Mit Fragen zur SPD muss sich Kretschmann in diesen Tagen besonders oft auseinandersetzen. Einer Umfrage zufolge läge Rot-Grün derzeit vor Schwarz-Gelb. Die CDU käme auf 37, die FDP auf sieben Prozent. Die Sozialdemokraten erhielten 25 Prozent der Stimmen, die Grünen 20 Prozent - so viele wie noch nie. Bei den Landtagswahlen im Jahr 2006 erreichten sie 11,7 Prozent. Kommen die Grünen also mit den Roten zusammen nach der Landtagswahl?, lautet die Frage aus der Redaktionsrunde. Oder wie es SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel kürzlich ausdrückte: "Wenn es für Rot-Grün am 27. März reicht, dann machen wir auch Rot-Grün." Was meint Kretschmann dazu? "Sehe ich auch so." Kurz und trocken. Ohne Handkantenschlag.
"Nein, jetzt mal wirklich", sagt er, das sei doch klar: "Wenn wir die CDU nicht auf die Oppositionsbänke schicken und beobachten würden, ob sie auch Kleine Anfragen schreiben kann, wer würde das verstehen?" Gut, also für Rot-Grün wäre Kretschmann offen. Mehr Annäherung ist aber erst mal nicht. Die Sozialdemokraten müssten sich noch ziemlich weiterentwickeln. Genauer gesagt: ihre Rolle als Volkspartei schärfer fassen. Und Antworten finden auf die Frage, "eine schwierige Frage": Was ist heute sozial? "Klassisch sind das Fragen nach der Verteilungsgerechtigkeit, aber auch nach Chancengerechtigkeit." In dieser Hinsicht befinde sich die SPD derzeit in einem "Findungsprozess". Nein, er, Kretschmann, wolle ihr keinen Rat geben, tut es dann aber doch: "Die SPD muss sich mehr um solche Fragen kümmern."
Hoffnungsvoll blicke er in Richtung des neuen SPD-Landesvorsitzenden Nils Schmid, dem er diesen Findungsprozess zutraue. Im Gegensatz zu SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel, "der auf Mäkel-Opposition spezialisiert ist und nicht in sehr langen Linien denkt". Den jungen Schmid bezeichnet Kretschmann als Denker - aus seinem Mund klingt es wie ein Lob. Es sei wichtig, dass so einer an der Spitze der Südwest-SPD stehe - "und nicht irgendein Aktionist". Ein Seitenhieb gegen Schmiedel.
Da ist er wieder, der Kämpfer
Doch noch einmal zurück zu den möglichen Regierungskoalitionen nach der Landtagswahl. Wer Rot-Grün ins Spiel bringt, muss sich auch mit möglichen anderen Kombinationen auseinandersetzen. Also, Herr Kretschmann, wenn es nach der Landtagswahl sowohl für Rot-Grün als auch für Schwarz-Grün reichen würde? Was dann? "Es wird immer verhandelt", sagt er, ohne zu zögern. Was dann dabei herauskommt? "Solche Vorhersagen halte ich für höchst spekulativ." Nur eines sei sicher: "Ich kann mir schlecht vorstellen, dass etwas anderes herauskäme als ein Regierungswechsel" - wenn es zu einer Mehrheit jenseits von Schwarz-Gelb reiche. Ansonsten: keine Koalitionsaussagen. So steht es im Parteiprogramm. So haben es die Mitglieder verinnerlicht. Und jeder, egal ob Landes- oder Kreisvorsitzender, Bundestagabgeordneter oder Fraktionschef im Gemeinderat, jeder würde dieselbe Antwort wie Kretschmann geben: "Keine definitive Koalitionsaussage."
So viel Unklarheit können sich die Grünen erlauben. Selbstbewusst sind sie geworden über die Jahre, Kretschmann hat das Gefühl, "mit unseren Themen in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein". Die da wären: Schulpolitik ("Schulen müssen selbstständiger werden") oder Wirtschaft ("Mehr Arbeit durch grüne Technologien"). Um nur ein Paar zu nennen. Die Grünen unter Kretschmann nutzen die Schwächen der Landesregierung. Wo immer sie Themen nicht schnell genug besetzt, ist die Öko-Partei zur Stelle. Da kommt es Kretschmann gelegen, dass mit Stefan Mappus ein Ministerpräsident an der Macht ist, "der sich finden will und muss".
Seit 1980 sitzt Kretschmann im Stuttgarter Landtag - mit kurzen Unterbrechungen. Er hat Ministerpräsidenten kommen und gehen sehen. Er kennt den Unterschied. Mappus, da ist er überzeugt, "sei schwerer zu nehmen" als seine Vorgänger. "Mappus kämpft mit dem Säbel, ich bevorzuge das Florett." Da ist er wieder, der Kämpfer. Der Kämpfer mit Worten, zu mehr ließe sich der Mann aus Spaichingen auch nicht hinreißen. Bis auf eine Ausnahme. Als sein Handy klingelt, unterbricht er die Unterhaltung, nimmt das Gerät aus der Tasche, sagt: "Ich muss das Handy kurz töten" und schaltet es aus. So viel Mordlust hätte man dem Grünen-Chef gar nicht zugetraut.