Österreich Verweißte böhmische Dörfer

Wolfgang Albers aus Aigen, 22.11.2012 05:00 Uhr
Ganz oben in Österreich hat der Winter noch Macht. Meterhoch packt er den Böhmerwald mit Schnee zu - eine Topadresse für Langläufer.

Aigen - Er ist eine markante Zwischenstation an der Loipe, der 24 Meter hohe Moldaublick-Turm. Aber viele Menschen hat der Aufstieg auf die Plattform einst in emotionale Tiefen gestürzt. „Da haben sie die Mutter und den Vater naufgeschleppt, dass sie einen letzten Blick auf ihre einstige Heimat werfen konnten“, erzählt Ewald Fuchs. „Unbeschreibliche Szenen haben sich da abgespielt.“ Der kräftige 70-Jährige hat das alles miterlebt. Er lebt in Aigen, einer Gemeinde an den Ausläufern des Böhmerwaldes. Nur hier, im äußersten Nordzipfel Oberösterreichs, heißt der baumreiche Riegel aus Granit und Gneis noch so wie in den Zeiten der Donaumonarchie.

Aber die ist lang vorbei, und vergangen ist auch die Geschichte der Deutschen im tschechischen Teil Böhmens: 1945 wurden sie vertrieben, dann rammten die Tschechen einen Grenzzaun auf den Gebirgskamm. Ewald Fuchs und seine Freunde sind früher oft mit ihren Skiern dort entlanggelaufen und hatten immer so ein leichtes Gruseln, wenn sie eine tschechische Grenzpatrouille sahen. Sie schwiegen verbissen, so sehr auch die Österreicher einen Gruß probierten. Die Grenze trennte West und Ost hermetisch. Und als wollte die Natur den Wall verstärken, hinderten hohe Bäume den Blick nach Osten. Da trieb die Gemeinde Aigen einen ausgedienten Ölförderturm auf und stellte ihn 1967 nahe der Grenze als Aussichtsturm auf. Und die Böhmerwalddörfer bekamen Gäste: Sudetendeutsche, die aus der Vogelperspektive auf ihre alte Heimat schauen wollten. Auch heute genießen Langläufer den Blick. Oben zerrt ein kalter Wind. Wenn er aus Norden stürmt, nennen die Menschen hier ihn den „böhmischen“. Er lässt das Thermometer auf tiefe Minusgrade sacken, und Schneeverwehungen türmen sich meterhoch.

Das Auskommen war in dieser rauen Ecke nicht leicht

„Das ist dann wie in Sibirien“, sagt Ewald Fuchs. Der Wind hat alle Wolken fortgejagt, die Sicht geht weit ins Tschechische. Vor den Langläufern liegt das Tal der Moldau. 1959 stauten die Tschechen hier den Fluss zu einem großen Stausee. 27 Dörfer und zwei größere Ortschaften wie Untermoldau, die Heimat von 800 Menschen, verschwanden unter Wasser. Und auch die höher gelegenen Dörfer, aus denen die Sudetendeutschen vertrieben worden waren, verfielen. Das Gebiet an der Grenze wurde menschenleer - es war für die einstigen Besucher ein deprimierender Blick nach Osten: Sie sahen nur Vergangenheit ohne Chance auf Zukunft. Aber für ihre österreichischen Gastgeber waren die Heimweh-Besucher eine Chance auf bessere wirtschaftliche Zeiten. Denn das Auskommen in dieser rauen Ecke war nicht leicht. Erstmals wagten sich die Zisterzienser im 13. Jahrhundert in den Urwald am Granitgebirge.

Diese Mönche waren Spezialisten darin, eine Infrastruktur in unbesiedelten Gebieten aufzubauen - aber selbst sie gaben nach einigen Jahren frustriert auf. Erst ihre Nachfolger vom Orden der Prämonstratenser blieben und bauten in Schlägl ein Kloster. Über 40 Augustiner-Chorherren leben dort immer noch. Sie betreiben die einzige Stiftsbrauerei Österreichs und auch als einziges Kloster ein Skigebiet am nahe gelegenen Hochficht. Auf quasi klösterlichen Loipen also gleitet man durch den Hochwald, immer auf der Kammhöhe, bis nach Grünwald, einer Streusiedlung auf knapp 1000 Meter Höhe. Früher war sie ein Holzfällerdorf. Ewald Fuchs hat noch miterlebt, wie die Männer bis in die 60er Jahre hier Bäume fällten und mit Schlitten, vor die sie Bernhardiner und Schäferhunde gespannt hatten, abtransportierten - eine gefährliche Arbeit. „Den Tageslohn haben sie gleich im Wirtshaus versoffen, und die Frauen und Kinder hatten kaum zu essen gehabt. Nein, das war keine schöne Zeit.“ Da bot der beginnende Vertriebenen-Tourismus die Gelegenheit, sich andere Geldquellen zu erschließen.

Mit einem Husky-Schlitten geht es über den Moldau-Stausee

So wie Ewald Fuchs, der 1972 eine Pension eröffnete, stiegen viele in das Geschäft mit den Gästen ein. Als die jüngere Generation der Sudetendeutschen sich spannendere Urlaube vorstellen konnte als das Gucken an der Grenze, erschlossen sich die Böhmerwäldler neue Gästegruppen. Zu Schilling-Zeiten vermarkteten sie sich als Billigdestination, dann besannen sie sich aber auf andere Stärken der Region. Auch wenn man beim Stichwort Wintersport eher an die Alpen denkt: Die Kältekammer Böhmerwald punktet mit Schneemassen im Überfluss. Das Weiß, das einst die Einheimischen plagte, ließ sich sozusagen vergolden. Ein Junge aus Grünwald hat das buchstäblich gezeigt. Im Dorf fiel er auf, weil er nie den Schulbus nahm, sondern zu Fuß den bergigen Heimweg antrat. Und dann schnallte er sich die Langlaufskier unter, um zu trainieren. Grundlagenausdauer, die Christian Hoffmann bis zum Olympiasieg in Lake Placid brachte. Momentan ist er gesperrt. Er soll gedopt haben. Ja mei - die Böhmerwäldler haben trotzdem eine Loipe nach ihm benannt. Der Langlauf-Tourismus boomt. Und weil die Loipen auch für Skater gespurt sind, trainieren viele Sportler aus dem Umkreis hier oben. Zur Pause geht’s ins Blockhaus. Eine urige Hütte, ein Ofen bollert.

Das Domizil von Martin Mahringer, einem jungen Mann aus der Gegend, der hier ein Husky-Camp aufgemacht hat. Er profitiert von der nun offenen Grenze. Seine Gespanne laufen über das Eis des Moldaustausees in die tschechischen Weiten. „Da muss man gar nicht nach Alaska fahren oder nach Lappland“, sagt er. „Freie Natur, in der du tagelang herumstreifen kannst, haben wir hier auch.“ Klingt verlockend. So steigt man wieder auf die Skier und fährt unter den Granittürmen des Bärensteins - auch ein schöner Ausguck - nach Sonnenwald, ein Holzfällerdorf. Direkt an der Grenze hockten die Menschen da, ziemlich vergessen von Gott und der Welt.

 
 
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