Studie von Unternehmensberatung Manche Klinik finanziert laufenden Betrieb auf Pump

Von Christoph Link 

Rund 60 Prozent der Krankenhauskosten entfallen aufs Personal. Foto: dpa
Rund 60 Prozent der Krankenhauskosten entfallen aufs Personal. Foto: dpa

Ein Studie von Roland Berger stellt für die 30 größten Krankenhausverbünde in Baden-Württemberg ein Rekorddefizit fest. Manche Klinik finanziert den laufenden Betrieb mit Krediten.

Stuttgart - Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser in Baden-Württemberg ist nach Ansicht der Unternehmensberatung Roland Berger „besorgniserregend“. Nach einer Analyse der Geschäftsberichte von 2015 kommt Roland Berger zu dem Schluss, dass die 30 größten Krankenhausverbünde im Südwesten ein Rekorddefizit von 145 Millionen Euro geschrieben haben – rund 20 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. „Mehr als die Hälfte der 30 größten regionalen Krankenhausverbünde ist defizitär“, sagt Peter Magunia, Gesundheitsexperte bei Roland Berger.

Die Zahl der rote Zahlen schreibenden Klinikverbünde ist zwar um drei auf 17 zurück gegangen, doch kann dies das düstere Bild nicht aufhellen. Es zeige aber, so Magunia, dass es möglich sei, Kliniken „nachhaltig wirtschaftlich zu betreiben“. Fast alle defizitären Krankenhäuser seien in öffentlicher Trägerschaft, ihre Haushaltslöcher gingen zulasten von Städten und Landkreisen. Die Lage sei belastend: „Viele Krankenhäuser mussten bereits Kredite aufnehmen, um Verluste aus dem operativen Geschäft auszugleichen oder Investitionen zu stemmen, die die öffentlichen Träger nicht übernehmen“, sagt Magunia.

Auch die Ausgaben für Krankenhäuser steigen auf Rekordniveau

Obwohl Kliniken Finanznot leiden, sind die Krankenhausausgaben in Baden-Württemberg stark gestiegen und erreichten zuletzt ein Rekordniveau von 10,1 Milliarden Euro. Auch im Geschäftsjahr 2015 habe sich „der langsame Trend des Kliniksterbens“ fortgesetzt – die Zahl der Hospitäler sank landesweit um zwei auf 268. Auch für die nächsten Jahre geht Roland Berger vom Rückgang von Klinikbetten und Krankenhäusern im Südwesten aus. Obwohl die Zahl der Patienten mit 2,1 Millionen im Berichtsjahr einen Höchststand erreichte, bemängeln die Experten die zu schwache Bettenauslastung, die bei 77 Prozent liege. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, müsse sie bei mindestens 80 Prozent liegen.

Auf einen Nachteil Baden-Württembergs weist die Studie hin: Der Gesetzgeber habe die Preise für Krankenhausleistungen in den letzten zwei Jahren nur geringfügig angepasst, was den Druck auf die Häuser erhöhe. Bis 2014 habe die durchschnittliche Vergütung pro Patient deutlich über dem Durchschnitt anderer Bundesländer gelegen, mittlerweile sei sie auf dem Niveau der anderen angekommen. „Auf eine Entlastung der Politik zu warten wäre falsch“, sagt Magunia. Die Experten raten, das Klinikangebot der Alterung der Gesellschaft anzupassen: Kardiologie, Neurologie und Geriatrie anzubieten. Sie empfehlen mehr Effizienz, eine Digitalisierung und eine schnellere Reaktion auf Veränderungen.

Die baden-württembergische Krankenhausgesellschaft weist auf das höhere Lohnniveau im Land hin, dass nicht mehr ausgeglichen werde. „Das ist für uns eine Katastrophe“, sagt Geschäftsführer Matthias Einwag. Das über dem Bundesdurchschnitt liegende Lohnniveau im Südwesten betreffe fast alle Berufsgruppen in den Kliniken, hieraus ergebe sich eine Mehrbelastung von 251 Millionen Euro – bezogen auf den einzelnen Krankenhausfall liege sie bei rund 100 Euro.

Jedes Jahr machen im Südwesten ein bis zwei Kliniken dicht

Jährlich, so Einwag, machten im Land ein bis zwei Krankenhäuser dicht. Zuletzt sind die Standorte Engen, Forbach und Vaihingen geschlossen worden, das Aus für Möckmühl und Brackenheim wird vollzogen. In Künzelsau finden Proteste gegen eine Krankenhausschließung statt, in der Region Lörrach sollen aus vier Kliniken eine werden. In Riedlingen wird über eine Schließung diskutiert. Dabei habe Baden-Württemberg bundesweit die geringste Dichte an Klinikbetten, so Einwag. Im übrigen sei die Verweildauer von 10,2 Tagen im Jahr 2000 auf 7,4 Tage in 2015 gesunken.

Das Sozialministerium in Stuttgart erwartet, dass es weiterhin „Zusammenlegungen und Schwerpunktbildungen“ bei den Kliniken geben werde. Sozialminister Manne Lucha (Grüne) teilt die Kritik der Landeskrankenhausgesellschaft am „viel zu niedrig festgelegten Grundpreis für Klinikleistungen in Baden-Württemberg“. Lucha hat sich mehrfach mit der „dringenden Bitte“ an Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) gewandt, die hohen Personalkosten an den Kliniken im Südwesten stärker bei der Festlegung des Landesbasisfallwerts zu berücksichtigen.

Lesen Sie jetzt