„Power to Change“ Großer Aufwand für ein großes Thema

Von Wolfram Hannemann 

Ein Windrad in Hessen Foto: dpa
Ein Windrad in HessenFoto: dpa

Saubere Energie wollen wir alle gerne. Aber ist dies überhaupt in aller Konsequenz möglich? Darüber darf jetzt auch im Kino gestritten werden – mit Carl-A. Fechners laut- und bildstarkem Film „Power To Change“.

Stuttgart - In „Die 4. Revolution“ (2009) hat Carl-A. Fechner Politiker, Nobelpreisträger und Wirtschaftsführer zur Energiewende befragt, in „Power To Change“ sind es nun „Menschen wie du und ich“, erklärt der Dokumentarfilmer, „vom Hartz-IV-Empfänger über einen landwirtschaftlichen Unternehmer bis hin zu einem Audi-Manager und einer sehr sympathischen Politikerin. Es sind diese Menschen, die diese Energie­rebellion letzten Endes schaffen.“ Fechners Botschaft ist klar: Die staatliche Subventionierung fossiler Brennstoffe muss gestoppt werden, einzig erneuerbaren Energien ­gehört die ­Zukunft. Und jeder Einzelne kann etwas dafür tun.

Fechner zeigt den Tüftler Edy Kraus, der fieberhaft an einer mobilen Pelletieranlage arbeitet, die Reststoffe aus der Landwirtschaft verwertet. Sein leidenschaftliches Brennen für die Sache wird zu einem roten Faden des Films. Der Unternehmer Amir Roughani, der mit elf Jahren als Flüchtling nach Deutschland kam, wurde nach anfänglichen Zweifeln durch die Begegnung mit Aktivisten zum überzeugten Energierebellen und steckt seine ganze Kraft in den Bau einer Solarstromanlage.

Hochglanz-Optik und Surround Sound

Fechner lässt den blassen Handkamera-Look vieler ­Dokumentarfilme weit hinter sich und inszeniert stattdessen großes Kino: Hochglanz-Optik in Cinemascope (Kamera: Philipp ­Baben der Erde), Surround Sound und bombastische Filmmusik (Ralf Wienrich), die ­gefühlt nie schweigt.

„Wir möchten unsere Zuschauer verwöhnen, ihnen etwas Großes bieten“, sagt Fechner und schwärmt: „Wir haben das Genre des Dokumentarfilms bis an die Grenze des Machbaren gebracht. Mit irren Bildern, mit einer Musik, die von einem 70-köpfigen ­Orchester in Prag eingespielt wurde, mit einem unglaublichen Color-Grading, mit einem Kamerasystem, das auch für James-Bond-Filme verwendet wurde. Unser Film soll sich nicht mehr von einem Spielfilm unterscheiden. Aber es sind trotzdem reale Menschen und reale Emotionen. Wir ­glauben, dass es dieses große Thema verdient. Wir gehen mit großem Aufwand an ein großes Thema, das ist also kongruent.“

Dokumentarfilme müssen nicht karg sein

Doch sind es gerade die stilistischen ­Mittel, die man dem Film zum Vorwurf ­machen könnte. Denn die Frage drängt sich auf: Was ist echt, was inszeniert? Die ­Anmutung eines PR-Films in Kombination mit unglücklich oder missverständlich ­gewählten ­Beispielen verwässert die ­Authentizität. In seinem Bemühen, den ­Zuschauer wachzurütteln, schießt Fechner etwas übers Ziel hinaus.

Carl-A. Fechner indes gibt sich kämpferisch: „Immer wieder wird behauptet, es handele sich um einen Image- oder Werbe-Film“, sagt er. Und: „Bei einem Spielfilm würde so etwas keiner ­sagen. Viele Zu­schauer sind offenbar der Ansicht, dass ein Dokumentarfilm in einer ganz bestimmten Art und Weise auszusehen hat: karge, ­puristische Kamera, Schienen und Licht sind verboten. Das ist totaler Quatsch!“.

Er habe den Film so gemacht, weil es das Thema gebiete, sagt Fechner. „Alles was wir im Film zeigen, ist journalistisch recherchiert. Es ist ein Sach-Dokumentarfilm mit politischem Anspruch. Wir wollen, dass eine Bewegung daraus entsteht. Das können Sie mit wackelnder Handkamera nicht ­erreichen!“ Die meisten Menschen gingen gerade deswegen ins Kino, um „geile Bilder mit abgefahrener Musik“ zu sehen, so ­Fechners Überzeugung.

Eine Fülle von Informationen

Acht Monate dauerte alleine der Filmschnitt. „Es waren stundenlange Interviews, die wir geführt haben. Und ich gebe nie auch nur ein einziges Wort vor!“ Die Fülle an ­Informationen, mit denen „Power To Change“ aufwartet, verlangt den Zu­schauern einiges ab. „Kann schon sein, dass der Film einen Tick zuviel an Informationen enthält“, räumt der Regisseur ein. „Dann vergessen Sie einfach die eine Hälfte. Wenn Sie die andere Hälfte danach noch wissen, reicht das völlig aus.“

Kontraproduktiv für das Anliegen des Films, für seinen ökologischen Anspruch, ­erscheinen jene Szenen, die den Unternehmer Roughani stets am Steuer einer ­schweren Nobelkarosse zeigen. „Das ist eine hoch interessante psychologische, optische Täuschung!“ klärt Fechner auf. „Der Mann fährt zu Anfang zwar einen fetten BMW, wechselt dann aber das Auto und fährt am Ende einen BMW I3 – ein voll elektrisches Fahrzeug. Auch das war Teil dieses „Change“. Amir hat einen Wandel vollzogen, der mich sehr berührt.“

An diesem Sonntag kommt Carl-A. Fechner zur Vorstellung um 18.15 Uhr ins Kino Delphi in Stuttgart und beantwortet ­Fragen.

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