Generation Snapchat Ein paar Sekunden Aufmerksamkeit

Von Steffen Haubner und Ricarda Stiller 

Snapchat-Fotos verschwinden schnell wieder – wirklich? Foto: www.mauritius-images.com
Snapchat-Fotos verschwinden schnell wieder – wirklich? Foto: www.mauritius-images.com

Kinder und Jugendliche nutzen es intensiv: das gar nicht so neue Netzwerk Snapchat erlebt gerade einen Boom. Plötzlich reden sogar Erwachsene darüber und wollen wissen, wie es funktioniert. Wir erklären es.

Stuttgart - Klick, knack, schnapp – „snap“ hat im Englischen mehrere Bedeutungen. Die Smartphone-App Snapchat ist derzeit im Begriff, Facebook und Whatsapp den Rang abzulaufen. Zumindest unter Jugendlichen. Die nämlich schätzen neben der Schlichtheit des Messengers die Abwesenheit von Eltern, Lehrern und Großeltern. Das Netzwerk Snapchat gibt es zwar schon seit fast fünf Jahren, es ist aber zu Beginn fast ausschließlich in die Schmuddelecke ­gesteckt worden. Funktionsbedingt wurden über den Dienst gerne Fotos verschickt, die man nüchtern betrachtet am nächsten ­Morgen oftmals nicht mehr verschickt hätte. Macht nichts, dachten sich die Nutzer. Denn, einmal beim Empfänger angekommen und von diesem betrachtet, verschwand das Bildchen oder Filmchen auch schon wieder im Nichts.

Wollte man eine Metapher finden für die Flüchtigkeit der digitalen Welt – Snapchat ­wäre dafür der perfekte Kandidat. Tauscht man sich in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Whatsapp multimedial oder über Textbotschaften aus, werden bei Snapchat vor allem Schnappschüsse und sehr kurze Videos versendet. Der entscheidende Unterschied ist, dass bei Snapchat alle ­Botschaften automatisch gelöscht werden, sobald der Empfänger sie angeschaut hat. Später noch mal anschauen geht nicht.

Snapchat ist ein sogenannter Instant Messenger und dient als solcher der augenblicklichen Kommunikation zwischen den Nutzern. Die mediale Aufmerksamkeit schrumpft auf wenige Sekunden zusammen. Genau das scheint derzeit unter Teenagern „cool“ zu sein. Mehr als die Hälfte der rund 100 Millionen Nutzer sind zwischen 13 und 17 Jahren alt, die Hauptnutzungszeit liegt zwischen 8 und 15 Uhr. Für Snapchatter ist Facebook ein schwerfälliges und mit viel zu vielen Informationen überladenes Medium, das vor allem von ihren Eltern ­genutzt wird. Die vermeintliche Vergänglichkeit könnte einer der wichtigsten Gründe für die Popularität von Snapchat sein.

700 Millionen Botschaften täglich

Nach Angaben des 2011 von Evan Spiegel in Kalifornien gegründeten Unternehmens werden jeden Tag etwa 700 Millionen Botschaften verschickt. Ein nicht geringer Teil davon dürfte aus Selbstporträts, den sogenannten Selfies, bestehen, der gängigen Währung der permanenten Selbstdarstellung. Vollkommen nonverbal ist die Kommunikation aber auch bei Snapchat nicht. Fotos und Kurzvideos können mit Symbolen und Kommentaren versehen werden. Wie bei Instagram lassen sich diverse Farbfilter über die Aufnahmen legen. Erst kürzlich wurde die Funktion „Geschichten“ hinzugefügt. Mehrere Bilder können dabei zu einer kleinen Diashow zusammengefasst werden, die dann immerhin 24 Stunden lang abrufbar bleibt.

Snapchat gibt es als App für Smartphones und Tablet-PCs. Das Design entspricht der Zielgruppe und wirkt ein bisschen so, als sei es von Schülern im Kunstunterricht gestaltet worden. Offizielles Snapchat-Symbol ist ein putziges Gespenst, das wohl auf das Verschwinden der Bildbotschaften anspielen soll. Doch verschwinden die Beiträge ­tatsächlich? Die offiziellen Nutzungsbedingungen geben über den Verbleib der Daten kaum Aufschluss. „Was letztendlich mit den Daten, die ein User über den Dienst Snapchat absetzt, passiert, wie diese gespeichert oder ausgewertet werden, bleibt auch nach Lektüre der Snapchat-Datenschutzerklärung völlig im Dunklen“, fasst die Anwaltskanzlei Weiß & Partner ihre Analyse der Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) zusammen. Der Nutzer könne „nur hoffen, dass ihn seine versendeten Nachrichten in der Zukunft nicht wieder einholen oder schlimmstenfalls auf irgendwelchen Hackerseiten der Öffentlichkeit präsentiert werden“.

Genau das geschieht leider mit beunruhigender Regelmäßigkeit. So veröffentlichten Hacker 2013 die Daten von rund 4,6 Millionen Nutzern. Im Oktober 2014 geriet abermals eine Sammlung von rund 200 000 Bildern in Umlauf, die über Snapchat ­verschickt worden waren. Für die Betroffenen kann das sehr unangenehm werden. Versendete Aufnahmen sind aber auch sonst keineswegs geschützt, sie können nämlich einfach als Screenshot gespeichert werden. Hier gilt der Grundsatz: Was einmal ins Internet gelangt ist, kann nie wieder gelöscht werden. Die meisten Jugendlichen kümmert das offenbar wenig.

Ringen um eine jüngere Klientel

Wie bei anderen Diensten auch, scheint die Tatsache schwerer zu wiegen, dass man aus der Kommunikation mit Gleichaltrigen ausgeschlossen bleiben würde, wenn man sich einem Messenger verweigert. Wohin sich Snapchat entwickeln wird, weiß momentan noch niemand. Im verzweifelten Ringen um eine jüngere Klientel verbreiten Medienunternehmen wie National Geographic, Daily Mail oder Vice nun ihre Inhalte zum Teil auch über die Snapchat-App. Natürlich ist die Aufmachung zielgruppengerecht: reißerische Schlagzeilen, viele Bilder, wenig Text.

Neuerdings kann man – zunächst exklusiv in den USA – anderen Nutzern auch Geld per Snapchat schicken. Das ist so simpel, wie ein Foto zu teilen. Man gibt einen ­bestimmten Betrag ein, versieht ihn mit einem Dollarzeichen und tippt auf den ­grünen Button – schon landet das Geld auf dem Konto des Empfängers. Noch fällt es schwer, sich die Selfie-Schleuder als seriöses Nachrichtenportal oder als Finanzdienstleister vorzustellen. Doch vielleicht hängt auch das vor allem davon ab, welcher Nutzergeneration man selbst angehört.

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