Schönheitsoperationen im Intimbereich Riskanter Blick in den Schritt

Von Jasmin Andresh 

Laut den Fachgesellschaften gibt es pro Jahr 5400 operative Eingriffe unterhalb der Gürtellinie. Foto: Sentello / Fotolia
Laut den Fachgesellschaften gibt es pro Jahr 5400 operative Eingriffe unterhalb der Gürtellinie.Foto: Sentello / Fotolia

Die Anzahl an Schönheitsoperationen nimmt in Deutschland zu – und immer beliebter werden Eingriffe in den Intimbereich. Ein riskanter Trend, warnen Experten. Sie sagen, wann solche Operationen nötig sind, aber auch welche Risiken sie bergen können.

Berlin - Unbehaart, glatt und mit einem Schlitz versehen wie bei einem Milchbrötchen – so sieht sie aus, die perfekte Scham. Zumindest wenn man nach Ansicht zahlreicher Foreneinträgen im Internet gehen möchte. Doch gleicht der Intimbereich nicht mehr dem eines vorpubertierenden Mädchens, dann lässt frau ein wenig nachhelfen. Möglichkeiten gibt es viele: So können etwa die inneren Schamlippen entfernt werden, sodass sich die äußeren Schamlippen schließen und die Frau zwischen den Beinen glatt wie eine Puppe aussieht. Kostenpunkt: 1900 bis 2800 Euro. Auch Scheidenverengungen – Scheidenverjüngung genannt – , Eingriffe an der Klitoris, Fettabsaugung am Venushügel und so genannte G-Punkt-Amplifikationen werden angeboten.

Mit etwa 5400 Operationen im Jahr sind insbesondere Eingriffe bei den Schamlippen in der Mitte der Gesellschaft angekommen, hieß es bereits 2013 in einem Bericht der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgie (DGPRÄC). Die Zahl bezieht sich auf eine Umfrage unter rund 900 Fachärzten. „Die Chirurgie im Intimbereich bei Frauen breitet sich verstärkt aus“, bestätigt der Präsident der Gesellschaft Raymund Horch, der auch der Direktor der Plastischen Chirurgie am Uniklinikum Erlangen ist.

Rasierte Scham als ein möglicher Grund für Zunahme der Operationen

Über die Gründe, warum diese Operationen mehr und mehr an Zulauf gewinnen, lässt sich bislang nur spekulieren: Als eine der treibenden Ursachen wird in den Medien, von Plastischen Chirurgen aber auch von Psychologen unter anderem der Trend zur rasierten Scham verantwortlich gemacht. Hinzu kommt: In Lifestyle-Magazinen, Filme und Internetseiten zeigen sich immer mehr Frauen in knappen Höschen und Bikiniunterteilen, deren Intimregion jedoch häufig kaschiert oder geschönt abgebildet wird. Auch werden privat übers Internet viel freizügiger persönliche Bilder ausgetauscht. „Dadurch gibt es ja erst Vergleichsmöglichkeiten, die es in dieser Form vor dem digital vernetzten Zeitalter für junge Frauen nicht gab“, so der Experte Horch.

Schätzungen zufolge sind bei etwa zehn Prozent der Frauen die inneren Schamlippen so groß, das sie die äußeren überragen. Das stört die Betroffenen: In vielen Internetforen geben sie ihre Unsicherheit hinsichtlich ihres vermeintlich unnormal aussehenden Schambereiches preis und erkundigen sich nach Operationsmöglichkeiten. Selbst die Jugendzeitschrift Bravo titelte schon in einer ihrer Ausgaben: „Lange Schamlippen! Wenn sie Probleme machen!“

Steigert Intimchirurgie auch die sexuelle Lust?

Hinzu kommt, dass manche Anbieter solcher Operationen offensiv bewerben – oft verbunden mit falschen Versprechungen: So wird die Intimchirurgie auch als Mittel benannt, um die sexuelle Lust und Attraktivität zu steigern. Wissenschaftliche Belege gibt es für diesen Effekt allerdings nicht. Was insbesondere den Weltärztinnenverband erzürnt: Dieser vertritt die Ansicht, dass solche Eingriffe die physische und psychische Gesundheit von Frauen und Mädchen bedrohen und lehnt sie daher strikt ab.

Auch die Fachgesellschaften unter den plastischen und ästhetischen Chirurgen in Deutschland halten solche Versprechungen für eher schädlich: „Zumal dabei leicht der Eindruck entsteht, als handele es sich um eine völlig harmlose Korrektur“, sagt DGPRÄC-Präsident Raymund Horch. Das sei aber so nicht richtig: Bei jedem scheinbar noch so leichten Eingriff können Komplikationen wie Entzündungen und Wundheilungsstörungen auftreten. Auch kann eine Narbenbildung nie ausgeschlossen werden. Ebenso, dass es zu Störungen der Sensibilität in diesem Bereich kommen kann.

Es gibt auch medizinisch begründete Eingriffe

Allerdings ist nicht jeder operative Eingriff unnötig: „Es gibt durchaus medizinisch begründete Ursachen“, sagt Raymund Horch. Beispielsweise können vergrößerte Schamlippen beim Tragen enger Kleidung Druckgefühle verursachen. Oder die Frauen haben beim Sport, Sex oder beim Toilettengang Beschwerden. Auch der Direktor der Frauenklinik am Uniklinikum Erlangen, Matthias Beckmann, erlebt Patientinnen – häufig Radsportlerinnen – , die sich daher in diesem Bereich operieren lassen wollen.

Was aber tatsächlich fehlt, sind einheitlichen Standards für Operationen. Auf Initiative der Plastisch-chirurgischen Fachgesellschaft haben Experten im Sommer 2015 beschlossen, eine Leitlinie zur Intimchirurgie der Frau zu erarbeiten, in der die gängigen Verfahren bewertet werden sollen. Zudem sollen Ärzte und Patientinnen eine neutrale Hilfestellung bei der Entscheidungsfindung bekommen. Die Leitlinie soll Ende 2016 fertiggestellt sein.

Eingriffe ohne medizinischen Grund gelten laut WHO als Körperverletzung

Den Trend zur Milchbrötchen-Scham lässt sich dadurch wohl nicht verhindern. Auch die DGPRÄC schließt nicht aus, dass es weiterhin rein kosmetische Eingriffe in den Intimbereich geben wird. Laut Weltgesundheitsorganisation gelten solche Eingriffe ohne medizinischen Grund als Körperverletzungen. Sie bleiben jedoch straffrei, wenn die richtig und vollständig aufgeklärte Patientin ihre Einstimmung gegeben hat. Gegner der Intimchirurgie hoffen daher auf eine bessere Aufklärung der Mädchen. Immerhin: In dem Bravo-Artikel über scheinbar problematische Schamlippen beruhigt das Dr. Sommer-Team damit, dass sich Jungen „für alle Variationen der Vulva begeistern, die die Natur geschaffen hat“.

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