Opernsängerin Olga Peretyatko „Ich sterbe ständig oder werde verrückt“

Von Verena Großkreutz 

Olga Peretyatko Foto: Uwe Arens / Sony
Olga PeretyatkoFoto: Uwe Arens / Sony

Von Berlin aus macht eine Sängerin aus Sankt Petersburg gerade international Karriere. An diesem Freitag ist Olga Peretyatko der Star in Rolando Villazóns Inszenierung von „La Traviata“ in Baden-Baden.

Stuttgart - Der Klang ihrer Sopranstimme hat etwas von einem prunkvollen Saal: alles auf Hochglanz poliert, viel Silber und Kristall, kombiniert mit einer riesengroßen Palette an Farben. Die russische Sopranistin Olga Peretyatko singt heikelste Koloraturen so, als wären sie das Natürlichste von der Welt, und ihr Belcanto macht Registerwechsel unhörbar.

Auf ihr Rollendebüt als Violetta in Verdis „La Traviata“ mussten Peretyatkos Fans lange warten. Nach Lausanne im Januar singt sie die Violetta von diesem Freitag (22. Mai) an auch bei den Pfingstfestspielen im Festspielhaus Baden-Baden – in einer Inszenierung von Rolando Villazón. „Man muss erst reif werden für diese Rolle“, sagt die seit diesem Donnerstag 35-Jährige, „mental und stimmlich.“

Begeistert durch glaubwürdige Darstellungen

Peretyatko begeistert durch ihre glaubwürdigen Darstellungen. Keine einfache Sache, was ihr Stimmfach Koloratursopran angeht. „Ja, ich sterbe ständig, werde verrückt – oder ich werde erst verrückt und sterbe dann. Mein Papa sagt mir immer: ‚Olga, du darfst nicht vergessen: Das bist nicht du! Das ist die Gilda, das die Violetta: Sie sind es, die sterben, nicht du.‘ Wenn ich auf der Bühne falle und dabei vergesse, dass ich die Sängerin bin, dann tue ich mir weh.“

Glaubwürdigkeit ist ihr unendlich wichtig. Kürzlich habe ein Kritiker über ihren Auftritt als Elvira in einer konzertanten Aufführung von Bellinis „I Puritani“ geschrieben: „Sie singt wunderschön, aber ich höre das Verrücktsein nicht in ihrer ­Stimme.“

„Was für ein Idiot!“, dachte Peretyatko da; was sie gesungen habe, sei schließlich Belcanto, und da gebe es bestimmte Regeln. „Man muss Farben finden, aber in Maßen.“ Die Persönlichkeit sei ausschlaggebend dafür, ob das Publikum ihre Violetta im ­Gedächtnis behalte.

Peretyatko schneidet jede Vorstellung mit, auch die Proben, um zu analysieren, ob für das Publikum immer klarwird, was gemeint ist. „Ob du ein schönes Gesicht hast oder nicht, ist egal. Es ist die Körpersprache, die dir Charisma, Bühnenpräsenz gibt. Daran musst du arbeiten.“

Sie habe immer gesungen. Das sei wie Teetrinken, Duschen, Atmen für sie. „Ich lese, seit ich dreieinhalb Jahre alt bin. Meine Mama erzählte mir, dass ich als kleines Kind alles gesungen habe, was ich in Sankt Petersburg auf der Straße gelesen habe.“

Es musste Berlin sein.

Auch Straßenschilder? Die Sängerin lacht. „Zum Beispiel.“ Später sang sie im Chor wie ihr Vater, dann studierte sie Chorleitung. Erst spät kommt sie auf die Idee, Solosängerin zu werden. „Ich habe Sängerbiografien gelesen, tonnenweise.“ Sie fand eine Lehrerin, da hörte sie das erste Mal, dass sie Sopran ist. Im Chor hatte sie immer Alt gesungen. Das alles sei aber gesund für die Stimme gewesen. „Du singst, aber nicht zu viel und nicht zu hoch. Nichts kann deine Stimme kaputt machen.“

2001 reist Olga Peretyatko nach Berlin und verliebt sich sofort in die Stadt. Sie bewirbt sich an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, singt vor, bekommt einen Studienplatz. „Es war meine einzige Bewerbung. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt. Es musste Berlin sein. Die Atmosphäre dort gibt dir das Gefühl, dass du alles schaffen kannst.“

Bald ging’s auch schon los mit den ersten wichtigen Rollendebüts. 2007 zum Beispiel, als sie als Desdemona in Verdis „Otello“ Aufsehen erregte: in Pesaro, beim Rossini-Festival, wo sie auch ihren heutigen Ehemann, den Dirigenten Michele Mariotti, kennengelernt hat.

Die Sopranistin spricht fünf Sprachen: Russisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch. Wenn sie freihat, lebt sie in Berlin, außerdem in Bologna, wo ihr Mann Chefdirigent ist, und in Pesaro, seiner Heimatstadt.

"Wir Russen lächeln nicht gerne"

Was typisch russisch an ihr sei? „Wir Russen lächeln nicht gerne. Lächeln bedeutet, ich mag dich sehr. Wir verbinden damit nicht so sehr dieses ‚Hallo, freut mich, dich kennenzulernen‘. Am Anfang meines Studiums fragten mich Kommilitonen öfters: Worüber bist du jetzt so böse? Aber das war ich doch gar nicht.“

„La Traviata“ sei eine geniale Oper. Violetta wisse von Anfang an, dass sie sterbe. Das erkläre die Logik des Stücks. Es modern zu inszenieren, in die heutige Zeit zu verlegen, davon hält Peretyatko nichts. Diese Tragödie sei nur unter den damaligen sozialen Bedingungen verständlich. „Die gibt es so nicht mehr. Du kannst aus Violetta keine Prostituierte machen. Das wäre billig. Sie war eine Kurtisane. Das ist etwas anderes.“

Ansonsten aber unterscheide sie nicht zwischen „moderner und konservativer Regie“, sondern nur zwischen „guter und schlechter“. „Wenn das Story-Telling funktioniert, wenn die Geschichte also gut erzählt wird und alles glaubwürdig ist, dann ist alles mit mir möglich.“ In einer „Rigoletto“-Inszenierung habe der Regisseur einmal gefordert: „Sing deine Arie ‚Caro nome‘, und dann gehst du zu Giovanna und gibst ihr einen Zungenkuss.‘ Ich fragte: Warum? Erklären Sie mir die Logik! Er hatte keine Antwort parat. Ich sagte: ‚Dann mache ich das nicht.‘“

Wie sie das höllisch anstrengende Leben eines weltweit gefragten Opernstars bewältigt? „Ich betrachte mich als Athletin, und das heißt totale Disziplin. Klar bringt man als Sänger Opfer. Aber ich brauche nicht die große Party. Ich fühle mich auch alleine gut, lade meine Freunde gerne zu mir nach Hause ein.“

Jeden Morgen trinkt Olga Peretyatko frisch gepressten Zitronensaft. Und für den Riesenumfang der Belcanto-Rollen übt sie täglich ihre drei Oktaven Arpeggio: in Einzeltöne zerlegte Akkorde. Technik mache sicher. „Was rettet dich denn sonst, wenn du mal angeschlagen bist oder wenn du nicht mehr so jung bist und die Kondition nicht mehr hast? Mit einer guten Technik kannst du sehr, sehr lange singen. Und genau das habe ich vor!“

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