Mysteriöses Phänomen Brummton für Behörde nicht messbar

Von Jürgen Bock 

Viele Menschen leiden unter einem ominösen Brummton Foto: Natalie Kanter
Viele Menschen leiden unter einem ominösen Brummton Foto: Natalie Kanter

Ein unerträgliches Brummen, nächtliche Vibrationen – immer mehr Menschen melden sich, denen ein tieffrequenter Ton den letzten Nerv raubt. Das Landratsamt Esslingen hat in einer Wohnung gemessen – und nichts besonderes festgestellt. Die Betroffenen wollen es damit nicht bewenden lassen.

Stuttgart/Esslingen - Es werden immer mehr. „Dieser Ton muss aufhören. Nachts liege ich im Bett und habe das Gefühl, alles vibriert. Das ist nicht auszuhalten“, sagt eine Frau. Wie ihr geht es vielen Menschen in der Region Stuttgart, aber auch darüber hinaus. Ein tieffrequentes Brummen, das vor allem in Innenräumen wahrnehmbar ist, raubt ihnen den Schlaf und die Kraft. Manche suchen schon seit Jahren nach der Ursache, andere nehmen das Geräusch erst seit kurzem wahr. Viele Betroffene sind inzwischen völlig verzweifelt.

Nicht jeder kann den Brummton hören

Bereits vor Jahren hat die heutige Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg Messungen in landesweit 13 Wohnungen gemacht – ohne nennenswertes Ergebnis. Im Februar haben die Karlsruher Experten gemeinsam mit Vertretern des Landratsamts Esslingen ihre Geräte in einer Wohnung in Leinfelden-Echterdingen aufgebaut. Zweimal zwanzig Minuten lang ist dort gemessen worden. Das Ergebnis liegt jetzt vor: Aus den langen ­Zahlenreihen lassen sich zwar Geräusche herauslesen, aber nicht in einer solchen Stärke, dass irgendwelche Grenzwerte ­gerissen wären. Fest steht für Fachleute ­lediglich, dass nicht jeder Mensch das ­Brummen hört.

Für das Esslinger Landratsamt ist der Fall damit erledigt. „Eine erhebliche Belästigung durch hausinterne oder durch von außen einwirkende tieffrequente Geräuschimmissionen liegt nicht vor“, heißt es in einer Stellungnahme. Die Geräusche, die die betroffene Familie höre, „mögen subjektiv belästigend sein, aber im Sinne des Gesetzes liegt hier keine schädliche Umwelteinwirkung beziehungsweise erhebliche Belästigung vor“. Ein Schreiben an die Betroffenen endet mit einer Absage an weitere Schritte: „Wir bedauern, dass wir Ihnen in der Sache nicht weiterhelfen können, und bitten um Verständnis, dass für weitere immissionsschutzrechtliche Maßnahmen vor diesem Hintergrund keinerlei Grundlage besteht.“

Damit wollen es die Brummton-Geplagten keinesfalls bewenden lassen. „Wir sind mit den Nerven am Ende, das ist kein Leben mehr“, sagt eine von ihnen. Unterstützung kommt in Leinfelden-Echterdingen von der Liste Engagierte Bürger. „Die Feststellung des Landratsamts ist ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen und zeugt von unglaublicher Arroganz“, sagt Stadträtin Sabine Onayli. Sie betont, auch die Stadt habe „für alle Bürger und Bürgerinnen eine Verantwortung“, auch wenn die Geplagten wie in diesem Fall eine Minderheit seien. Man wünsche sich einen Runden Tisch, zu dem Experten auch von außerhalb hinzugezogen werden müssten. „Und zwar zügig und intensiv, und mindestens so lange, bis die Ursache gefunden ist“, fordert Onayli.

„Man kann uns doch nicht einfach alleine lassen“

Zumindest beim Thema zügig ist bisher nicht viel passiert. „Wir haben bereits sechs Terminvorschläge gemacht für die Zeit von Ende Mai bis 10. Juni“, sagt eine Betroffene, „aber die Stadtverwaltung strebt einen Termin erst im Hochsommer an.“ Sie pocht auf Langzeitmessungen mit anderen Messgeräten und sagt: „Man kann uns doch nicht einfach alleine lassen.“

Das Problem ist aber längst keines allein von Leinfelden-Echterdingen mehr. Bei einer Gruppe, die sich aus Betroffenen gebildet hat, haben sich mittlerweile mehrere Dutzend weitere Geschädigte gemeldet. „Regionale Schwerpunkte kristallisieren sich bisher kaum heraus“, sagt ein junger Mann, der bereits seit Jahren mit dem Problem zu kämpfen hat und Material darüber sammelt. Allein seit der letzten Berichterstattung in unserer Zeitung seien etwa 30 Betroffene auf ihn zugekommen. Und zwar aus Stuttgart und allen Landkreisen der Region. Ähnlich viele Geschädigte gebe es an der Bergstraße oder in Steinhöring bei München. Dort wurde bei Messungen ein tieffrequenter Ton festgestellt. Doch die Ursache ist bis heute nicht gefunden worden.

Dieses Problem haben alle, die unter dem Phänomen leiden. Einige tippen auf Mobilfunkmasten als Auslöser, andere hören den Ton, seit es Umbauten an ihrer Heizung gegeben hat. „Nach unseren Recherchen vermuten wir Probleme mit veralteten Stromleitungen, die es nicht mehr schaffen, mit der großen Menge an Strom, der heutzutage eingespeist wird, zurechtzukommen – etwa durch Solaranlagen“, so ein Betroffener.

Eine Erklärung scheint nach wie vor weit entfernt. Doch die Geschädigten wollen nicht aufgeben. „Wir brauchen eine Lösung. Dieser Ton ist einfach nicht auszuhalten“, sagt eine von ihnen.

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