„Meister des Todes“ in der ARD Peters Gewissen bedroht den Umsatz

Von Cornelius Oettle 

Daniel Harrichs „Meister des Todes“ erzählt von einem fiktiven Waffenproduzenten, der gesetzeswidrig in mexikanische Krisengebiete liefert. Die Story basiert auf aktuellen Recherchen zu Geschäften des Rüstungsunter­nehmens Heckler & Koch.

Stuttgart - Drei Sekunden nach der Aufblende fällt der erste Schuss. Die Kugel schlägt im Speiseschrank ein. „Runter!“, brüllt Peter (Hanno Koffler). Seine Frau (Alina Levshin) und die zwei kleinen Töchtern werfen sich auf den Küchenboden. Der Familienvater arbeitete vor kurzem noch für den Waffenhersteller HSW. Zuletzt führte der exzellente Schütze in Mexiko Gewehre vor und erlebte dabei, wie diese seitens der Exekutive gegen ­Protestmärsche eingesetzt werden.

An diesem Mittwoch um 20.15 Uhr in der ARD

Seit ­Peter seinen Ausstieg bekanntgab, lauern überall Schikane und Gefahr. Man will ihn einschüchtern. Auf gar keinen Fall soll er ­Interna verraten. Sein Gewissen bedroht den Umsatz.

Es gibt keinen Waffenhersteller namens HSW. Von purer Fiktion ist Daniel Harrichs neuer Streifen „Meister des Todes“ dennoch weit entfernt. Zu sehen ist er an diesem ­Mittwoch um 20.15 Uhr in der ARD.

Friedensaktivist Grässlin liefert Grundlage für den Film

Die Story basiert auf aktuellen Recherchen. Der Friedensaktivist Jürgen Grässlin stellte bereits im Jahre 2010 Strafanzeige gegen das Rüstungsunternehmen Heckler & Koch. Der Verdacht: illegaler Vertrieb nach Mexiko. Ermittlungen des Kölner Zollkriminalamts und die Aussagen eines einstigen H&K-Mitarbeiters stützen Grässlins These.

Bisher geschah allerdings wenig. Grässlin: „Ich frage mich, ob hier der Rechtsstaat nicht versagt, wenn die Staatsanwaltschaft Stuttgart fünfeinhalb Jahre durch Nichtstun glänzt.“

Der Film prangert das Verhalten der Behörden an

Durch Kleinwaffen, das sind zum Beispiel Maschinenpistolen, halb- und vollauto­matische Gewehre, tragbare Raketenwerfer und Handgranaten, sterben jedes Jahr bis zu ­400 000 Menschen. „Meister des Todes“ begnügt sich nicht mit der Kritik an ohnehin umstrittenen Waffenexporteuren, sondern prangert auch die deutschen Behörden an.

Diese scheinen gesetzeswidrige Lieferungen an potenziell menschenrechtsverletzende Empfängerregionen nicht nur nicht verhindern zu können. Man schließe bewusst die Augen und unterstütze somit gar zwielichtige Machenschaften, schließen die Macher von „Meister des Todes“.

Regisseur Harrich sagt sarkastisch: „Wir ­lassen uns da von irgendeinem superzuverlässigen Partner wie Syrien, Saudi-Arabien oder dem Libanon einen Wisch unterschreiben, drehen uns weg und fragen nie wieder nach, was mit den Waffen passiert.“

„Wenn nicht verkaufen, macht’s der Ami.“

Die kritische Auseinandersetzung mit dem brisanten Thema berechtigt die Existenz des Films. Klassische Idiotenargumente darf Heiner Lauterbach aufzählen: Er mimt den abgebrühten HSW-Vertriebschef ­Alexander Stengele. Sein Credo: „Wenn wir nicht verkaufen, macht’s der Ami.“ Wer so denkt, vergisst, dass man somit selbst derjenige ist, der anstelle eines anderen liefert. Nach Russland und den USA ist Deutschland drittgrößter Waffenexporteur. Das schafft man nicht guten Gewissens.

Neben Lauterbach überzeugt Udo Wachtveitl als Kontaktmann in Mexiko, der ­dortige Beziehungen pflegt und den Deal einfädelt. Diesem Mann geht’s ums Geld. Boshaftigkeit zu unterstellen wäre falsch: Moral interessiert ihn einfach nicht.

Koffler enttäuscht als Protagonist

Leider sind diese Charaktere im Drehbuch nicht sehr vielschichtig angelegt. ­Zudem sind die Nebenfiguren nachgerade plakativ geraten: Die pazifistische Ehefrau Stengele (Veronica Ferres) beschießt ihren Gatten stets mit Spitzen, lebte jedoch in 30 Beziehungsjahren komfortabel von dessen Einkommen. Hanno Koffler enttäuscht als Protagonist: Peters Reaktion auf das fraglos traumatische Erlebnis während der Demonstration in Mexiko kommt äußerst plump daher. Er erinnert an einen Fünf­jährigen, dem man, bedingt durch Omas ­Ableben, die menschliche Sterblichkeit vor Augen führt. Waffen töten auch Unschuldige – das schien ihm neu.

Zu Strapazen mit unfreiwilliger Komik avancieren die zwischen Phrasendrescherei und pathetischem Gefasel pendelnden ­Dialoge: Man achte etwa auf die Szene, in der Peter sich mit seinem Wissen über HSW an den (an Jürgen Grässlin angelehnten) Aktivisten Andreas Niethammer (August Zirner) wendet. Dieser fragt ihn, mit ­welcher Waffe er sich als Schulungsschütze verdingt habe. „SG38“, erklärt Peter und erhält als Antwort statt einem „Aha“ oder „Verstehe“ ein besonnenes „Ein Meister des Todes“. Bei so viel Theatralik lässt sich der Thematik zum Trotz ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

Es lohnt sich, bis zum Ende durchzuhalten

Mit zunehmender Spieldauer fokussiert sich Harrich auf Peters schwierigen ­Branchenausstieg. Die der Waffenproduktion innewohnende Dialektik geht unter: Vielleicht bedeutet Friede ja tatsächlich nur, über einen größeren Stock zu verfügen als der andere? „Es bleibt eine auch für entschiedene Pazifisten unangenehme Wahrheit, dass Nazideutschland mit Waffen ­besiegt wurde, durch nichts sonst“, sagt Darsteller Udo Wachtveitl unserer Zeitung.

Von heute auf morgen wird sich die Menschheit der Droh- und Mordgeräte jedenfalls nicht entledigen können. Waffenproduzenten werden so schnell keinen Insolvenzberater aufsuchen müssen. Um die aus den monetären Aspekten resultierende Skrupellosigkeit zu unterstreichen, findet Harrich eine herrlich zynische Schlussszene, die hier nicht verraten sei. Zumal es noch einen Grund gibt, bis zum Ende durchzuhalten: Im Anschluss folgt die Dokumentation „Tödliche Exporte – Wie das G36 nach ­Mexiko kam“.

 

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