Marktplatz in Bad Cannstatt Albert Einsteins Eltern waren auch schon da

Von Georg Linsenmann 

Der Historiker Olaf Schulze erläutert detailreich und unterhaltsam die Geschichte des Marktplatzes Foto: Georg Linsenmann
Der Historiker Olaf Schulze erläutert detailreich und unterhaltsam die Geschichte des Marktplatzes Foto: Georg Linsenmann

Mit einer Fülle spannender Details war ein Rundgang um den Marktplatz gespickt. Der Historiker Olaf Schulze konnte zum Auftakt seiner diesjährigen Führungsreihe mehr als 50 Teilnehmer begrüßen.

Altstadt - Einmal rund um den Marktplatz, mit knappen Abstechern in Seitengässle garniert: Das klingt auf Anhieb nicht nach der Eroberung von Neuland. Und doch drängte es mehr als 50 Teilnehmer zur Saison-Eröffnung der Führungen mit dem Cannstatter Historiker Olaf Schulze. Wobei hier schnell deutlich wurde, dass bei Schulze das Motto der Serie buchstäblich und ganz unmittelbar Programm ist: „Cannstatts Geschichte sehen lernen“.

Zum Auftakt also auf den Marktplatz, mit der schon mächtigen Frühlingssonne ins „Herz der Altstadt“, wo schnell dämmert, dass Marktplatz hier nicht gleich Marktplatz ist. Denn was heute als solcher fungiert, das ist er noch gar nicht so lange. Jedenfalls nicht in geschichtlicher Perspektive, in Jahrhunderten gemessen. Und sowieso: Was heißt hier schon „Marktplatz“! In Cannstatt müsste man davon eher im Plural sprechen, denn „das Herz der Altstadt“ gibt es eigentlich in dreifacher Gestalt. Jedenfalls in den historischen Metamorphosen, was sich ganz zum Schluss erschließt.

Manches schlummert rund um den Marktplatz im Verborgenen

Auf die jüngste Wandlung weisen die eher unattraktiven Rückfassaden auf der Westseite hin: „Bis Mitte des 19. Jahrhunderts“, erklärt Schulze, „standen hier andere Häuser. Dann aber wurde hier, im Zuge von Eisenbahn und Industrialisierung, auf- und abgeräumt. So entstand der heutige Marktplatz, daher rührt das Problem mit diesen einst verborgenen Gebäuderückseiten.“ Eher unscheinbar ist auf den ersten Blick auch das rückwärtige Gebäude am Eingang zur heimischen Gasse. Und doch stammt der ockerfarbene Klinkerbau, ein altes Speichergebäude, aus dem 16. Jahrhundert: „Möglicherweise mit einem Keller aus dem 14. Jahrhundert“, ergänzt Schulze. Eine Altersschicht, der auch das im ersten Stock auskragende Haus in der engen Gasse selbst zugehören dürfte, wobei sich für den Historiker die Frage stellt, „wie alt viele alte Häuser in der Altstadt tatsächlich sind“. Manche womöglich noch ein bisschen älter als bisher angenommen. Um das Rätsel zu lösen, will „Pro Altstadt“ Untersuchungen nun finanziell fördern.

Im Verborgenen schlummert auch das verdohlte Rinnsal des Sulzbaches, an den der Name der Gasse erinnert. In der Gegenwart angekommen, gibt es eine Ehrenrettung für die Architektur des Bezirksrathauses „mit Fachwerkmustern im modernen Gewande“, während an der Südseite der Stadtkirche der „alte Marktplatz“ auftaucht – und mit dem „Polizeibrunnen“ ein weiteres Stück davon. Denn dieser war einst der Marktbrunnen auf der Nordseite der Kirche, wo einst der Holzhandel der Flößer stattfand. Womit das Markt-Puzzle fast fertig ist, denn „einst ging der Markt rund um die Kirche“.

Die Teilnehmer haben mit Olaf Schulze Neues und Spannendes erlebt

Selbstredend ist der Weg dahin gespickt mit vielen erhellenden Details. Vom Eselsrücken-Portal an der Kirche, über Stilistisches im Übergang zur Renaissance, Steinmetzzeichen – oder die goldene Cannstatter Kanne im Schlussstein eines Fensterbogens am Alten Spital: 1905 eingefügt, im Jahr der Verschmelzung mit Stuttgart, „als Ausdruck von Selbstbewusstsein“, wie Schulze mit leicht subversivem Schmunzeln anmerkt. Schlussstein der Runde ist dann wieder „der Marktplatz“, an der Westseite des Alten Rathauses. Dass drinnen einmal die Eltern des berühmten Physikers Albert Einstein getraut wurden? Das ist wenig bekannt. Und doch ist es auch ein Hinweis darauf, wie relativ Überlieferung sein kann: Unterhaltsam und faszinierend, Geschichte in dieser Manier „sehen zu lernen“.

„Du kriegst immer was Neues mit“, sagte eine ältere Dame staunend. „Als Reing’schmeckter kennt man die Stadt ja grob. Nach so einer Führung achtet man aber auch auf die kleinen Sachen“, resümierte Robert Hoffmann. Und Elke Weippert, in Cannstatt geboren, war es „fast ein bisschen peinlich“, was ihr im Laufe des Rundganges aufgegangen war: „Irgendwie läuft man doch blind durch seine Stadt. Dabei gibt es so viel Spannendes an Hintergrund und Geschichte! Ich bin stolz darauf, was für eine interessante und schöne Stadt wir doch haben!“

Redaktion Bad Cannstatt

Ansprechpartner
Torsten Ströbele
cannstatt@stz.zgs.de

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