Minderjährige Flüchtlinge Ägypter hält nichts von Kuschelpädagogik

Von Gerlinde Wicke-Naber 

Aufstehen, wenn man mit dem Lehrer spricht,  ist für die Schüler wie für den Lehrer Mohamed Esmat selbstverständlich. Foto: factum/Granville
Aufstehen, wenn man mit dem Lehrer spricht, ist für die Schüler wie für den Lehrer Mohamed Esmat selbstverständlich.Foto: factum/Granville

Nach sexuellen Übergriffen durch arabische und nordafrikanische Männer an Silvester in deutschen Städten sucht man nach Lösungen. Dabei gibt es schon längst pädagogische Konzepte zur Integration junger Männer – zum Beispiel im Waldhaus Hildrizhausen.

Sindelfingen - Vor Silvester haben mich die Nachbarn immer freundlich gegrüßt. Doch jetzt wollen sie nichts mehr mit mir zu tun haben“, klagt Omar (Name geändert). Der 17-jährige Syrer ist seit fünf Monaten in Deutschland, lebt in einer betreuten Wohngruppe des Jugendhilfeträgers Waldhaus in Leonberg und besucht in Sindelfingen die Integrationsklasse der Einrichtung. Einen Monat dauerte seine dramatische Flucht von Syrien mit einem kleinen Boot über das Mittelmeer und dann zu Fuß bis nach Deutschland. Hier erhofft sich der Junge, der ganz allein geflüchtet ist, ein neues Leben. Doch seit Silvester ist alles anders. Die Ereignisse in der Nacht, als Gruppen junger arabischstämmiger Männer in Köln und anderen Städten Frauen massiv belästigten, haben das Klima verändert. „Ich denke, viele Deutsche haben jetzt Angst vor uns. Dabei will ich nur lernen und arbeiten“, sagt Omar.

Die Vorfälle von Köln hat Mohamed Esmat, der Lehrer von Omars Integrationsklasse, sofort thematisiert. Gemeinsam schaute er sich mit den Jugendlichen Fernsehberichte über die Ausschreitungen an. „Ich habe ihnen dann ganz klar die Konsequenzen eines solchen Verhaltens aufgezeigt: Welche Strafen bei sexueller Belästigung möglich sind und welche Auswirkungen das auf das Asylverfahren haben kann bis hin zur Abschiebung“, sagt Mohamed Esmat.

Viel wichtiger ist ihm jedoch, die alltäglichen Missverständnisse im Alltag der Jungen aufzuarbeiten. „Gender peace“ heißt die Gruppe, die sich einmal wöchentlich in einer Wohngruppe des Waldhauses in Leonberg trifft. Dabei geht es um das grundsätzliche Bild der Beziehung von Männern und Frauen, das in arabischen Ländern ein anderes ist als in Deutschland.

Waldspaziergang für die Jungs aus der Wüste

„Bei uns bietet man einer Frau, die eine schwere Tasche trägt, Hilfe an“, nennt Esmat ein Beispiel. „Hier könnte eine Frau das missverstehen: als Belästigung oder gar als einen geplanten Diebstahl“, erklärt der Lehrer den 14- bis 17-Jährigen. Auch sei es in Europa üblich, dass eine Frau beim Sprechen dem Gegenüber in die Augen sehe und lächle. „In vielen arabischen Ländern versteht ein Mann das als Signal, dass die Frau Interesse an ihm hat.“ Über solche Dinge diskutiert der 48-Jährige mit den jungen Flüchtlingen.

Seit zwei Monaten ist Esmat, der Geo-Informatik studiert und einen Master in Friedens- und Konfliktforschung hat, als Lehrer und Betreuer beim Jugendhilfeträger Waldhaus angestellt. Als Kulturvermittler versteht sich der Ägypter, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt und deutscher Staatsbürger ist. Und so stehen auf seinem Programm auch Ausflüge: in die Sindelfinger Martinskirche, um den Muslimen einen Eindruck der christlichen Religion zu geben, und in einen Supermarkt – viele seiner Schützlinge kennen nur Tante-Emma-Läden. Das Highlight sei kürzlich ein Waldspaziergang gewesen für die Jungs, die aus der Wüste kommen.

Ganz bewusst setzt Hans Artschwager, der Geschäftsführer des Waldhauses, auf Mitarbeiter, die einen ähnlichen kulturellen Hintergrund haben wie die minderjährigen Flüchtlinge – und zwar schon vor den Vorfällen in Köln. „Außer Herrn Esmat haben wir auch zwei Iraner, die demnächst als Betreuer anfangen.“ Zwar bringen diese Kräfte keine Fachausbildung mit, dafür aber „sprechen sie die Sprache der jungen Flüchtlinge“, sagt Artschwager.

Und außerdem sei der Markt für Erzieher leer gefegt. Mit dem Landesjugendamt habe man deshalb vereinbart, dass man zu 50 Prozent auch Betreuer ohne Fachausbildung einstellen dürfe, sagt Wolfgang Trede, der Chef des Böblinger Kreisjugendamts. Auch er hält den Einsatz von Mitarbeitern wie Esmat für „eine gute Lösung“. Denn die Flüchtlinge entsprächen nicht „der normalen Jugendhilfe-Klientel“: „Es handelt sich in der Regel nicht um schwierige junge Leute aus kaputten Familien, sondern um ausgesprochen höfliche junge Männer.“

Probleme gebe es aber durchaus, sagt Artschwager. „Das ist keine homogene Gruppe. Wir haben hochbegabte Jugendliche und Analphabeten, die noch nie in der Schule waren. Manche sind traumatisiert, wurden gefoltert.“ Einige Jungs würden weibliche Erzieher nicht akzeptieren, so Artschwager. „Sogar die Polizei hat kürzlich mehrfach anrücken müssen, weil ein junger Mann sich von einer Erzieherin nicht bändigen ließ und ständig andere Jungs terrorisiert.“

Rauchen auf Staatskosten ist verboten

In solchen Fällen ist Mohamed Esmat gefragt. Er macht klare Ansagen, die die jungen Männer widerspruchslos akzeptieren. Esmat hält wenig vom „Kuschelkurs“ seiner deutschen Kollegen. „Streng sein“, lautet sein Credo. Sogar das Rauchen verbietet er den Jugendlichen. „Ihr lebt hier auf Kosten des deutschen Staats. Der gibt euch Geld zum Leben, nicht zum Rauchen.“ Und er fordert Einsatz von den Jungs. Deutsch lernen, um schnell eine Ausbildung zu beginnen, sei deren Aufgabe.

In der Klasse von Esmat herrscht eiserne Disziplin. Der Ägypter hat die 14 Jungs aus Afghanistan, Syrien und Gambia bestens im Griff. Auf Kommando springen die Schüler bei unserem Besuch auf. „Guten Morgen, Stuttgarter Zeitung“, skandieren sie im Chor. Mit „Herr Lehrer“ sprechen die Jugendlichen Esmat an. Und wenn dieser einen Schüler aufruft, dann steht der selbstverständlich auf. „Für uns deutsche Pädagogen ist das gewöhnungsbedürftig. Aber es scheint, der richtige Weg zu sein“, sagt Artschwager.

Er ist zuversichtlich, dass trotz aller Unkenrufe die Integration der jungen Männer gelingt. „Viele wurden von ihrer Familie geschickt mit dem klaren Auftrag, hier schnell Fuß zu fassen, um die Familie zu versorgen. Deshalb sind sie motiviert und täglich pünktlich um 8 Uhr in der Schule.“ Zudem seien die Bedingungen in den Jugendhilfeeinrichtungen weit besser als in Unterkünften für Erwachsene. „Die meisten werden sich hier schnell integrieren.“

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