Oberbürgermeister von Ditzingen zur Nachverdichtung „Die Dosis macht das Gift“

Von Franziska Kleiner 

Michael Makurath geht davon aus, dass die Stadt trotz Verdichtung  ihren ländlichen Charakter bewahren wird. Foto: factum/Granville
Michael Makurath geht davon aus, dass die Stadt trotz Verdichtung ihren ländlichen Charakter bewahren wird. Foto: factum/Granville

Der Gemeinderat muss über die Verdichtung der Landhaussiedlung in der Ditzinger Kernstadt entscheiden. Er tut sich schwer damit.

Ditzingen - Die Große Kreisstadt ist ein Zusammenschluss von Dörfern, das prägt. Zugleich liegt sie am Rand der Landeshauptstadt. Bei der Ausweisung von Wohnraum müssen sich die Stadträte entscheiden, woran sie sich orientieren.

Herr Makurath, die Landhaussiedlung am Maurener Berg ist geprägt durch große Grundstücke und wenige Häuser. Das könnte die längste Zeit so gewesen sein.
Die Landhaussiedlung basiert auf der Entscheidung eines früheren Gemeinderats, ein spezielles Angebot für eine spezielle Nachfrage zu schaffen. Dass dies so auf ewige Zeiten bleibt, ist damit nicht verbunden. Insoweit kann sich auch der aktuelle Gemeinderat mit dem Gebiet beschäftigen. Er will keine grundsätzliche Änderung, sondern sich ergebnisoffen damit befassen, ob er an einzelnen Stellen nachbessert.
Die Grundstücksbesitzer machen Druck, sie wollen bauen.
Der Gebietscharakter wird sich nicht komplett verändern, aber es gibt Diskussionsbedarf in Teilen des Gemeinderats über punktuelle Veränderungen. Auch diese setzen eine Bebauungsplanänderung voraus.
Sind einzelne Veränderungen nicht der Türöffner für einen grundlegenden Wandel?
Es gilt nach Paracelsus: Die Dosis macht das Gift. Der Gemeinderat hat das städtebauliche Konzept, das eine massive Verdichtung vorsieht, abgelehnt. Aber er wird diskutieren, ob man an drei vier Stellen anpasst. Zugleich stellt sich dann aber die Frage, ob bei den knappen Ressourcen der Aufwand einer Bebauungsplanänderung lohnt.
Lohnt er?
Ich will der Entscheidung des Gemeinderats nicht vorgreifen. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass eine punktuelle Veränderung den Gebietscharakter nicht negativ berührt. Die Kunst wird für den Gemeinderat sein, eine saubere Linie zu definieren, wo er Veränderung zulässt und wo nicht.
Damit macht er sich angreifbar. Mit welcher Begründung lässt er Bebauung hier zu und lehnt sie dort ab?
Das ist wie bei jedem Bebauungsplan. Dieser Diskussion kann man nicht ausweichen. Aber kann man eine Bebauung kategorisch ausschließen, nur weil ein vorheriger Gemeinderat sie abgelehnt hat?
Nein, aber weil dann ein Naherholungsgebiet zumindest dezimiert würde.
Aber wir reden nicht von einem Naherholungsgebiet, sondern von einem Baugebiet. Auf die privaten Freiflächen, die Gärten um das Haus herum, haben Sie keinen Zugriff. Wer durch das Gebiet läuft, läuft auf den Gehwegen.
Inmitten von Grün.
Das ist der Punkt! Der Gemeinderat will deshalb den Gebietscharakter nicht verändern, aber dem Umstand Rechnung tragen, dass es überall eine massive Nachfrage nach Wohnraum gibt.
Sie könnten die Promis mit Handschlag begrüßen. Es ist das einzige Baugebiet für solvente Bürger.
Bei den Quadratmeterpreisen werden die Unterschiede kleiner.
Weil ganz Ditzingen so hochpreisig ist?
Die ganze Region Stuttgart. Für die Baugrundstücke werden Preise bezahlt, die an der Grenze des Anständigen sind. Der Maurener Berg war früher der Millionenhügel. Zum Preis pro Quadratmeter im erschlossenen Baugebiet Ob dem Korntaler Weg wird wohl kein erheblicher Unterschied mehr sein, aber natürlich in der Größe der Grundstücke. Insofern zieht der Maurener Berg ein spezielles Klientel an, das es sich leisten kann und will. Das ist auch ein Teil der Wohnraumnachfrage, wir müssen für alle etwas anbieten. Das größere Problem ist, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.
Sie müssen schnell Wohnraum schaffen.
Die Grundfrage dabei ist, ob das Neue kompatibel mit dem Vorhandenen ist. Wenn wir erschwinglichen Wohnraum generieren wollen, müssen wir verdichten. Wir müssen in allen Neubaugebieten auch Mehrfamilienhäuser anbieten und können nicht nur Einfamilienhäuser bauen. Auch wenn das eine romantische Vorstellung ist, sie geht an den Bedürfnissen des Ballungsraums vorbei. Das heißt im Umkehrschluss nicht zwingend, dass wir Hochhäuser bauen, wir haben ganz wenige in Ditzingen.
In Hirschlanden stehen zwei, drei Hochhäuser, die zudem wieder im Kommen sind. Man ging in Hirschlanden den ersten Schritt, warum nicht einen zweiten folgen lassen?
Nach meiner Wahrnehmung findet das keine Mehrheit, in Ditzingen echte Hochhäuser zu bauen.
Ist das nicht inkonsequent? Es wäre doch ein leichtes, ein weiteres Hochhaus daneben zu bauen und so zügig Wohnraum zu schaffen.
Das ist eine Frage der Abwägung. Wir werden den Bedarf der Region Stuttgart in Ditzingen nicht allein decken können. Wir müssen mehr Mehrfamilienhäuser zulassen, aber deshalb muss man mit dem Bau von Hochhäusern nicht etwas machen, was in unsere ländliche Gegend nur sehr begrenzt reinpasst. Wir sind auch von der Verkehrsinfrastruktur nicht darauf ausgelegt. Wir können den Verkehr nicht aufnehmen. Das ist in Stuttgart, in anderen Großstädten anders. Unser Charakter bleibt dörflich geprägt, auch weil die Mehrheit keine grundlegende Umwälzung möchte.
Dann darf sie es aber auch nicht bedauern, dass es keinen Wohnraum gibt.
Man kann bezahlbaren Wohnraum nicht nur durch Hochhäuser herstellen. Es gibt einen Weg dazwischen.
Gewiss, man kann beispielsweise Gebiete umstrukturieren und Innenhöfe bebauen.
Man muss differenzieren: Auf was haben Gemeinderat und Verwaltung Zugriff? Wir weisen Baufenster aus, gebaut wird aber von den Investoren. Die Mehrheit der Fläche ist in privatem Eigentum, auf das wir keinen Zugriff haben. Wir haben in den Stadtteilen acht Hektar Nachverdichtungsfläche, sie gehören Privatpersonen, die derzeit nicht geneigt sind, zu bauen. Wir haben dennoch seit 2009 nur Innenentwicklung betrieben, also keine Neubaugebiete ausgewiesen, und auf diesem Weg 40 Wohneinheiten pro Jahr im Bestand entwickelt. Das ist nicht wenig. Aber Innenverdichtung stößt an Grenzen. Deshalb müssen wir wieder in die Außenentwicklung gehen. Das ist die Entwicklung aller Städte: Die Neubaugebiete entstehen am Rand, die alte Stadt bleibt in der Mitte erhalten. Das ist das, was man schön findet. Danach schließt ein Speckring an den anderen an. Jeder hat einen anderen Charakter, auch in der Architektursprache seiner jeweiligen Zeit. Ein einzelnes Neubaugebiet wird im Verhältnis zum Gesamtort aber immer ein nicht prägender Annex bleiben.

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