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Spotgun - neue App aus Stuttgart Mehr Spaß in den Werbepausen

Von Sascha Maier 

Die Gründer Philipp Rottmann (links) und Jürgen Gomeringer haben auch selbst offenbar Spaß an ihrer Quizapp, die mittlerweile von 4500 Menschen genutzt wird Foto: Jan Reich
Die Gründer Philipp Rottmann (links) und Jürgen Gomeringer haben auch selbst offenbar Spaß an ihrer Quizapp, die mittlerweile von 4500 Menschen genutzt wirdFoto: Jan Reich

Manche bezahlen Geld, um sich Werbung im Fernsehen zu ersparen. Ein Stuttgarter Start-up-Unternehmen versucht die Werbepausen zwischen dem Programm durch ein Quizspiel kurzweiliger zu machen.

Stuttgart - Es gab Zeiten, in denen nur vier Programme über die Mattscheibe flimmerten. Schon damals war es in manchen Familien üblich, während der Werbeblöcke um die Wette zu raten, für was welcher Werbespot wirbt. Jürgen Gomeringer ist 28 Jahre alt und hat diese Zeiten noch miterlebt. Jetzt hat der junge Unternehmensgründer das Ratespiel vor dem Fernseher mit zwei Kollegen zu einer Geschäftsidee weiterentwickelt. Zu einer App – einer Anwendung fürs Smartphone. Seit Februar 2014 ist die Firma Spotgun im Handelsregister eingetragen. Letzte Woche wurde das Ratespiel von der Fachzeitschrift „Androidapp“ zur Quizapp des Jahres gekürt.

Second Screen heißt die Technologie, die den Bildschirm des Fernsehers mit dem des Smartphones verbindet. So wird Spotgun in Echtzeit gespielt. Immer dann, wenn Werbung kommt. Was das Gründertrio aus Gomeringer, Philipp Rottmann und Dominic Herr gerne demonstriert. In ihrem Büro im Technologiezentrum der Uni Stuttgart steht ein Röhrenfernseher – als wollten sie der Grundidee aus ihrer Kindheit eine Ehre erweisen. „Spotgun spielt sich ganz einfach“, erklärt Gomeringer, „es gibt zwei verschiedene Spielmodi.“ Einmal geht es darum, vor dem Familienfernseher möglichst schnell zu erraten, für welches Produkt oder welche Firma ein Spot wirbt. Dann geht es weiter zur Zusatzfrage. „Da könnte zum Beispiel die Frage sein, wie viele Pakete der ­Zalando-Mann trägt. Oder welche Farbe in einem Haribo-Spot Thomas Gottschalks Gürtel hat.“ Dabei spielt zunächst örtlich unabhängig jeder gegen jeden. Für schnelle und richtige Antworten bekommen die Spieler Punkte – die wiederum in einem Online-Shop gegen Gewinne eingetauscht werden können. Der zweite Modus ist das gezielte Duell. „Man erklärt einem Nutzer die ,Feindschaft‘, und wenn dieser akzeptiert, spielt man um die Punkte des Gegenspielers“, erklärt Gomeringer. „Feindschaft“ ist hier an das soziale Netzwerk Facebook angelehnt – wo man nur Freundschaftsanfragen stellen kann.

46.000 Werbespots muss Spotgun erkennen

Was im Ergebnis simpel klingt, ist hinter den Kulissen sehr aufwendig. „Wir haben insgesamt 46 000 Werbespots gespeichert, die die App erkennen muss“, erklärt Philipp Rottmann, der für die Technik bei Spotgun verantwortlich ist, „außerdem haben wir einen Fragenkatalog von 25 000 Fragen erstellt.“ 1500 kommen wöchentlich dazu, die sich die Gründer selbst beim Gucken der TV-Spots ausdenken. Technisch lief nicht alles reibungslos. Besonders bei langsamen TV-Übertragungen – wie Internetfernsehen – funktioniert die App nicht richtig, die von einem schnellstmöglichen TV-Anschluss ausgeht. „Aber wir bedienen etwa 80 Prozent der Fernsehgeräte“, sagt Rottmann.

Über 4600 Nutzer hat die kostenlose App Spotgun seit ihrer Veröffentlichung im August gewonnen. „Erstaunlicherweise gucken die meisten gar nicht das TV-Programm, während sie spielen, sondern zappen auf der Suche nach Werbung durch die Sender.“ Gomeringer streicht mit dem Daumen über die Rangliste der Spieler auf seinem Smartphone. „Dem Nachnamen zu urteilen nach sind die beiden Spitzenreiter wahrscheinlich ein Ehepaar“, sagt er. Sie haben in kurzer Zeit genug Punkte für zwei Freizeitpark-Eintrittskarten erspielt.

Im Shop kann man außerdem Punkte gegen T-Shirts und individuelle Müsli-Mischungen bis hin zu Busreisen oder Designmöbeln tauschen. „Ohne unsere Partner hätten die Spieler wahrscheinlich keinen so großen Anreiz, Spotgun zu spielen“, so Gomeringer weiter. Etwa 35 Partnerfirmen stellen den Gründern die Preise für die Nutzer kostenlos zur Verfügung.

Spotgun soll sich über Werbung finanzieren

Doch auch wenn hier keine Unkosten anfallen, muss sich Spotgun trotzdem finanzieren. „Wir haben ein Gründungsstipendium vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und einen Innovationspreis vom Ministerium für Wirtschaft und Finanzen in Baden-Württemberg. Das ist unser Startkapital“, sagt Gomeringer. Damit programmierte eine externe Firma die App, die aufgrund der hohen Entwicklungskosten mittlerweile an Spotgun beteiligt ist. Außerdem werden so die Grundgehälter des Trios bezahlt. „Jetzt ist es enorm wichtig, die kritische Masse an Nutzern zu erreichen“, sagt Gomeringer. Denn Spotgun soll sich ausschließlich über eingeblendete Werbebanner finanzieren. „Zwar können wir die Werbeeinblendungen sehr produktbezogen platzieren – Autowerbung auf dem Smartphone, während Autowerbung im Fernsehen kommt, zum Beispiel“, sagt Gomeringer, „aber für die richtig großen Kunden, die wir brauchen, benötigen wir 15 000 Nutzer.“

Um die zu bekommen, wollen die Gründer an der Quelle ihrer Idee populär werden: im Fernsehen. „Während meines Studiums der Medienwirtschaft an der Hochschule der Medien habe ich beim Fernsehsender Pro 7 ein Praktikum gemacht – wir versuchen jetzt, Kooperationen mit verschiedenen Redaktionen auszuhandeln“, sagt Gomeringer. Denkbar sei die Integration der App in TV-Gewinnspiele. Auch die Zusammenarbeit mit Kinos hinsichtlich dort gezeigter Werbespots hält er für möglich.

Es gibt zwar schon Apps, die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Fernsehapparat und Smartphone nutzen. „Aber keine, die ein Spiel daraus macht, in dem Menschen gegeneinander antreten“, sagt Gomeringer. Mit diesem Prinzip hat eine App jenseits des Second-Screen-Gedankens jüngst einen Riesenerfolg gehabt: das Quizduell, bei dem man ganz in der Tradition von Wissensspielen wie Trivial Persuit sein Allgemeinwissen mit Bekannten oder Unbekannten messen kann. Über 18 Millionen Menschen hat das Spielfieber mit der schwedischen App gepackt. Auch die Entwickler des Quizduells hatten kaum Kapital – und einen Traum, der den Gründern aus Stuttgart sehr ähnelt.

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