Polen Lodz kommt in Mode

Kirsten Schiekiera aus Lodz, 17.02.2013 05:00 Uhr
Touristisch gesehen ist Lodz eine große Unbekannte. Das könnte sich ändern, denn Polens drittgrößte Stadt wird wiederentdeckt.

Lodz - In Lodz werden einem viele Geschichten erzählt: Geschichten von unermesslichem Reichtum, rauschenden Bällen und den Webern und Näherinnen in den Textilfabriken, die eher Sklaven als Arbeiter waren. Eine, die man besonders häufig hört, handelt von Izrael Poznanski. Als der einst mächtigste Fabrikant der Stadt für sich und seine Familie ein neues Domizil bauen ließ, fragte ihn sein Architekt, welchen Baustil er bevorzuge. „Ich kann mir alle Stile leisten!“, soll der Fabrikant geknurrt haben. Die Bauarbeiten an seinem Stadtpalast, der schließlich in einem Mix aus Neobarock und Jugendstil erbaut wurde, dauerten 20 Jahre. Die Anekdote sagt viel über Lodz und seine Geschichte als Zentrum der polnischen Textilindustrie: Hier trafen einst Geld, Ehrgeiz, ungebremster Kapitalismus, der Hang zum Größenwahn, aber auch der Willen zu Kunst und zu Eleganz aufeinander. Im 19. Jahrhundert konnte man hier als Unternehmer reich werden und sich selbst samt einem Baustil erfinden.

Zu sehen sind die Zeugnisse davon an jeder Ecke der Stadt: An den Fassaden findet man einen wilden Stilmix aus Renaissance, Rokoko, Jugendstil und Neogotik. Dahinter ragen Hochhäuser mit ihren glatten, bläulich schimmernden Fensterfronten auf. Wer nach Lodz fährt, sollte Danzig, Krakau, Breslau, Thorn und alle anderen polnischen Touristen-Magneten vergessen. Lodz ist keine Schönheit auf den ersten Blick. Die Stadt ist groß und verwirrend, außerdem gibt es kein Altstadtviertel, das zum Flanieren einlädt. Doch im Moment, fast unbemerkt vom Rest der Welt, beginnt die 720 000-Einwohner-Stadt im Stillen wieder zu blühen, ihre roten Backsteinbauten fangen wieder an zu leuchten. Als Manchester des Ostens wird Lodz oft bezeichnet, und ähnlich wie in Manchester schafft man es auch hier, den alten Produktionsstätten neues Leben einzuhauchen. US-Regisseur David Lynch ist regelmäßiger Besucher und bekennender Fan der Stadt. Denn hier könne man wunderbar beobachten, wie „Design und Architektur die Stimmung einer Stadt beeinflussen“. Mehr als 500 Fabriken gab es einst, dazu unzählige Villen, in denen die Fabrikanten lebten. „Meist lagen die Paläste direkt neben den Fabriken. Die Besitzer wollten nahe bei ihren Leuten und der Produktion sein“, sagt die Stadtführerin Anna Jówiak.

Die größte Sammlung zeitgenössischer Kunst Polens

Allein für Izrael Posznanski schufteten 7000 Arbeiter auf einem 27 Hektar großen Produktionsgelände. Überall in der Stadt findet man gigantische Hallen, verwinkelte Höfe, hohe Fenster, unverputzte Rohre und schwere Metalltüren. Dahinter befinden sich nun keine Warenlager mehr, sondern Design-Werkstätten, Galerien und Cafés. Zweimal im Jahr findet hier, nicht etwa im 120 Kilometer entfernt gelegenen Warschau, die polnische Fashion-Week statt. Dort treffen sich dann Modemacher, Models, Blogger und Modefans, von denen es in Polen viele gibt. Lodz sah sich schon immer als eine Kulturstadt. Die größte Sammlung zeitgenössischer Kunst Polens findet man hier. Ein Studienplatz an der renommierten Filmhochschule ist weltweit begehrt. Alljährlich findet ein international beachtetes Fotofestival statt. Der berühmteste Bürger der Stadt ist einer der größten musikalischen Helden Polens: der Pianist Arthur Rubinstein (1887-1982), Sohn eines Webers. Wer Lodz und sein zerklüftetes Stadtbild verstehen will, muss ein wenig von der Geschichte der Stadt kennen, die von Wäldern umgeben und von Flüssen durchzogen ist und damit optimale Voraussetzungen für die Produktion von Textilien bietet.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten in der Stadt weniger als 1000 Menschen, knapp 100 Jahre später waren es 600 000. Es war eine Art industrielles, multikulturelles Miteinander: Juden, Deutsche, Russen und Polen lebten für etwas mehr als ein Jahrhundert friedlich zusammen. Als die Nazis in Polen einmarschierten, war damit Schluss. Im Ghetto starben Zehntausende, mehr als 200 000 Menschen wurden in Konzentrationslager deportiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Stadt das Zentrum der polnischen Textilindustrie, die aber zu Beginn der 90er Jahre zusammenbrach. Die Fabriken und Paläste verrotteten. Heute ist im Poznanski-Palast das Museum für Stadtgeschichte untergebracht, aus dem Fabrikgelände wurde die Manufaktura, heute so etwas wie das heimliche Zentrum von Lodz. Zur Manufaktura gehören das größte Einkaufszentrum Polens und das zigfach preisgekrönte Andel’s Designhotel. Dort sitzen junge Menschen aus der Kreativszene, die auch aus New York, Berlin oder Stockholm kommen könnten, vor unverputzten Wänden in bunten Lounges und wischen über ihre Tablet-PCs. Inmitten des poppigen Interieurs stehen meterhohe Turbinen und bronzefarbene Maschinen, deren eigentlicher Zweck sich kaum mehr erahnen lässt. Zwischen den alten Fabrikgemäuern der Manufaktura herrscht geschäftiges Treiben. Menschen mit Einkaufstüten schieben sich durchs Schneegestöber und kehren in FastFood-Ketten und Restaurants ein, von denen eins Hollylodz heißt. Früher kam man hierher, um zu schuften, heute, weil man shoppen, ins Kino oder ins Fitnessstudio gehen will. Eins ist sicher: Das Leben ist nach Lodz und in seine Fabriken zurückgekehrt.

 
 
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