NSU-Morde Kiesewetters letzter Heimatbesuch

Von Franz Feyder und Sven Ullenbruch 

Polizisten erweisen am 30. April 2007 mit einem Trauerzug in Böblingen ihrer in Heilbronn ermordeten Kollegin Kiesewetter die letzte Ehre. Foto: dpa
Polizisten erweisen am 30. April 2007 mit einem Trauerzug in Böblingen ihrer in Heilbronn ermordeten Kollegin Kiesewetter die letzte Ehre.Foto: dpa

Am Wochenende bevor sie erschossen wurde, besuchte Polizistin Michèle Kiesewetter ihre Mutter – und traf den Bruder eines Neonazis. Opferanwalt Mehmet Daimagüler nennt ihren Fall den „geheimnisvollsten Mord der Serie“.

Am Wochenende bevor sie erschossen wurde, besuchte Polizistin Michèle Kiesewetter ihre Mutter – und traf den Bruder eines Neonazis. Opferanwalt Mehmet Daimagüler nennt ihren Fall den „geheimnisvollsten Mord der Serie“.

Stuttgart - Der Frühling war in diesem Jahr ungewöhnlich früh gekommen. Seit Mitte April 2007 schien die Sonne vom Himmel. Die Messsäulen in den Thermometern kletterten auf 23 Grad. Reisewetter auch für die Böblinger Bereitschaftspolizistin Michèle Kiesewetter, die am 19. April zu einem Kurzbesuch ins thüringische Oberweißbach aufbrach: Ihre Mutter feierte an diesem Tag ihren 47. Geburtstag. Es sollte Kiesewetters letzter Besuch in ihrer Heimat sein – sechs Tage später wurde sie mutmaßlich vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in Heilbronn erschossen.

„Der geheimnisvollste Mord der Serie“, ist der Opferanwalt Mehmet Daimagüler überzeugt. Zwar listen Ermittler des baden-württembergischen Landeskriminalamtes am 20. März 2012 auf 281 Seiten penibel auf, was sie alles seit 2007 im Umfeld Kiesewetters ermittelten. Antworten auf die Frage, warum ausgerechnet Kiesewetter auf der Theresienwiese erschossen wurde, finden die Beamten nicht. Auch dann nicht, als sie im Januar 2012 einen Freund der ermordeten Polizisten vernahmen. Der hatte schon im Kindergarten mit Kiesewetter gespielt, gemeinsam waren sie bis zur zehnten Klasse in dieselbe Schule gegangen: „So ab der fünften Klasse war ich mit der Michèle befreundet.“

Zum letzten Mal traf der junge Mann seine Sandkastenfreundin am 20. April auf dem Oberweißbacher Marktplatz. Sie „kam mit ihrem Auto vorbei“, erinnerte er sich bei seiner Vernehmung. Kiesewetter habe erzählt, dass sie freiwillig „eine Schicht übernommen hatte“. Vom Marktplatz in Oberweißbach aus soll sie gleich zu ihrer Rückfahrt nach Böblingen gestartet sein. Das Umfeld des Kindergartenfreundes spielte offenbar keine Rolle, als die gestohlene Dienstwaffe der Polizistin bei den mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gefunden wurde. Die Mordwaffe fanden Ermittler im möglichen Unterschlupf des Terrortrios in Zwickau.

Der Bruder dieses Kindergartenfreundes beschäftigt seit geraumer Zeit die Rechtsextremismusexperten des Thüringer Verfassungsschutzes. 2008 gründete Steve K. die Rechtsrockband „I don’t like you“ – „Ich mag dich nicht“. Zuvor hatte er in der Gruppe „Dreckfleck“ seine rechten Parolen gegrölt. Seine Liedtexte kamen ihm selbst so ­zweifelhaft vor, dass sie „von einer Anwältin geprüft wurden, damit es keinen Ärger gibt“, sagte sein Gitarrist einmal bei der Polizei aus. Und verließ die Band, als „die Texte immer mehr in die rechte Richtung gingen“. Zuvor habe Steve K. eben bei den unter „Dorfnazis“ beliebten Konzerten „patriotisch national“ in die Mikrofone ­geschrien.

Den Sänger und Bassisten luden Ermittler des Bundeskriminalamts Ende März 2012 vor, um sich mit Steve K. zu unterhalten. Als sei in Schulungen darauf hingewiesen ­worden, besteht K. nach der üblichen ­Belehrung eines Zeugen darauf, nicht vernommen, sondern nur befragt zu werden. So war er nicht dazu verpflichtet, den Polizisten die Wahrheit zu sagen. Kiesewetter, räumt K. ein, habe er „nur vom Sehen“ her über seinen Bruder gekannt. „Relativ umgänglich und beliebt“ sei sie gewesen, im Ort sei allgemein bekannt gewesen, dass „sie Polizistin war“.

Ganz unschuldig gab sich K., als es um seine Band I don’t like you ging. Patriotisch sei die, aber nicht national. Zwar gehöre das Publikum bei den Konzerten in eine Grauzone, ihm aber sei es nur „um die Musik gegangen“. Warum die Oberweißbacher Rechtsrocker im Gefolge bekannter Neonazigruppen wie der sächsischen „Selbststeller“ und „Kommando Skin“ aus Stuttgart auftraten, fragt keiner der Ermittler. Auch dass „I don’t like you“ außer selbst komponierten Songs zahlreiche Lieder einschlägiger Bands wie „Freikorps“ und „Endstufe“ im Repertoire hat, ist kein Thema.

Offenbar gab es vor der Befragung kein Gespräch über die Neonazi-Band mit Thüringer Verfassungsschützern. Die erwähnen 2011 in ihrem offiziellen Bericht die Band um Steve K. als „rechtsextremistischen Verdachtsfall“. Offenbar hatte auch die öffentlich zur Schau gestellte Vorliebe der Oberweißbacher für die Neonazi-Band „Skrewdriver“ die Geheimen auf ihre Spur gebracht: Der Bandname „I don’t like you“ ist eine Reminiszenz an ein gleichnamiges Stück von „Screwdriver“. Auf Bildern posieren die Bandmitglieder aus Oberweißbach mit T-Shirts der britischen Nazi-Kult-Rocker. Deren Anführer war nicht nur Musiker, sondern gründete auch das internationalen „Blood & Honour“-Netzwerk. Ermittler messen ihm eine entscheidende Rolle bei der Unterstützung des NSU bei. Zum harten Kern der „Blood & Honour“ gehörten in Jena Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe.

Baden-Württembergs Abgeordnete hatten im Februar beschlossen, dass sie keine offenen Fragen mehr zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter hätten.

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