Nach Torklau bei der EM Experten fordern die Torkamera

Christian Ignatzi, 20.06.2012 14:31 Uhr

Stuttgart - Klar ist: In Zukunft werden strittige Torszenen nicht mehr vom Unparteiischen geklärt. Unklar ist noch, ob die Torkamera zum Einsatz kommt oder der Chip im Ball.

Im letzten Vorrundenspiel der Gruppe D ist für die Ukraine noch nichts verloren, als Marko Devic den Ball im Tor der Engländer unterbringt. Doch John Terry kratzt ihn akrobatisch von der Linie. So sah es zumindest Torrichter Istvan Vad, der neben dem Pfosten freie Sicht 

Es war nicht die erste Situation während der Europameisterschaft, bei der ein Torrichter im Mittelpunkt stand. Tags zuvor hatte ein nicht gegebener Elfmeter für Kroatien für Diskussionen gesorgt. Der deutsche Schiedsrichter Wolfgang Stark hatte die Partie gegen Spanien geleitet. Nach den strittigen Szenen wird der Ruf nach technischen Hilfsmitteln im Fußball lauter denn je.

„Wir Schiedsrichter sind für alles offen, was uns hilft. Deshalb würde ich das begrüßen“, sagt Marco Fritz. Der Bundesliga-Schiedsrichter aus Horb kennt die Problematik schneller und unübersichtlicher Situationen aus eigener Erfahrung. 2010 gab er im Zweitligaspiel des MSV Duisburg gegen den FSV Frankfurt auf Hinweis des Assistenten das Tor zum 5:0 Endstand für den MSV. Der Ball sprang nach einem Lattentreffer aber eineinhalb Meter vor der Torlinie auf. „Aufgrund des Stellungsspiels kann der Schiedsrichter so etwas meist nicht sehen. Es ist die Aufgabe des Assistenten, ihn zu unterstützen“, sagt er. „Selbst für einen Torrichter ist es bei dieser Geschwindigkeit oft nicht möglich, die richtige Entscheidung zu treffen.“ Die notwendige Konsequenz sei, technische Hilfsmittel einzusetzen.

Nun sei es Zeit zu handeln, schrieb selbst ­Felix Magath auf seiner Facebook-Seite

Fußballweltverbands-Boss Joseph Blatter unterstützt die Forderung:„Nach dem Spiel der vergangenen Nacht ist die Torlinien-Technologie keine Alternative mehr, sondern eine Notwendigkeit“, schrieb der Fifa-Präsident am Mittwoch über den Kurznachrichtendienst Twitter. Michel Platini, der Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa), hatte zuvor noch bekräftigt, eine „menschliche Lösung“ zu favorisieren. Nun sei es Zeit zu handeln, schrieb selbst ­Felix Magath auf seiner Facebook-Seite. „Ein glasklares Tor wurde nicht gegeben, weil ein Signal aus dem Ball nicht vorhanden, der Blick auf den Monitor nicht gestattet, technische Hilfsmittel zur Erkennung eines Treffers nicht vorhanden.“

Das wird sich bald ändern. Zwei Varianten sind möglich: der Chip im Ball und die Torkamera (mit der aus dem Tennis bekannten Hawk-Eye-Technik). Mit dem Chip experimentieren Forscher des Fraunhofer-Instituts aus Erlangen seit drei Jahren. Die Technik basiert auf einem Magnetfeld am Tor. Passiert der Ball mit vollem Durchmesser die Torlinie, erhält der Schiedsrichter ein Funksignal. Das System funktioniert wie der Diebstahlschutz im Kaufhaus. Getestet wurde der Chip erstmals bei der U-17-WM 2005 und bei der Club-WM 2007. Damals gab es noch Probleme mit der Technik. Schiedsrichter erhielten auch ein Signal, wenn der Ball am Tor vorbeisegelte.

„Wir wollen das System zur WM 2014 etabliert haben“

Die Hawk-Eye-Technik aus England wurde zuletzt bei der EM-Generalprobe der englischen Nationalmannschaft gegen Belgien im Wembley-Stadion getestet. Zuvor kamen die Torkameras im Dezember 2006 in der italienischen Serie A beim Spiel zwischen Udinese Calcio und Reggina Calcio zum Einsatz und 2007 bei der U-20- und U-17- Weltmeisterschaft. Das System nutzt eine optische Erkennung der Spielsituation.

2008 entschieden sich die Regelhüter des Weltfußballs für die Torrichter und verzichteten auf Technik im Spielbetrieb. 2010 kam das vorläufige Aus für Chip und Kamera. Das International Football Association Board (IFAB) der Fifa entschied, "der Technik die Tür endgültig zu verschließen", sagte Fifa-Generalsekretär Jérome Valcke damals. Jetzt soll alles anders werden.

Für den 5. Juli ist bei einer IFAB-Sitzung in Zürich eine Entscheidung angekündigt. Schon Anfang März hatten sich die Regelhüter des Weltfußballs „im Prinzip“ auf die Einführung einer Torlinientechnik geeinigt. Bereits bei der Club-WM in Japan im Dezember und beim Konföderationen-Cup 2013 in Brasilien könnte sie zum Einsatz kommen. „Wir wollen das System zur WM 2014 etabliert haben“, bestätigt Valcke.

 

 

 
 
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Kommentare (1)
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JUN
20
Henning, 16:53 Uhr

Warum nicht auch gleich..

...noch die Spieler durch progra,mmierbare Roboter und die Zuschauer durch virtuelle Avatare ersetzen um jegliche menschliche Eventualität auszuschliessen? So liesse sich der Profit der Gier-Funktionäre und der Werbewirtschaft sicherlich noch optimieren.

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