Artikel weiterempfehlen Artikel drucken Artikel kommentieren

Stuttgart OB und Kämmerer visieren Waffensteuer an

Josef Schunder , vom 05.07.2010 14:30 Uhr
  Foto: dpa-Zentralbild
Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Die Landeshauptstadt sucht weitere Geldgeber. Die Idee der Grünen, mit einer Bettensteuer die Übernachtungsgäste oder Hoteliers zur Kasse zu bitten, hat kaum Chancen. OB Wolfgang Schuster und Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) wollen offenbar lieber einen Teil der Waffenbesitzer schröpfen.

Das Stadtoberhaupt und sein Stellvertreter schmiedeten in den vergangenen Tagen geheimnisvolle Pläne. Am Mittwoch soll der städtische Haushaltsstrukturausschuss tagen - doch Unterlagen dafür haben Schuster und Föll noch keine ausgegeben. Sie wollen zuerst ihren eigenen Auftritt haben. Am heutigen Montag bitten sie zu einer Pressekonferenz über die aktuelle Finanzlage der Stadt. Das Thema ist klar: Im städtischen Haushalt klafft noch ein Loch von fünf Millionen Euro, das man bei den Haushaltsberatungen im Dezember nicht mehr hatte stopfen können. Nun muss es nachgeholt werden.

Am einfachsten wäre es, wenn man bei den Übernachtungsgästen eine Förderabgabe für die Kultur erheben würde, meinten die Grünen. Eine Abgabe, die bundesweit als Bettensteuer diskutiert wird. Doch nicht nur bei der SPD, die den Grünen die Mehrheit verschaffen müssten, sind die Vorbehalte (noch) sehr groß. Über den Grünen-Vorschlag ist es in den letzten Monaten zu einem Gerangel zwischen CDU-Bürgermeister Föll und dem Grünen-Bürgermeister Klaus-Peter Murawski gekommen. Sein Kollege sei für derartige Fragen nicht zuständig, sagte Föll - und verwies auch auf die Stellungnahme des baden-württembergischen Städtetags, wonach die in Stuttgart besonders zahlreichen Geschäftsreisenden nicht besteuert werden könnten.

Bundesweit kein Beispiel bekannt

An diesem Montag nun wollten Schuster und Föll einen eigenen Steuervorschlag machen, hieß es in den letzten Tagen im Rathaus. Sehr viel spricht dafür, dass sie für eine Waffensteuer plädieren werden, die im Fachjargon Waffenbesitzabgabe heißt. Der besondere Charme dabei: Nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen wird so ein Vorschlag vermutlich auf breite Zustimmung stoßen. Besonders das Lager links von der Mitte im Gemeinderat müsse da ganz einfach zustimmen, heißt es im Rathaus. Die CDU wird sich auch nicht drücken, schließlich hat sie nach dem Amoklauf mit einem eigenen Antrag die Verbesserung der jahrelang verschleppten Waffenkontrollen angekurbelt, die den Aufwand erhöht. Zudem könnten Schuster und Föll die Steuer auch zum Steuerungsinstrument erklären. So mancher Waffenbesitzer könnte dadurch den entscheidenden Anreiz bekommen, sich selbst zu entwaffnen oder geerbte Waffen endlich abzugeben. Da bundesweit noch kein Beispiel für die Waffensteuer bekannt ist, dürfen sich Schuster und Föll Aufmerksamkeit und Zustimmung auch weit über die Stadtgrenzen hinaus ausrechnen.

Tatsächlich hat sich Föll in jüngerer Zeit auch um das Thema Waffensteuer gekümmert. Einmal mehr wurde er beim Städtetag Baden-Württemberg fündig. Dieser ließ durch ein Gutachten klären, ob es für die Waffenbesitzabgabe rechtliche Hindernisse gibt. Das Gutachten ist fertig. Bernd Aker, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Städtetags, verweigert zwar jede Auskunft über das Ergebnis, weil der Fachausschuss des Städtetags noch nicht informiert sei. Nach Informationen unserer Zeitung halten die Gutachter die Waffenbesitzabgabe jedoch für zulässig - wenn jene davon befreit bleiben, die von Berufs wegen eine Waffe tragen müssen, Sportschützen oder gefährdete Personen sind.

Auch im Stuttgarter Rathaus heißt es, laut Gutachten sei die Einführung der Waffensteuer möglich. Föll denke an eine Gebühr in Höhe von 150 Euro im Jahr. Wie viele Stuttgarter letztlich bezahlen müssten, ist ungewiss. Bekannt ist immerhin, dass es in Stuttgart gut 11.000 Waffenbesitzer mit insgesamt fast 30.000 Waffen gibt. Würden 50 Prozent von der Waffensteuer getroffen, könnte die Stadt zwischen 800.000 und 2,3 Millionen Euro eintreiben - je nachdem, ob die Gebühr pro Waffenbesitzer oder Waffe erhoben wird.

Das Aufkommen wird höchstwahrscheinlich aber nicht reichen, um allein damit das Loch im städtischen Haushalt zu stopfen. Deswegen rechnen Beobachter im Rathaus damit, das Schuster und Föll auf zwei weitere Einspareffekte setzen werden: auf die Zusammenlegung von Sportamt und Bäderverwaltung, wenn die Bäderchefin Anke Senne-Bunn demnächst abwandern will, und auf eine Neuordnung beim städtischen Weingut. Mit Hilfe eines Gutachters durchleuchteten Verwaltung und Gemeinderat bereits das Weingut und loteten die Möglichkeiten der Verpachtung aus. Nun scheinen sich Schuster und Föll am Ziel zu wähnen. Manche Stadträte rechnen damit, dass sie die Verpachtung des einzigen deutschen Weinguts vorschlagen, das von einer Stadt in eigener Regie betrieben wird. Allerdings, so verlautet aus der Verwaltung, gebe es auch noch andere Möglichkeiten, das Weingut profitabler zu machen.

Kommentare (34)
» Kommentarregeln
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen
JUL
30
18:18 Uhr, geschrieben von Pfefferle, Herbert
Es gibt zwei Gutachten und eines verdient auch diese Bezeichnung
Herbert, 30.07.2010 Zwei Gutachten Es gibt zwischenzeitlich zwei Gutachten zur Zulässigkeit/Unzulässigkeit einer kommunalen Waffensteuer. Das erste wurde vom Städtetag BW an den Freiburger Rechtsanwalt Volker Stehling, Fachanwalt für Baurecht, vergeben und das zweite vom Deutschen Schützenbund an Prof. Dr. Johannes Dietlein, Inhaber des Lehrstuhls für öffentliches Recht und Verwaltungslehre an der Universität Düsseldorf, einem Fachmann mit bundesweit hervorragender Reputation. Beide Gutachten sind im Internet frei verfügbar. Wer sie gelesen hat, wird schnell erkennen, wer von beiden noch ein paar Semester des Nachstudiums bedarf und wer nicht. Insofern ist es eine demokratische und rechtsstaatliche Unverfrorenheit zu versuchen, im Gemeinderat einen offensichtlich rechtswidrigen Antrag noch schnell durchzupauken. Wo leben wir eigentlich?
JUL
28
21:31 Uhr, geschrieben von Lobbyist
Bärendienst
Die Waffensteuer hat im Stuttgarter Gemeinderat heute (noch) keine Mehrheit gefunden. Fest steht, OB Schuster hat der CDU-BW einen Bärendienst erwiesen. Die CDU kann es sich nicht mehr länger leisten ihre konservativen Stammwähler - vornehmlich Schützen und Jäger - zu verprellen. Ansonsten sehe ich für die kommende Landtagswahl alles andere als "schwarz".
JUL
27
19:34 Uhr, geschrieben von Anonymer Benutzer
Gegengutachten von Prof. Dr. Dietlein - Viel Spaß beim Prozessieren
Die Stadt wird sich aber bald warm anziehen dürfen, wenn sie die Waffensteuer einführt. Sie scheint wohl rechtswidrig zu sein. Da bin ich aber gespannt, in welcher Höhe die Stadt demnächst die Prozesskosten übernehmen muss, wenn sich die Schützen und Jäger dagegen wehren. Hier das Gutachten des UNI-Professors. http://www.dsb.de/media/PDF/Recht/Waffenrecht/Aktuelles/20100725_Dietlein_Gutachten_Waffensteuer.pdf
Kommentar-Seite
vorherige
1  von  12
nächste


Stadt kämpft um Sicht auf Markthalle
Bilder Das Dorotheen-Quartier steht in der Diskussion – Es gibt Lob für die Überarbeitung.
Polizei stellt 34 Kilogramm Cannabis in Stuttgart sicher
Stuttgarter Automechaniker in Haft - Polizei schätzt den Wert der Drogen auf 150.000 bis 200.000 Euro.

 

Anzeigen

 

Anzeige
Nachrichtenticker
03:58   Champions League der Frauen: Frankfurt will Titelpremiere
03:10   Wolfgang Schäuble erhält Karlspreis
02:55   Aufsichtsrat informiert über Konsequenzen aus Flughafen-Debakel
02:14   Auftakt der Proteste gegen Banken - Zeltlager in Frankfurt geräumt
02:10   Europäische Innenminister treffen sich in München
1   2   3   4   5   6   7   weiter
» aktualisieren
Video
Prospekte

Interaktiv
  • Umfrage
Fortuna Düsseldorf - Hertha BSC

Fans randalierten nach dem Abstieg des KSC, in Düsseldorf brach kurz vor Abpfiff das Chaos aus. Was sollte man dagegen tun?  

 
Die Einsatzkräfte sollten härter durchgreifen
Platzsperren und Geldstrafen für die Vereine
Nichts! Relegation ist emotionaler Ausnahmezustand
 
(Ergebnis anzeigen)
 
  • Facebook
  • Foren
  • Twitter
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
 
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise