Leonhardsviertel Pietisten planen Haus für Prostituierte

Von Eva Funke 

Steffen Kern (links) und Stefan wollen in der Animierbar Zum Schatten eine Anlaufstelle für Prostituierte 
einrichten     Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Steffen Kern (links) und Stefan wollen in der Animierbar Zum Schatten eine Anlaufstelle für Prostituierte einrichten     Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Im Kampf gegen die Prostitution bekommt OB Fritz Kuhn (Grüne) Unterstützung von den Pietisten. Der Evangelische Gemeinschaftsverband Württemberg Apis will im Rotlichtviertel eine Anlaufstelle für Huren eröffnen.

Stuttgart - Erst Animierbar und Bordell. Von kommendem Herbst an soll das Eckhaus in der Leonhardstraße 1 /Jakobstraße 2 als „Hoffnungshaus“ Zuflucht für ausstiegswillige Prostituierte sein. Der Evangelische Gemeinschaftsverband Württemberg Apis will das Gebäude mieten.

„Wir waren auf Wohnungssuche für junge Erwachsene, die sich bei uns engagieren. Ein uns bekannter Christ hat uns ein Gebäude im Rotlichtviertel zur Miete angeboten. Uns war sofort klar, dass das die Chance ist, in die soziale Arbeit in dem Milieu einzusteigen“, sagt der Apis-Vorsitzende Pfarrer Steffen Kern und versteht das Angebot als „göttlichen Wink“.

Der Eigentümer des Gebäudes ist der Stuttgarter Rechtsanwalt Paul Eckert. Er war 2012 – damals noch Mitglied im Bezirksbeirat Mitte und im evangelischen Kirchenparlaments – in die Kritik geraten, weil sich in dem Gebäude die Animierbar Zum Schatten befindet und in den oberen Etagen Prostituierte ihrem Gewerbe nachgegangen sein sollen. Eckert, dem das Gebäude mit seinem mittlerweile verstorbenen Vater gehörte und der jetzt Alleinbesitzer ist, versicherte damals, dass sich Sex gegen Geld nicht mit seinen christlichen Wertvorstellungen deckt und er von Prostitution in dem Gebäude nichts wisse. Das Gebäude sei an eine Pächterin vermietet, die es in Eigenregie bewirtschafte. Außerdem versprach Eckert, in der Immobilie Prostitution künftig auszuschließen (unsere Zeitung berichtete).

Das Versprechen scheint mittlerweile umgesetzt zu sein: In diesem Jahr sind die oberen Etagen der Immobilie geräumt worden. Die Bar Zum Schatten schließt zum Jahresende. Bis zum Herbst kommendes Jahr soll das unter Denkmalschutz stehende Barockgebäude renoviert und dann laut Eigentümer zu „moderaten Konditionen“ an die Pietisten vermietet werden. „Als Christ unterstütze ich das Projekt, obwohl ich für das Gebäude ein Vielfaches der Miete bekommen könnte“, sagt Eckert. Das Gebäude Jakobstraße 4, das auch im Besitz Eckerts ist und in dem eine Prostituierte gearbeitet haben soll, soll an die Stadt verkauft werden. Die hat bereits Interesse angemeldet.

Motivation für die Apis, sich im Rotlichtviertel zu engagieren, ist laut Kern der „unhaltbare Zustand“, dass sich die Landeshauptstadt zu einer Drehscheibe der Prostitution entwickelt hat. „Rund 4000 Frauen gehen der Prostitution nach, rund 500 davon als Straßenprostituierte - teilweise unter Zwang“, sagt Kern und kritisiert, dass es kaum rechtliche Handhabe gebe, das zu unterbinden. Er sieht den christlichen Auftrag darin, den Prostituierten Würde und Anerkennung zu geben.

Projektleiter des Hoffnungshauses ist der Sozialpädagoge Stefan Kuhn. Das Konzept für die Arbeit im Milieu ist zwar noch nicht vollständig unter Dach und Fach. Doch auf jeden Fall soll es Sprachkurse für die Prostituierten geben, von denen viele aus Osteuropa stammen. Daneben sind Kulturveranstaltungen sowie Gottesdienste geplant. „Nicht mit dem Ziel, die Frauen zu missionieren, sondern damit sie ein Getragensein in der Gemeinschaft erfahren“, sagt Kuhn und will auch Arbeitgeber dafür gewinnen, den Prostituierten für ein paar Stunden einen Job anzubieten. „Dadurch merken sie, dass man auch anders als durch Prostitution Geld verdienen kann“, hofft Kuhn.

Im Haus selbst sollen Frauen für eine günstige Miete wohnen können, die einen Beruf haben und sich ehrenamtlich für die Prostituierten engagieren. Leiten soll dieses Team eine Sozialpädagogin, die im Hoffnungshaus lebt und Ansprechpartnerin für die Ehrenamtlichen und Prostituierten ist.

Kern rechnet damit, dass das Projekt , das auf zwei Jahre befristet ist, aber zur Dauereinrichtung werden soll, mit rund 150 000 Euro zu Buche schlägt. Er hofft auf finanzielle Unterstützung durch die Stadt und Spenden.

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