Österreich Tirol: Flitzer aus Holz

Frank Krause aus Schwaz, 16.02.2013 05:00 Uhr

Schwaz - Die Säge kreischt. Es staubt. Und es riecht nach frisch gesägtem Holz. „Grüß di“, sagt der Firmenchef und wischt sich die Sägespäne aus den Augenbrauen. Nach ein paar Sekunden hat sich die Staubwolke gelegt - und gibt den Blick in eine Welt frei, die wie die Werkstatt eines Hobbybastlers wirkt, in Wahrheit aber ein Paradies für Wintersportler ist. Willkommen bei Bernhard Lederwasch, einem der letzten Tischler im Alpenraum, der Rodel noch nach alter Handwerkskunst selbst baut und dessen Kunden in halb Europa verstreut sind: in der Schweiz wie in Österreich, in Südtirol wie in Frankreich, in Deutschland von Berlin über Köln bis nach Stuttgart. „Wissen’s“, sagt er, „bei uns muss keiner in die Telefonwarteschleife, bis er bedient wird. Bei uns können die Kunden kommen und sagen, was sie wollen.“ Frei übersetzt: Sollen die Leute doch im Supermarkt den Rutscher aus Plastik zum Aktionspreis kaufen, auf dass er in der ersten Mulde einen Riss bekommt, nach dem zweiten Hügel in zwei Teile zerbricht und sie sich dann via Hotline über die schlechte Qualität beschweren. Die sogenannten Gallzeiner Rodel aus dem Hause Lederwasch sind im wahren Sinn des Wortes aus anderem Holz geschnitzt.

Sie bescheren dem Besitzer ein heißes Fahrgefühl auf kaltem Untergrund. Und das seit Jahrzehnten. Es ist österreichische Wertarbeit aus Schwaz, der ehemaligen Silberstadt in Tirol. Schon Vater Lederwasch pflegte das Handwerk, baute Rodel für sich und die Kinder. Die Gefährte aus Eiche, Buche oder Ahorn waren so gut und schnell, dass man alle Wettbewerbe in der Region gewann. „Jetzt kommen wieder die guten Gallzeiner“, erinnert sich Lederwasch junior, wie die Konkurrenz einst reagierte, wenn er und seine Kumpel ihre hölzernen Flitzer auspackten und die Fahrt ins Tal begann. Schlittenbauen aus Leidenschaft - was anfangs nur ein Nebenjob war, entwickelte sich für die Lederwaschs zum Haupterwerb. Bis zu 1000 Rodel produziert der Familienbetrieb pro Saison. In der Werkstatt werden die Einzelteile zugesägt, geschliffen, montiert. An den Wänden hängen Dutzende Werkzeuge, in einer Ecke stapeln sich die Kufen. Jeder Schlitten ist anders, individuell auf Größe und Gewicht des Käufers abgestimmt, so passgenau wie eine maßgeschneiderte Hose. Zum Stückpreis von durchschnittlich 200 Euro. Inklusive Sitzbezug und aufgesticktem Namen. An Arbeit mangelt es nicht. Draußen vor dem Haus lagert meterhoch das Holz.

Vor der rasanten Abfahrt steht der langsame Aufstieg

Nicht für den Kamin und kuschelige Winterabende gedacht, sondern als Rohstoff für die wertvollen Rodel. Im Vorraum von Lederwaschs Werkstatt, wo die Stoffmuster an der Wand lehnen und die Schriftzüge ausgewählt werden können, stehen einige fertige Schlitten bereit: Der Rennrodel für den Seppl, der Kinderrodel für den Lukas. Morgen werden sie abgeholt. Es ist Hochsaison in diesen Tagen. „I hob net so viel Zeit“, sagt Lederwasch zum Abschied, „jetzt probier’s mal aus.“ Schwaz liegt im Herzen der Silberregion Karwendel, hier ist Schlittenfahren zum Volkssport geworden. „Früher als Kinder sind wir oft mit dem Rodel zur Schule“, erinnert sich Berndt Arnold, Vizechef im Hotel Schwarzbrunn im nahen Stans: „Dann war man am Mittag schneller wieder am Rodelhang“, ergänzt er schmunzelnd und zeigt hinüber zum Skihang und zu der Rodelpiste gleich hinter dem Hotel. Rodelbahnen gibt es in dieser Region reichlich. Die Gegend bietet je nach Schneelage bis zu 20 Rodelpisten - keine künstlich angelegten High-Tech-Anlagen, sondern Hänge und Waldwege, auf denen man vor mancher Kurve nicht weiß, wie es hinter der Biegung weitergeht. Ein Nervenkitzel. Wunderbar ungefährlich. So wie auf der Rodelbahn, die von der Weidener Hütte hinab ins Tal führt. Aber erst einmal muss man hinaufkommen. Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen dieser Gegend, dass man sich nicht mit dem Skibob auf den Berg fahren lässt, dass man auch nicht den Sessellift nimmt, um die 600, 700 oder 800 Höhenmeter zu überwinden. Nein, vor der rasanten Abfahrt steht der langsame Aufstieg. Und zwar zu Fuß, den Rodel hinter sich herziehend. Und so beginnt eine Wanderung durch den verschneiten Winterwald. Immer bergauf. Idyll pur.

Hier ist es still, sehr still. Keine Discoklänge von Après-Ski-Stationen, keine Geruchsschwaden von Pommes-Frittiermaschinen und Jagertee-Töpfen, wie sie an den Schneebars des Alpin-Zirkus stehen. Hier riecht es allenfalls nach Wald, und hier kreisen nur ein paar Bergvögel. Nach zwei Stunden ist es geschafft. Der Start der Rodelbahn ist erreicht. Noch eine Stärkung in der Weidener Hütte, die warmen Klamotten für die Abfahrt anziehen. Jetzt kann sie losgehen, die sieben Kilometer lange Talfahrt. Mütze, Skibrille oder Sonnenbrille aufsetzen, Handschuhe anziehen, Jacke zumachen, Rucksack verschließen. Und Platz nehmen. Der Rodel aus dem Hause Lederwasch fühlt sich an wie ein Rennauto auf zwei Kufen. Also: aufsitzen, die Zügel in die Hand nehmen, den Flitzer langsam mit den Füßen anschieben, noch ein wenig mehr Gas geben. Schon beginnt die Fahrt. Erste Kurve? Gut gemeistert. Zweite Kurve? Auch geschafft. Dann kommt eine Gerade. Die Bäume am Wegesrand huschen wie Strohhalme vorbei. Sollten Fuchs, Hase oder Reh gerade in der Nähe sein, sie werden sich wundern über das fröhliche Juchzen der tollkühnen Menschen, die da auf zwei Kufen vorbeirauschen. Schon naht die nächste Kurve. Jetzt schnell etwas bremsen, aber wie? Fachmann Lederwasch hatte doch gesagt: „Der Rodel reagiert auf deine Körpersprache.“ Nur, reden hilft jetzt nicht viel. Also das eigene Gewicht verlagern, die Zügel anziehen, notfalls die Füße in den Schnee rammen. Die Flocken stieben links und rechts weg. Die Kurve ist geschafft, die Schneewehe am Rand bleibt unberührt. Nach 20 Minuten ist Endstation. Durchatmen, den Schnee von der Skijacke schütteln. Das Tal hat uns wieder. Aber nur bis morgen. Der nächste Berg ruft. Rodeln macht süchtig.

 
 
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