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Redaktionsbesuch Da ist er wieder, der Kämpfer

Hilmar Pfister , vom 11.08.2010 05:00 Uhr
Franktionschef der Landtags-Grünen Winfried Kretschmann Foto: dpa
Franktionschef der Landtags-Grünen Winfried Kretschmann Foto: dpa

 

Mit Fragen zur SPD muss sich Kretschmann in diesen Tagen besonders oft auseinandersetzen. Einer Umfrage zufolge läge Rot-Grün derzeit vor Schwarz-Gelb. Die CDU käme auf 37, die FDP auf sieben Prozent. Die Sozialdemokraten erhielten 25 Prozent der Stimmen, die Grünen 20 Prozent - so viele wie noch nie. Bei den Landtagswahlen im Jahr 2006 erreichten sie 11,7 Prozent. Kommen die Grünen also mit den Roten zusammen nach der Landtagswahl?, lautet die Frage aus der Redaktionsrunde. Oder wie es SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel kürzlich ausdrückte: "Wenn es für Rot-Grün am 27. März reicht, dann machen wir auch Rot-Grün." Was meint Kretschmann dazu? "Sehe ich auch so." Kurz und trocken. Ohne Handkantenschlag.

"Nein, jetzt mal wirklich", sagt er, das sei doch klar: "Wenn wir die CDU nicht auf die Oppositionsbänke schicken und beobachten würden, ob sie auch Kleine Anfragen schreiben kann, wer würde das verstehen?" Gut, also für Rot-Grün wäre Kretschmann offen. Mehr Annäherung ist aber erst mal nicht. Die Sozialdemokraten müssten sich noch ziemlich weiterentwickeln. Genauer gesagt: ihre Rolle als Volkspartei schärfer fassen. Und Antworten finden auf die Frage, "eine schwierige Frage": Was ist heute sozial? "Klassisch sind das Fragen nach der Verteilungsgerechtigkeit, aber auch nach Chancengerechtigkeit." In dieser Hinsicht befinde sich die SPD derzeit in einem "Findungsprozess". Nein, er, Kretschmann, wolle ihr keinen Rat geben, tut es dann aber doch: "Die SPD muss sich mehr um solche Fragen kümmern."

Hoffnungsvoll blicke er in Richtung des neuen SPD-Landesvorsitzenden Nils Schmid, dem er diesen Findungsprozess zutraue. Im Gegensatz zu SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel, "der auf Mäkel-Opposition spezialisiert ist und nicht in sehr langen Linien denkt". Den jungen Schmid bezeichnet Kretschmann als Denker - aus seinem Mund klingt es wie ein Lob. Es sei wichtig, dass so einer an der Spitze der Südwest-SPD stehe - "und nicht irgendein Aktionist". Ein Seitenhieb gegen Schmiedel.

Da ist er wieder, der Kämpfer

Doch noch einmal zurück zu den möglichen Regierungskoalitionen nach der Landtagswahl. Wer Rot-Grün ins Spiel bringt, muss sich auch mit möglichen anderen Kombinationen auseinandersetzen. Also, Herr Kretschmann, wenn es nach der Landtagswahl sowohl für Rot-Grün als auch für Schwarz-Grün reichen würde? Was dann? "Es wird immer verhandelt", sagt er, ohne zu zögern. Was dann dabei herauskommt? "Solche Vorhersagen halte ich für höchst spekulativ." Nur eines sei sicher: "Ich kann mir schlecht vorstellen, dass etwas anderes herauskäme als ein Regierungswechsel" - wenn es zu einer Mehrheit jenseits von Schwarz-Gelb reiche. Ansonsten: keine Koalitionsaussagen. So steht es im Parteiprogramm. So haben es die Mitglieder verinnerlicht. Und jeder, egal ob Landes- oder Kreisvorsitzender, Bundestagabgeordneter oder Fraktionschef im Gemeinderat, jeder würde dieselbe Antwort wie Kretschmann geben: "Keine definitive Koalitionsaussage."

So viel Unklarheit können sich die Grünen erlauben. Selbstbewusst sind sie geworden über die Jahre, Kretschmann hat das Gefühl, "mit unseren Themen in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein". Die da wären: Schulpolitik ("Schulen müssen selbstständiger werden") oder Wirtschaft ("Mehr Arbeit durch grüne Technologien"). Um nur ein Paar zu nennen. Die Grünen unter Kretschmann nutzen die Schwächen der Landesregierung. Wo immer sie Themen nicht schnell genug besetzt, ist die Öko-Partei zur Stelle. Da kommt es Kretschmann gelegen, dass mit Stefan Mappus ein Ministerpräsident an der Macht ist, "der sich finden will und muss".

Seit 1980 sitzt Kretschmann im Stuttgarter Landtag - mit kurzen Unterbrechungen. Er hat Ministerpräsidenten kommen und gehen sehen. Er kennt den Unterschied. Mappus, da ist er überzeugt, "sei schwerer zu nehmen" als seine Vorgänger. "Mappus kämpft mit dem Säbel, ich bevorzuge das Florett." Da ist er wieder, der Kämpfer. Der Kämpfer mit Worten, zu mehr ließe sich der Mann aus Spaichingen auch nicht hinreißen. Bis auf eine Ausnahme. Als sein Handy klingelt, unterbricht er die Unterhaltung, nimmt das Gerät aus der Tasche, sagt: "Ich muss das Handy kurz töten" und schaltet es aus. So viel Mordlust hätte man dem Grünen-Chef gar nicht zugetraut.

Kommentare (7)
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AUG
12
00:46 Uhr, geschrieben von Weber G.
Abartiges Porträt eines aufrechten Politikers
Ich bin einfach nur entsetzt über diesen Artikel! Jetzt sind die Stuttgarter Nachrichten auf Bild-Nivea gesunken! "Für Nebensächlichkeiten wie morgendliches Bügeln hat Kretschmann wohl keine Zeit. Es gibt Wichtigeres zu tun, vor allem an diesem Morgen beim Besuch in unserer Redaktion."
AUG
12
00:37 Uhr, geschrieben von Weber G.
... und Mary und Harry zogen in die weite Welt hinaus ..
immer auf der Suche nach einem neuen unterirdischen Bau für ihre Rattenfamilie.
AUG
11
15:51 Uhr, geschrieben von Peter Preßmar
Stuttgart 21 – die Gegner haben gesiegt
2005 sind Mary und Harry aus beruflichen Gründen von Stuttgart weggezogen. Heute, am 10.4.2030, kommen sie nach langer Zeit in Stuttgart am Hauptbahnhof an. ‚Hier hat sich seit 25 Jahren nichts verändert’, stellt Mary nach einem ersten Blick auf die Königstraße fest. ‚Ja’, sagt Harry, ‚schließlich haben die Gegner gesiegt. Das Moratorium war dann das Ende. Es hätte das alles noch teurer werden lassen. Aber es hat auch eine weitere Planung unmöglich gemacht’, fährt er fort ‚Heute hat München den Tiefbahnhof. Die haben das ja auch durchgepaukt und gezeigt wies geht, keine endlosen Diskussionen, schnelles Handeln und alles bereits in trockenen Tüchern, bevor die Gegner sich erst formieren konnten’, findet Mary. ‚Komischer Weise waren die Grünen in Bayern plötzlich für das Projekt, weil die Bayern nicht dagegen waren und die Chance gesehen haben’, erklärt Harry. ‚Ich hab gelesen, dass die Bayern bereits 2002 versucht haben das Projekt zu erhalten. Das haben sie nie offen gesagt. Aber anscheinend haben Sie immer schon einen Plan B, wie Bayern 21 gehabt. Nur so konnte das so schnell gehen’, informiert Mary. ‚Und das Geld musste ja auch verbraten werden. So haben es eben die Bayern geerbt und damit wieder einen wirtschaftlichen Vorsprung erzielt – wie damals 1972 bei den Olympischen Spielen, wo München die Innenstadtringe und mehrer Autobahnumgehungen erhielt’, erkennt Harry. ‚Für Stuttgart war das Geld ohnehin weg, weil der Rückbau der begonnenen Arbeiten wesentlich mehr gekostet hat, als vorher kolportiert wurde – und alles musste die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg bezahlen, die die Verträge nicht eingehalten wurden’, fast wütend kam Mary auf die Ergebnisse zu sprechen. ‚Auch in Nürnberg wird schon für eine Tieferlegung des Hauptbahnhofs geplant,’ meint Harry. ‚Na klar, schließlich werden weltweit immer mehr Bahnhöfe unter die Erde verfrachtet, weil man damit nicht nur mehr Lebensqualität in den Städten erreicht, sondern auch wertvollen Boden zurückgewinnt’, als Volkswirtschaftlerin weiß Mary um den Boden als nicht (ohne solche Projekte) vermehrbares Gut. ‚Für Stuttgart wird es die nächsten 100 Jahre keinen Tiefbahnhof geben’, stellt Harry fest. ‚Dazu der enorme Imageverlust und der wirtschaftliche Absturz Baden-Württembergs in das letzte Drittel der Bundesländer,’ ergänzt Mary. ‚Ich denke, wir sollten es uns nochmals überlegen nach Stuttgart zurückzukehren’ überlegt Harry. ‚Da hast du Recht’, schließt sich Mary der Meinung Ihres Partners an, ‚schließlich sind die Kinder ja auch nicht hier geboren.’.
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