesichts der unsicheren Konjunkturaussichten drohten in Stuttgart „weitere Teile des Gewerbes in die Schattenwirtschaft abzudriften“.

Die Taxi-Autozentrale bestätigt das beunruhigende Lagebild: „Die Situation ist alarmierend“, sagt Vorstand Uwe Neikes. In Stuttgart gebe es nicht nur zu viele Taxikonzessionen, sondern auch zu viele Fahrer. Anders als noch vor wenigen Jahren wären heute fast alle Fahrzeuge im Schichtbetrieb rund um die Uhr im Einsatz. Die Folge: Mehr Fahrzeuge als früher warten an den Taxiständen auf immer weniger Aufträge.

Licht am Ende des Tunnels ist für Fahrer wie Unternehmer nicht in Sicht. Vielmehr sieht die Zukunft durch neue Mobilitätsangebote in der Region eher noch schwärzer aus. Der Start der Nacht-S-Bahnen an ­Wochenenden zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember dürfte weitere Umsatzeinbußen bringen, auch weil die Nacht-Bahnen den Flughafen rechtzeitig zum Einchecken für Frühflieger ansteuern. Bisher waren Fluggäste auf Taxis angewiesen. „Auf längeren Strecken wird uns die Nacht-S-Bahn Einbußen bringen“, erwartet Vorstand Neikes. Nur an den Endstationen und den großen Umsteigehalten dürfte das neue Nachtangebot die Taxi-Nachfrage ankurbeln.

Als neue Konkurrenz sehen Branchenkenner auch die Daimler-Mietwagenflotte Car2go, die vor wenigen Tagen in Stuttgart an den Start ging. Bisherige Taxikunden könnten scharenweise auf die günstigen wie bequem zu ordernden Elektroflitzer umsteigen. „Ich würde es nicht mehr machen“, sagt Uwe Neikes, der vor 30 Jahren seine erste Stuttgarter Taxilizenz erwarb.

 
 
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FEB
12
Holger B., 12:37 Uhr

Wer tut was?

Das ist doch alles ganz einfach: Kein Mensch fährt mit einem Taxi nur spazieren und legt dabei drauf. Also wird gut verdient, mit Konzessionen sogar gehandelt und Behörden und Finanzamt rigoros angelogen. Geht doch mal an den Hauptbahnhof und seht, wie immer wieder Taxis per Handy aus der Warteschlange herausgerufen werden. Glaubt da wirklich auch nur einer, dass diese Fahrt dann versteuert wird? Ein Taxi ist eigentlich nur dazu da um eine Steuerlast auf null zu drücken. Ich will lieber gar nicht wissen, was da neben Schwarzarbeit, Sozialbetrug und Steuerhinterziehung noch passiert. Schon allein die Tatsache, dass es praktisch nur noch zwei Landsmannschaften gibt, welches sich das Gewerbe aufteilen zeigt, dass hier gar Marktgesetze schon lange nicht mehr funktionieren. Und nun lassen sich gar die Behörden noch zu Komplizen für diese feine geschlossene Gesellschaft machen. Wollen wir wetten, dass OB Kuhn da auch nichts machen wird? Jeder weiß es – keiner tut was!

DEZ
30
Bluejays, 20:22 Uhr

Taxi fährt ins Verderben

Der Bericht geht total an der Thematik vorbei ! Ist es denn nicht so, dass es fast 80% der Taxiunternehmen in ausländischer Hand und einige viele davon nicht einmal der deutschen Sprache mächtig sind, geschweige über genügend Ortskenntnis verfügen, wenn sie nicht ihr Navigationsgerät hätten ? Fakt ist doch auch, dass diese Leute praktisch jeden Preis für eine Taxikonzession bezahlen ! Da hat ein Einheimischer auch keine Chancen mehr. Und der Erwerb bzw. Kauf einer Taxikonzession hat nun auch die Bewandtnis, sich ein legales Aufenthaltsrecht mit zu erkaufen, da muss man sich auch nicht über zu hohe Konzessionspreise wundern. Da fragt man sich, woher diese Leute das viele Geld her haben, welches so einfach für ein unrentables Geschäft investiert werden kann ?

DEZ
30
crash, 19:42 Uhr

Schwarzarbeit hoch drei

Die Leute bewerben sich nur um Taxi-Konzessionen weil die Taxifahrer von vornherein damit planen die Umsätze nicht zu versteuern. Das Taxifahrergewerbe ist das reinste Schwarzarbeit-Gewerbe. Die Preisevorgabe der Behörden werden aber so berechnet als ob jeder Euro auch versteuert wird (Umsatzsteuer, Einkommensteuer).

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