Rätsel-Boom Munteres Kästchendenken

Von Julia Lutzeyer 

Zwölf Millionen Menschen in Deutschland lösen gern Kreuzworträtsel Foto: Fotolia
Zwölf Millionen Menschen in Deutschland lösen gern KreuzworträtselFoto: Fotolia

Zwölf Millionen Deutsche lösen gern Kreuzworträtsel. Doch was ist daran eigentlich so fesselnd? Wir sind dem Phänomen Kreuzworträtsel nachgegangen.

Stuttgart - Anderes Wort für Faszination. Elf Buchstaben. Infrage kommen: Bezauberung oder Verblendung. Wären nur vier Felder zu ­füllen, wär’s wohl der Bann. In so einem Bann emsigen Nichtstuns befinden sich ­geschätzt mehr als zwölf Millionen leidenschaftliche Rätsellöser in Deutschland. Mit gezücktem Stift brüten sie über gedruckten Gitterstrukturen, füllen leere Kästchen mit Buchstaben oder Zahlen aus.

Wie viele Knobler sich am liebsten über Kreuzworträtsel den Kopf zerbrechen, lässt sich nicht genau beziffern. Die Gruppe gilt als eher älter und tendenziell weiblich, dürfte aber so heterogen sein wie die Medienlandschaft, in der die Buchstabenrätsel ­erscheinen. Sie finden sich in fast jeder ­Illustrierten und in vielen Zeitungen. Und wer über herkömmliche Schwedenrätsel, bei denen die Frage in den Kästchen ab­gedruckt ist, die Nase rümpft, denkt mög­licherweise als „Zeit“-Leser gern um die Ecke. Oder hat mit dem kultigen GUS-Rätsel im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ sein Kreuz mit den Worten. Doch Bernd ­Koophamel, Geschäftsführer des Deutschen Rätselverlags (DRV) in Ismaning bei ­München, weiß: „Das sogenannte Schwedenrätsel ist die mit Abstand beliebteste Rätselart in Deutschland.“

Zeitungen dürfen das Rätsel niemals ändern oder streichen

Das ist auch der Grund, warum Redaktionen, die einmal auf die Idee kommen, ihr Blatt brauche dringend eine Veränderung, auf keinen Fall das Kreuzworträtsel verändern oder streichen sollten. Nichts löst bei der Leserschaft einen so empörten und kollektiven Aufschrei aus wie der Wegfall oder auch nur die Verkleinerung eines solchen Ratespiels in Kästchenform.

Erst 100 Jahre ist das Kreuzworträtsel auf dem Markt. Der britische Journalist Arthur Wynne gilt als Vater dieses publizierten Freizeitvergnügens, das den schnellen Rate­erfolg von A bis Z sichtbar macht. ­Wynne hatte als Unterhaltungsredakteur der „New York World“ am 21. Dezember 1913 nicht nur für den Abdruck­ des ersten Kreuzwort­rätsels überhaupt gesorgt. Er tüftelte das Buchstabenrätsel für die Weihnachtsausgabe der US-amerikanischen Sonntagszeitung auch selbst aus.

Mit 31 Suchbegriffen war Wynnes Weihnachtsgeschenk an die Leserschaft recht überschaubar. Kein Vergleich zu den seitenfüllenden Kreuzworträtseln in vielen Magazinen heutiger Zeit. Die Rätselgemeinde ­verlangt danach, möchte ihren Ratetrieb nach Herzenslust ausleben und greift dafür sogar extra in die Geldbeutel. Davon profitiert zum Beispiel der Deutsche Rätsel­verlag. Dort erscheinen unter den Marken „Bastei“, „Gong“ und „die aktuelle“ mehr als 50 Rätselhefte – wöchentlich, monatlich oder quartalsweise.

Sudokus führten zum Rätsel-Boom

„Die Zahl aller deutschsprachigen Rätselzeitschriften ist zuletzt durch den Sudoku-Boom rasant gestiegen. Heute zählen wir 400 Titel“, umreißt Koophamel den hart umkämpften, aber stabilen Markt. Den Gesamtumsatz in diesem Segment gibt er mit etwa 120 Millionen Euro jährlich an.

Rund 170 Rätselmagazine widmen sich den zunächst in Japan, inzwischen auch in Europa begehrten Sudokus. Ihnen kann man ohne Vorwissen beikommen, nur mit logischem Denken. Das spricht offenbar auch eine jüngere Zielgruppe an. Bisher lebten Rätselheftverlage fast ausschließlich von der Generation 50 plus.

Bei ihr sind Kreuzworträtsel weiterhin gefragt. „Bei den Schwedenrätseln können das eigene Wissen, der eigene Wortschatz und das Erinnerungsvermögen überprüft werden“, erklärt Koophamel die Motivation ­seiner Kundschaft. „Das ist für eine älter werdende Gesellschaft bedeutsam.“ Gute Aussichten für die Branche: Noch sind die geburtenstarken Jahrgänge nicht im Ruhestand.

Was ist so fesselnd am Rätseln?

Ein Blick ins Pflegeheim lohnt schon ­heute. Katharina H. aus Stuttgart zum Beispiel ist mit ihren 86 Jahren vor kurzem in ein Generationenzentrum gezogen. Von ihren Büchern hat sie nur ihre Lexika ­mitgenommen. Die braucht sie zum Nachschlagen – auch wegen der Kreuzworträtsel, mit denen sie ihre grauen Zellen fit halten möchte. „Da lerne ich immer noch etwas ­dazu“, sagt sie. „Manche Begriffe würde ich sonst nie nachschauen.“ Sie hat bemerkt, dass ihr Hobby vom Pflegepersonal gern ­gesehen wird. „Manchmal holen sie uns alle zusammen, werfen ein Kreuzworträtsel groß an die Wand, und dann lösen wir es in der Gruppe.“

Was aber ist so fesselnd am horizontalen und vertikalen Beschriften leerer Kästchen? Kritiker tun es als reine Zeitverschwendung ab und fragen sich: Warum macht es ­Menschen froh, wenn sie für die Hauptstadt Osttimors die vier Buchstaben D, I, L, I eintragen können? Nach Ansicht des promovierten Psychologen und Testentwicklers Rüdiger Hossiep von der Ruhr-Universität Bochum liegt es in der Natur des Menschen, sein Können austesten und unter Beweis stellen zu wollen. „Beim Lösen eines Kreuzworträtsels werden gleich zwei verschiedene Vergleichsformen wirksam: Bei der intrapersonalen Variante überprüft man sein Wissen an sich selbst, bei der interpersonalen misst man sich mit anderen.“ Wird ein Begriff also nicht selbst erraten, kann man die Frage immer noch in die Runde geben und schauen, ob die anderen mehr drauf­haben als man selbst.

Rätselkompetenz kann man trainieren

Das ist reizvoll. Und sagt doch wenig aus über den individuellen Bildungsgrad. „Es besteht nur ein geringer Zusammenhang zwischen dem tatsächlichen Wissensstand und der Fähigkeit, Kreuzworträtsel zu lösen“, sagt Hossiep. Schließlich lasse sich die spezifische Rätselkompetenz regelrecht antrainieren. Dennoch: „Auch wenn das Wissen wie in einem Kreuzworträtsel in kurzen, schematisierten Einheiten abgefragt wird, hilft regelmäßiges Lösen dabei, sprachlogisches Denken und den Wortfluss zu fördern.“ Und noch etwas gibt der Psychologe zu bedenken: „Wer viel weiß, dem fällt es leichter dazuzulernen.“ Nur wenn Neues mit schon vorhandenen Kenntnissen verwoben wird, bleibt es haften. Insofern plädiert er durchaus für diese Freizeitbeschäftigung. Denn wenn das ­Gehirn keine Nüsse mehr zu knacken habe, baue es sehr rasch ab.

Freude, Vergnügen. Fünf Buchstaben: SPASS! Den sollte man vor lauter Selbstoptimierung dann doch nicht aus den Augen verlieren. „Das Lösen von Kreuzworträtseln ist schlicht und einfach eine nette, gute und ­intelligente Unterhaltung“, sagt Johannes Susen aus Brühl bei Bonn. Schon sein halbes Leben löst er diese Buchstabenrätsel. Seit zehn Jahren erfindet er sogar selbst welche. Zudem veranstaltet er für den Verein Logic Masters Deutschland, in dem Rätselfreunde aller Art organisiert sind, die bundesweiten Kreuzworträtselmeisterschaften. Das Finale 2013 fand im September in München statt. Für die Endrunde hatten sich 40 Teilnehmer qualifiziert. In die Vorrunden waren einige Tausend gestartet. Gewonnen hat eine Frau. Übrigens deutlich jünger als 50.

Rätsel dürfen nicht zu schwer sein

„Man kann bei einem Kreuzworträtsel sein Wissen und seinen Wortschatz einbringen, lernt immer noch etwas dazu und hat eine schöne Bestätigung, wenn das Kreuzworträtsel gelöst ist“, beschreibt Susen sein Hobby. Dieses befriedigende Gefühl stelle sich rasch und zuverlässig ein. Die Voraussetzung: „Das Rätsel muss eine Herausforderung sein. Ist es zu schwer, führt das zu Frustration.“ Sei es zu leicht, verfliege das Interesse. „Für Rätselmacher liegt die Herausforderung darin, hier eine gute Balance hinzubekommen.“

Fränkischer Hausflur. Drei Buchstaben: ERN! Manche Begriffe würde man ohne Kreuzworträtsel wohl gar nicht kennen. Doch ist es ein echter Wissenszuwachs, ein solches Spezialwissen dem Namen nach ­parat zu haben? „Es gibt kein unnötiges Wissen“, sagt der Organisator der Kreuzworträtselmeisterschaften. „Schließlich schadet es nicht, wenn man weiß, was ein Ern ist.“ Das sei historisches Wissen. Genau wie bei dem Ratebegriff Saldo, einer mittelalter­lichen Münze. „Immerhin gab es dieses ­ venezianische, später in ganz Europa bekannte Geldstück 500 Jahre lang“, sagt Susen.

Manchmal hilft der Blick in die Charts

„Viele bis heute gebrauchten Wörter leiten sich davon ab: der Sold, die Besoldung, der französische Sous.“ Der ist – wie der deutsche Pfennig – allerdings Geschichte. Auch in Frankreich wird heute mit Euro und Cent bezahlt. Den Rätselwortschatz lebendig zu halten, gehört zu den Aufgaben eines Rätselmachers. Um die vier Buchstaben D, I, D und O zu erhalten, wurde jahrzehntelang nach einer weiblichen Figur aus der griechischen ­Mythologie gefragt: nach der Gründerin und Königin Karthagos. Doch dann war plötzlich eine britische Popsängerin gleichen ­Namens in aller Munde. Eine humanistische Bildung half nun nicht mehr, wohl aber ein Blick in die aktuellen Musikcharts.

Ein unvollständiges Bild verlangt danach, ergänzt zu werden. Psychologen sprechen von einem Aufforderungscharakter. Brach liegende Felder hält der Mensch nicht gut aus. Er will sie beackern. Ulrich Voigt kennt das, auch er ist bei den Logic Masters engagiert. Allerdings bevorzugt er logische Rätsel, zu denen etwa Sudokus zählen: „Das ­Lösen von Kreuzworträtseln empfinde ich als unbefriedigend, weil bei mir immer ein paar Felder leer bleiben.“

Den Anspruch an Vollständigkeit hat Johannes Susen nicht. Er sieht „ein Kreuzworträtsel auch als gelöst an, wenn ein paar Felder ohne Buchstaben bleiben“. Ein Trost für alle, die über die letzten Leerstellen im Gitternetz verzweifeln. Sie dürfen den Stift beiseitelegen.

 

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