Pferdefleisch für Arme? Die Empörung ist groß

dpa, 22.02.2013 17:48 Uhr

Berlin - Der Vorschlag, aussortierte Lebensmittel mit Pferdefleisch an Arme zu verteilen, hat eine Welle der Empörung ausgelöst. „Bedürftige Menschen sind keine Verbraucher zweiter Klasse“, sagte der Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Tafel, Gerd Häuser. Es sei entwürdigend, wenn Produkte, die die Mehrzahl der Verbraucher ablehne, als gut genug für Bedürftige eingestuft würden.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Hartwig Fischer hatte vorgeschlagen, aus den Läden genommene Produkte wie Lasagne mit undeklarierten Pferdefleisch-Anteilen nicht voreilig zu vernichten. Er regte an, die Produkte, die nicht gesundheitsgefährdend seien, korrekt zu deklarieren und Hilfsorganisationen zur Verfügung zu stellen.

Ein Sprecher des Bundesverbraucherministeriums sagte am Freitag, es reiche nicht aus, solche Produkte nur neu zu kennzeichnen. Lückenlos geklärt sein müsse auch, woher alle Zutaten stammten. Daher sähen etwa die Tafeln eine Weitergabe zu Recht sehr kritisch.

"Kann man nicht Hartz-IV-Beziehern andrehen"

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Ulrich Schneider, sagte: „Wenn die Menschen in Deutschland das nicht essen wollen, weil sie völlig verunsichert sind, was da überhaupt drin ist, oder wenn sie es auch nur eklig finden, dann kann man das jetzt nicht Hartz-IV-Beziehern andrehen.“

Fischer verteidigte seinen Vorschlag. „Wenn Sie so wie ich in Afrika ständig Menschen sterben sehen, dann haben Sie ein anderes Verhältnis zu Lebensmitteln“, sagte der Entwicklungspolitiker. Er wolle nicht, dass diese Produkte vernichtet würden - stattdessen sollten sie lieber von Menschen gegessen werden. Er habe auch positive Rückmeldungen bekommen.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Brigitte Pothmer kritisierte, Tafeln seien keine „Resterampe der Republik“. „Nie im Leben wäre Herr Fischer auf die Idee gekommen, die Pferdefleischprodukte für die Verwendung zum Beispiel im Abgeordnetenrestaurant des Bundestages oder auf dem CDU-Bundesparteitag zu empfehlen.“

Tipp-Geber besser schützen

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten forderte angesichts des Skandals einen besseren Schutz für Mitarbeiter, die auf Verstöße hinweisen. Diejenigen, die einen Tipp an die Aufsichtsbehörden gäben, dürften nicht damit bestraft werden, dass sie ihre Existenz verlören, sagte der Vorsitzende Franz-Josef Möllenberg. Ein wirksamer Informantenschutz bedeute, „dass die Hemmschwelle für kriminelles Handeln automatisch erhöht wird“.

Die Opposition im Bundestag attackierte Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) für ihr Krisenmanagement. Sie reagiere immer erst dann, wenn eine Krise schon da sei, sagte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast. SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber hielt der Ministerin vor, mit Scheinmaßnahmen darüber hinwegzutäuschen, dass Schwachstellen nicht beseitigt würden.

Aigner kündigt Konsequenzen an

Aigner sicherte erneut zügige Konsequenzen zu. „Wichtig ist, dass wir alles tun, um zu verhindern, dass sich ein solch dreister und skandalöser Etikettenschwindel in Zukunft wiederholt.“ Sie betonte, die Verbraucher und nicht der Handel seien Opfer des Skandals. Laut ZDF-Politbarometer halten 84 Prozent der Wahlberechtigten strengere Gesetze und Kontrollen zu Kennzeichnung und Qualität von Lebensmitteln für richtig.

Die deutschen Behörden entdecken in Lebensmitteln immer mehr undeklariertes Pferdefleisch. Bisher seien von 569 auf Pferde-DNA untersuchten Proben 44 positiv gewesen, teilte das Bundesverbraucherschutzministerium am Freitag mit.

In den Edeka-Läden wie auch erstmals bei der Discount-Tochter Netto wurde das Tiefkühlprodukt Penne Bolognese im 750-Gramm-Beutel aus dem Handel genommen, wie Edeka am Freitag mitteilte. Auch der Discounter Aldi Süd nahm ein weiteres Gericht vorsorglich aus den Regalen: In der „Lasagne 400 g“ seien Spuren von Pferdefleisch nachgewiesen worden. Der Cuxhavener Hersteller Wingert Foods rief am Freitag Zigeuner-Hacksteaks der Marke Maitre Corbell zurück. Es kann dem Unternehmen zufolge nicht ausgeschlossen werden, dass darin Anteile von Pferdefleisch enthalten sind.

 

 
 
Kommentare (5)
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FEB
24
Snowman, 11:12 Uhr

Eine Frechheit

Pferdefleisch an sich ist ja nicht schlecht - wenn es von Pferden stammt, die explizit zum Schlachten gezüchtet worden sind und nicht um abgehalfterte Rennpferde. Diese werden nämlich zeitlebens mit Medikamenten vollgestopft, die für den Menschen schädliche Nebenwirkungen haben können. Das Fleisch dieser Tiere dann an Menschen zu verfüttern um den großen Reibach zu machen, es als Rindfleisch zu deklarieren ist nicht nur eine einfache Verbrauchertäuschung, es handelt sich dabei meiner Meinung nach um einen handfesten Betrug. Das Fleisch dieser vollgepumpten Tiere an Bedürftige verteilen zu wollen, ist jedoch nicht nur eine einfache Entgleisung, ein unbedarftes Herausgeplapper eines CDU-Politikers, es ist eine schändliche, verabscheuungswürdige und unglaubliche Frechheit gegenüber den Betroffenen, die hier als der letzte Rest der Gesellschaft betrachtet werden, die nehmen sollen was kein anderer essen möchte und dabei noch froh sein sollen, dass man so an sie denkt. Diesem Politiker sollte man das ganze falsch deklarierte Rindfleisch (Pferd) an seine Privatadresse liefern, damit er es, zusammen mit seinen Angehörigen, verzehren kann. Ich wünsche einen Guten Appetit.

FEB
23
V wie Vendetta, 16:42 Uhr

Das ist der ' Pferdefuß ' unserer gewollten------

------Billig- und Geiz ist geil- Gesellschaft. Wir brauchen uns nicht im entferntesten zu beklagen, wir all, und damit meine ich die gesamte dekadende , bundedeutsche Gesellschaft. Wir wollten es so, haben der Politik den Weg bereitet , die uns dann vor vollendete Tasachen gatellt hat. Eine ehemals Werte beachtende Gesellschaft, damit meine ich die Zeit vor der Ära Schröder, wurde durch unser pasives Verhalten zu einer wertelosen, dekadenten und in allen gesellschaftlichen Belangen Mittelmaß-Gesellschaft umgebaut. Wir sind unseres eigenen Glückes Schmied, aber dazu braucht es ein gerüttelt Maß an Intelligenz, was man von großen Teilen dieser zunehmend geistig verarmenden bundesdeutschen Gesellschaft nicht mehr erwarten kann. Der sogenannte Pferdefleisch.Skandal ein Synonym für diese Zeit-Geistlose-Gesellschaft. Mit den Lebensmittel-Skandalen ist es wie mit dem immer mehr zu nehmenden prekären Arbeitsmarkt : Die Ursache, die Arbeitsmarktlage mit ihren Verwerfungen und dem zunehmenden Billig-Lohn-Niveau hat die Wirkung , daß solche kriminellen Machenschaften wie das Beispiel ' Pferde-Fleisch -Skandal ' zur Tagesordnung werden. Das ist der Preis für unser allgemeines Billig-Niveau-Verhalten. Sage keiner er hätte es nicht kommen sehen.

FEB
23
Albert Seitzer, 11:37 Uhr

einfach asozial

Pferde-, Hunde-, Katzenfleisch ist nicht minderwertig, aber in unserem Kulturkreis verzichten viele auf den Verzehr, weil es eine besondere Beziehung zwischen diesen Tieren und den Menschen gibt. Wenn nun jemand versucht Minderbemittelte zu zwingen und sei es auch nur indirekt dieses Fleisch zu essen so ist dies eine brutale Demütigung. Tatsächlich haben wir in Deutschland eine große Mehrheit der Abgeordneten, die Erwerbslosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, Ausnahmen bei der Kennzeichnung gesetzlich ermöglicht und gefördert haben. Ihnen genügen ihre Privilegien nicht, sie haben ein inneres Bedürfnis einen möglichst großen Unterschied zu weniger Begüterten herzustellen und eben diese Minderbemittelten zu demütigen.

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