Onlineportal Foodsharing Tauschbörse für Kühlschrank-Reste

Sascha Schmierer, 15.12.2012 09:00 Uhr
82 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Bundesbürger jährlich in den Müll. Eine vierköpfige Familie kippt statistisch gesehen Nahrung im Wert von fast 1200 Euro in die Tonne. Eine Tauschbörse für Essensreste will der Verschwendung nun ein Ende setzen. Ludwigsburg gehört zu den ersten Standorten des Angebots.

Ludwigsburg - Mit stählernen Greifzähnen wühlt sich ein Abfallbagger durch Berge aus erntefrischen Karotten und verwelkendem Kopfsalat. Eine gigantisch anmutende Müllpresse schiebt makellos wirkende ­Tomaten, schimmeliges Brot und braun ­gewordene Bananen zu einem undefinierbaren Brei zusammen. Mit diesen Szenen aus der ­Entsorgungshölle im Hinterhof eines ­Supermarkts hat der Filmemacher Valentin Thurn bundesweit für Aufsehen gesorgt – und mit seiner Dokumentation „Taste the Waste“ eine breite Diskussion über die ­Wegwerfmentalität bei Lebensmitteln ­angestoßen.

Gut elf Millionen Tonnen Nahrung landen in Deutschland jedes Jahr auf dem Müll, fast ein Drittel der weggeworfenen Waren liegen noch ungeöffnet in ihrer Verpackung. Um der Kundschaft auch kurz vor Ladenschluss noch gut gefüllte Regale bieten zu können, kalkulieren viele Bäcker mit Entsorgungsquoten von bis zu 25 Prozent – jedes vierte Brötchen kommt deswegen in die Tonne.

Anteil der privaten Haushalte am Lebensmittel-Müllberg liegt bei satten 42 Prozent

Doch die im Einzelhandel weggeworfenen Produkte machen nach einer Untersuchung der Universität Hohenheim nur den kleinsten Teil der Verschwendung aus. Während Supermärkte und Gemüseläden für etwa fünf Prozent der essbaren Abfälle verantwortlich sind, liegt der Anteil der privaten Haushalte am Lebensmittel-Müllberg bei satten 42 Prozent. Vor allem Singles kaufen oft weit mehr ein, als ihr Magen fassen kann – und stehen regelmäßig vor dem Problem, was sie mit abgelaufenen Joghurt-Großpackungen oder den im Heißhunger gekauften Raviolidosen anstellen sollen.

„Knapp ein Fünftel der Lebensmittel wird nach unserer Erfahrung schlicht deshalb weggeworfen, weil man keine Lust mehr darauf hat“, sagt Annette Ponton von der Abfallverwertung in Ludwigsburg. Die vom Landkreis getragene Entsorgungsfirma hat sich bereits bei dem von der EU geförderten Projekt „greencook“ bemüht, die Verbraucher mit einem Haushaltstagebuch zu einem bewussteren Einkauf zu ermuntern. „Sobald man sich Gedanken macht, ­verkleinert sich der Abfallberg von selbst“, lautet die Lehre aus dem Modellversuch. Mit Berlin, Köln und dem Landkreis Steinfurt zählt Ludwigsburg nun auch zu den vier Standorten, an denen ­www.foodsharing.de an den Start gegangen ist.

Die Internetseite bietet die Möglichkeit, Nahrungsmittel unentgeltlich zu tauschen. „Im Internet werden Klamotten, Autos und Wohnzimmer-Sofas getauscht – weshalb ­also nicht auch essbare Waren?“, sagt Filmemacher Valentin Thurn, der die Idee zu ­dieser Plattform hatte.

„So viel Bedürftige gibt es nicht“

Gedacht ist Foodsharing für Privatleute ebenso wie für Geschäfte. Überzählige ­Lebensmittel sollen unkompliziert, kurzfristig und vor allem kostenlos weitergegeben werden können. Wer vor einer Urlaubsreise seinen Kühlschrank leeren will, kann sein Angebot einfach ins Internet stellen. Und der Landwirt muss seine Kartoffeln, die für den Lebensmittelhandel zu klein geraten sind, künftig nicht mehr wegwerfen. „Ich finde den Gedanken klasse, dass man über diese Plattform auch den Wert der Lebensmittel wieder ein Stück weit bewusst ­machen kann“, sagt Gottfried Willmann. Der auf Bioware spezialisierte Großhändler aus Vaihingen an der Enz belieferte bislang schon etliche Tafelläden für Bedürftige mit überschüssigen Produkten. Nun will er nicht abverkaufte Ware auch über die Internet-Plattform anbieten. Als Konkurrenz zu den Tafelläden sieht auch Filmemacher Thurn das neue Angebot nicht: „Wenn ein Bäcker nicht mehr zu verkaufendes Brot liefert, ­bekommen es die Tafeln gar nicht weg, so viel Bedürftige gibt es nicht.“

Ludwigsburg hat Thurn übrigens aus ganz persönlichen Gründen zu einem der ersten ­Standorte von Foodsharing gemacht: Sein Großvater betrieb in der Ludwigsburger Kirchstraße einst eine Metzgerei. Wobei ­gerade Fleischprodukte beim Warentausch im Internet mit ­Vorsicht zu genießen sind: Rinderhack und Schweinemett dürfen ebenso wenig weitergegeben werden wie frischer Fisch oder Produkte mit nicht erhitzter ­Rohmilch oder rohen Eiern.

 
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Kommentare (10)
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Georg Schmidt Ist schon länger als 1 Jahr her
Hallo lieber 'Schnauze voll' Scheint’s haben sie keinen Namen oder sind nicht Manns ihn zu nennen. Anonym pöbelt sich es einfach besser. Solche Antworten gibt es immer wieder. Meist gehen sie mit Unverschämtheiten einher, wie zu bezweifeln ob der andere überhaupt 'eine Geist' hat. Dann kommen die stereotypen Zuweisungen wie 'altmodisch, rückständig…..' oder eben verbohrte Köpfe. Hier erkennt man die echte Verwandtschaft mit den 68ern bzw. der Frankfurter Schule. Dann wird behauptet dass unser Planet zugrunde gerichtet wird. Einfach so und pauschal, weil es halt scheint’s religiös ist. Welche Indizien führen sie zu dieser Aussage? Ansonsten wünsch ich ihnen viel Freude beim essentauschen. Ich mach da sicher nicht mit. Hoffe nur dass mich der spießige Ökoklerus nicht auf den CO2 neutralen Scheiterhaufen wirft.
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Schnauze voll Ist schon länger als 1 Jahr her
'Es geht mir auf den Geist!!!' Setzt aber voraus, dass einer vorhanden ist. Sie begreifen offensichtlich nicht worum es hier geht, sonder nutzen den Artikel um blind auf imaginäre 'Ökos' einzuschlagen. Solchen verbohrten Köpfen wie Ihnen ist es zu verdanken, dass der Planet sukzessive zu Grunde gerichtet wird. Mit Recht kann man Sie als 'Ökoterroristen' bezeichnen.
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Georg Schmidt Ist schon länger als 1 Jahr her
Wir verkommen immer mehr zu Nordkorea! Anstelle froh zu sein dass wir uns dies Fülle erarbeitet haben kommen nun diese Spießbürger Ökosozialisten mit der Enthaltsamkeit, Sparsamkeit daher. Die selben Gruppierungen die 1968 die Großeltern als Spießbürger bezeichnet haben weil sie aus der Mangelwirtschaft eine Tugend machten. Aber nun wollen sie Merkwürdigerweise in die Mangelwirtschaft zurück. Die Bevölkerung noch weiter in den 'Schlechtesgewissenmodus' versetzen. Nach Mülltrennung, Energiesparen, Flaschensammeln, Autoteilen, Langsamfahren, Fleischfreiessen, Nichtrauchen soll eine weiterere Sünde von der Ökoreligion den Ablass fordern. Der Ökoklerus will es so, sonst wird es nichts mit der 'nachhaltigen Ökofa Mangelwirtschaft' Es geht mir auf den Geist!!!
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DonCarlos Ist schon länger als 1 Jahr her
Der größte Schwachsinn passiert doch gleich auf dem Acker, weil so 50 % der Ernte nicht der Norm entspricht und so gleich auf dem Hof weg kommt. Der Handel selbst gibt die Normen vor und nicht mehr die EU. Bei mir im Kühlschrank gammelt gerade wieder ein Salatkopf. Damit füttere ich demnächst wieder meine lieben Tierchen auf dem Kompost. --- Selbst wenn bei uns 10 % bis 25 % weniger weggeworfen wird, wird dadurch der Hunger in der Welt nicht geringer. Das Problem ist, dass dort vor Ort noch viel mehr durch unsachgemäße Lagerung verrottet. --- Wie viel Wasser es kostet in Deutschland ein Steak zu produzieren, ist mir bei diesem nassen Wetter ziemlich egal.
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Göckele Ist schon länger als 1 Jahr her
Und wann kommt der erste Supermarkt für Singelportionen? Ich habe das Problem wenn ich den Supermarkt direkt vor meiner Haustür unterstützen soll muß ich immer gleich 1 kg Erbsen kaufen. Brauche aber nur für einmal. Will ich frische Champions kann ich wunderbar weiße kaufen, leider die 500 g Packung. Will ich abends ne Lasange kann ich 1 kg kaufen. Als Singel ist man leider oft gezwungen große Packungen zu kaufen. So groß kann das Eisfach gar nicht sein um die Reste einzufrieren. @ V wie Vandtta: auch in einem Restaurant wissen Sie nicht, ob Ihr Schnitzel nich zufällig im lauwarmen Wasser im Handwaschbecken aufgetaut wurde, die Ente beim Chinesen auf dem Küchenboden auftaute und selbst im Supermarkt können Sie sich mit tiefgekühlterLasagne den Magen verderben weil diese bei der Anlieferung morgens in der Sonne stand und antaute. Selbst in der Markthalle kann es passieren, dass der Camembert zuhause das wuseln anfängt weil er morgens auf dem Großmarkt beim Anliefern kurz in der Sonne stand.
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