Museum Grimmwelt in Kassel Wunderwelt, Märchenwelt, Grimmwelt

Von Falk Jaeger 

Blick in die Grimmwelt Foto: Jan Bitter, Grimmwelt
Blick in die GrimmweltFoto: Jan Bitter, Grimmwelt

Ein Haus wie eine begehbare Skulptur, gewidmet der Sprache und der Fantasie: In Kassel beleuchtet ein neues Museum die Verdienste der Gebrüder Grimm als Märchensammler und Sprachwissenschaftler.

Kassel - Man hätte den hinreißend schönen Ort oberhalb der historischen Treppenanlage mit einem schlossartigen Gebäude überhöhen können, ähnlich der Henschel-Villa, die vor dem Krieg hier auf dem Weinberg ihren Standort hatte. Oder man hätte einen gläsernen Tempel auf das parkartige Grundstück setzen können, um die großartige Umgebung auf dem „Balkon Kassels“ mit einer Akropolis zu feiern.

Doch Kadawittfeld Architekten aus Aachen hatten für das neue Museum Grimmwelt eine andere Idee. Wie eine in Jahrhunderten mit dem Berg verwachsene Burgruine erhebt sich der aus schwäbischem Travertin gemauerte Neubau auf dem Hügel. Die historistische Treppen- und Terrassenanlage vom Talgrund bis hinauf zur Weinbergstraße setzt sich einfach fort, erklimmt das neue Gebäude als „stairway to heaven“.

Blick auf das Land, in dem die Grimm-Bücher Geschichten sammelten

An der Talseite leitet eine breite Sitzstufentreppe hinauf zur Dachterrasse, an der Bergseite führt eine schmale Stiege wieder hinunter zum Straßenniveau. Auch die Dachfläche selbst steigt in mehreren Stufen sanft an, bildet ein Freiluftauditorium, ­geeignet für allerlei Feste und informelle Nutzungen. Wenn schon das Bauwerk in den wunderbaren Park gesetzt werden musste, so wollten die Architekten die okkupierte ­Fläche den Bürgern wieder zurückgeben.

Der Blick von den Mauern über die Karlsaue und in die Weite ist ein Fingerzeig: In diesem Land brachten die Gebrüder Grimm die Märchen in Erfahrung, die sie als Erste notierten und edierten. Und in diesem Land lauschten die Sprachforscher Grimm den Menschen ihre Sprache ab, notierten Worte und Wendungen auf 300 000 Zetteln und systematisierten sie.

Besucher fühlen sich wie beim Gang durch das Innere eines Buches

Vielleicht ist deshalb der Weg übers Dach der logische Zugang zu ihrem Museum. Der Aufzug in seinem verspiegelten Turm bringt den Besucher von der Plattform geradewegs hinab zur Eingangsebene – die im Normalfall natürlich durch den straßenseitigen Haupteingang betreten wird. Haben Foyer, Verwaltung und Museumspädagogik großzügig Außenbezug, so sind die Ausstellungsräume frei von Tageslicht. Der Rundgang durch die von den Ausstellungsgestaltern Holzer Kobler aus Zürich/Berlin und den Kuratoren hürlimann + lepp aus Zürich entwickelte Ausstellung führt den Besucher zunächst eine Split-Level-Etage tiefer in den Auftaktraum.

Fünf große Wurzelstöcke liegen hier, aus Südchina, wie es heißt, ein prächtiges Kunstwerk von Ai Weiwei, der die bizarren Stubben mit Autolack gefärbt hat. Im ersten Schauraum sind im kurzen Stakkato von ­innen beleuchtete Polycarbonatwände aufgestellt, in die ein Gang eingeschnitten ist. Die Besucher haben das Gefühl, durch die Seiten eines Buches zu gehen. Am Ende des Ganges steht ein raffinierter Spiegel, der die Illusion schafft, der im spitzen Winkel zurückführende Gang laufe geradeaus weiter.

Epochale Leistung als Sprachwissenschaftler

Zwischen den Buchseiten kann man in die Wortwelten der Grimms eintauchen und die erstaunliche Dimension ihrer Kärrnerarbeit an der deutschen Sprache erahnen. Die ­berühmte Sammlung „Grimms Märchen“ ist ihre populäre Errungenschaft, das „Deutsche Wörterbuch“ ihre epochale Leistung als Sprachwissenschaftler, die erst im Jahr 1963 mit der Edition des 32. Bandes ­abgeschlossen wurde. Sprache macht Spaß, das wird in der Grimmwelt so kurzweilig wie überzeugend vermittelt.

Im zweiten Saal eine weitere halbe Treppe tiefer öffnet sich Grimms Märchenwelt. Ein „Wald“ aus grünen Bürsten, wie man sie aus Autowaschanlagen kennt, ist zu durchstreifen. „Hexenhäuschen“ sind zu erkunden, keine Fachwerkhütten oder Knusperhäuschen wie im Bilderbuch, sondern weiß ab­strahierte, archetypisierte Hüttchen. Ziemlich labyrinthisch geht es zu, auch interaktiv, überall wispert und erzählt es, offenkundig sehr zur Freude der Kinder. Die Besucher – in den ersten vier Wochen zählte man 30 000 – sollen sich treiben lassen, auf Entdeckungsreise gehen.

Die letzte Abteilung schildert nicht weniger kurzweilig das Leben der Grimms. Man lernt die Mutter Dorothea Grimm kennen, die auch gesammelt und ediert hat – Kochrezepte –, sowie den kaum bekannten Bruder Ludwig Emil Grimm, der – wie wir heute ­sagen würden – Comiczeichner war. Erstaunlich: ein Wörterbuch als packendes Ausstellungsereignis, ein Haus wie eine begehbare Skulptur, eine Rauminstallation, die Fantasien entfaltet und entlässt, in eine eigene Wunderwelt, die Grimmwelt eben.

www.grimmwelt.de

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