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Neckarbrücke Aus dem Holzsteg wird Kleinholz

Von Dirk Herrmann 

Seine Tage sind gezählt: Der 39 Jahre alte, beliebte Holzsteg wird nach den Osterferien abgerissen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Seine Tage sind gezählt: Der 39 Jahre alte, beliebte Holzsteg wird nach den Osterferien abgerissenFoto: Lichtgut/Max Kovalenko

Diskutieren Sie mit: Bei manchen dürfte die Enttäuschung groß sein, andere werden sogar mit Empörung reagieren: Der beliebte Holzsteg, der Bad Cannstatt mit dem Rosensteinpark verbindet, wird demnächst abgerissen.

Stuttgart - Dieter Sengler, Architekt und Bauingenieur aus Altdorf im Kreis Böblingen, hatte von dem Termin schon gehört: Ende März dieses Jahres, so hieß es zunächst, soll jenes Bauwerk abgerissen werden, das er vor 39 Jahren zur Bundesgartenschau geplant hatte, das Bad Cannstatt mit dem Rosensteinpark verbindet und zudem von vielen Bahngästen für den Weg vom Cannstatter Bahnhof zur Wilhelma genutzt wird. Tatsächlich währt die Gnadenfrist noch ein paar Tage länger. Mittlerweile heißt es bei der Deutschen Bahn, dass noch im März die vorbereitenden Arbeiten beginnen sollen. „Ab April dieses Jahres wird der Steg dann gesperrt und Zug um Zug abgerissen“, erläutert ein Bahn-Sprecher.

Zug um Zug, das ist eine passende Beschreibung, denn Züge sind ja die Ursache, weshalb die weithin bekannte Holzbrücke weichen muss. Der Cannstatter Steg, wie er auch genannt wird, ist der neuen Eisenbahnbrücke im Weg, die im Zuge des Bahnprojekts Stuttgart 21 etwas weiter nördlich errichtet wird und der die Holzbrücke auf der Westseite des Flusses in die Quere kommt. Vergeblich war Senglers Hoffnung, sein Projekt doch noch retten zu können, indem man den Dachaufbau des Holzstegs ein wenig absägt – dann hätten beide Brücken eine Zukunft gehabt. Doch war dies offenbar bauingenieurtechnisch zu kompliziert, als dass sich die Bahn darauf einlassen wollte.

So werden sich also Sengler wie auch Spaziergänger den bisher noch nicht auf den Tag genau bekannten Baggeraufmarsch am Neckar in ihren Terminkalender eintragen, um diese ebenso historische wie betrübliche, aus Sicht der Bahn aber unvermeidliche Abrissaktion mitzuerleben. Und sicher werden auch zahlreiche Radler diesem Schauspiel beiwohnen, haben doch auch sie diese Brücke gerne genutzt, um zum Park zu gelangen – auch wenn die Überfahrt für sie, ausweislich der an beiden Uferseiten angebrachten Verkehrstafeln, eigentlich verboten war.

2007 zur Brücke des Monats gekürzt

158 Meter lang, 3,80 Meter breit, 210 Tonnen schwer, bestehend aus 400 Kubikmetern Holz, 8,70 Meter über dem Flussufer liegend – das also ist jener Holzsteg, der 2007 zur Brücke des Monats Mai gekürt wurde. Vor eineinhalb Jahren war der Abriss bereits fürs Frühjahr 2015 angekündigt worden, nun dauerte es doch noch ein Jahr länger. Doch nun sind seine Tage endgültig gezählt. Da in nächster Zeit ohnehin eine umfassende und teure Sanierung der Holzbrücke fällig gewesen wäre, war der Widerstand gegen den sich schon lange andeutenden Abriss im Stuttgarter Rathaus ohnehin nicht sehr ­ausgeprägt.

Hatte Sengler mit seiner Hoffnung auf Erhalt der Brücke schon keinen Erfolg, so kommt auch ein weiterer Vorschlag des 67-Jährigen nicht zum Zug: Dem Bauingenieur wäre es am liebsten, wenn der Holzsteg oder zumindest Teile von ihm erhalten blieben und, beispielsweise als Zwischenstücke, andernorts als Brücke dienen könnten. Doch auch in diesem Fall heißt es vonseiten des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm: Keine Chance. „Es gibt Anfragen, ob die Holzkonstruktion in irgendeiner Form weiterverwertet werden kann – aber das geht aus abfallrechtlichen Gründen nicht“, so der Sprecher. Es handle sich um behandeltes Holz, und das dürfe nicht weiterverwertet werden. „Wir sind angehalten, das Material zu entsorgen.“

Wie viel Geld der Holzsteg-Abriss kosten wird, ist nicht genau bezifferbar. Der Bahnsprecher verweist auf jene Gesamtsumme von circa 35 Millionen Euro, die für die künftige Eisenbahnbrücke wie für die Entfernung des alten Holzstegs veranschlagt sind. Eine genauere Aufspaltung der Summe sei nicht möglich.

Umwege auch für Wilhelma-Besucher

Für die Fußgänger bedeutet das alles, dass sie künftig Umwege in Kauf nehmen müssen – einen ersten Vorgeschmack gab es bereits durch den Abriss des sogenannten Elefantenstegs, der in Fortsetzung des Holzstegs über die Neckartalstraße führte. Gerade Wilhelma-Besucher, die diesen Weg wählen, müssen derzeit die vielbefahrene B 10 per ampelgesteuerte Fußgängerfurt überqueren – während die tonnenschweren Lastwagen oft nur einen halben Meter entfernt an den wartenden Familien mit Kinderwagen, an Kindergartenkindern oder Schülern vorbeidonnern.

Den Besuchern des zoologisch-botanischen Gartens empfehlen die Verantwortlichen der Wilhelma und der städtischen Bauverwaltung ohnehin den Weg über die Rosensteinbrücke und die neue Stahl-Behelfsbrücke über die fünfspurige Straße, um zum Haupteingang des Zoos zu gelangen.

Drei Jahre lang bleibt somit der schnelle Fußmarsch von Cannstatt zum Rosensteinpark oder zurück gekappt. Anschließend verbessern sich die Wegbeziehungen allerdings gegenüber heute deutlich aufs Doppelte: Denn dann stehen den Fußgängern voraussichtlich gleich zwei Flussüberquerungen zur Verfügung. Zum einen jene, die unterhalb der neuen Eisenbahnbrücke angebracht wird. 324 Meter lang und 24 Meter breit soll die Konstruktion werden. Ende 2018 oder Anfang 2019 könnte diese neue Brücke fertig sein.

Ideen für bestehende Eisenbahnbrücke

Eine andere Variante wäre die bestehende Eisenbahnbrücke. Schließlich wird sie, wenn die neue Neckarquerung für Züge und Fußgänger fertig ist, nicht mehr für diesen Zweck benötigt. Stattdessen könnte sie zu einer Fußgängerbrücke umfunktioniert werden. Die Chancen hierfür stehen gut, wie es bereits vor einigen Monaten aus dem Rathaus hieß. Stuttgarts Städtebaubürgermeister Peter Pätzold lässt ausrichten, der Vorschlag sei eine „charmante Idee“. Diese werde derzeit allerdings noch geprüft, eine Entscheidung sei noch nicht gefallen.

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