Landwirtschaft 4.0 Im Stall mit Smartphone statt Mistgabel

Von Ulrich Schreyer 

Blick in den Stall: der Mistschieber wird per Smartphone von Bauer Schnerring um die Kuh herum manövriert. Foto: privat
Blick in den Stall: der Mistschieber wird per Smartphone von Bauer Schnerring um die Kuh herum manövriert.Foto: privat

Ein Bauer aus Beuren zeigt in seinem Stall, wohin die Reise für seine Berufskollegen gehen könnte. Und es gibt auch schon ein Schlagwort dafür: Smart Farming.

Beuren - Das Übelste ist, dass der Kerle nachts um drei Uhr anruft“, sagt Martin Schnerring. Schnerring ist Bauer in Beuren und „der Kerle“ ist sein Melkroboter. Der Schnee am Hang unterhalb des Hohenneuffen glänzt im schönsten Winterweiß, über dem Hof wölbt sich ein strahlend blauer Himmel. Ob seine jüngste Investition wirklich eine glänzende Zukunft bringen wird, weiß der Landwirt so genau natürlich nicht. Überzeugt aber ist er davon, dass er keine Fahrt ins Blaue angetreten, sondern das Tor zur Zukunft für seinen Betrieb aufgestoßen hat – zu einer Entwicklung, der sich auch viele seiner Berufskollegen immer weniger entziehen können. In den Stall, in dem der Roboter die Kühe milkt, hat Schnerring 400 000 Euro investiert, davon 120 000 Euro allein für seinen Melkhelfer. Dieser läuft im Schnitt 20 bis 22 Stunden, die nächtlichen Ruhestörungen durch Anrufe dürften eher selten sein. Klingelt das Telefon weiß Scherring, dass er jetzt doch mal schnell in den Stall muss. Für die Kühe dagegen kann, so sie nur wollen, der Betrieb rund um die Uhr gehen. „Der Roboter kann zu jeder Tages- und Nachtzeit melken“, sagt der Herr des Hofes. Für die Vierbeiner sei es durchaus angenehm, wenn sie nicht mit vollem Euter warten müssten, bis morgens die Bäuerin oder der Bauer in den Stall kommen. „Wenn die Kuh sich wohlfühlt, dankt sie es mit Leistung“, so Schnerring.

Der Roboter erkennt wie es der Kuh geht

Die Kühe kommen zum Melken in ein kleines Abteil, dort werden sie abgebürstet, dann setzt der Roboter seine Saugrüssel an den Zitzen an. Etwa 25 Liter Milch liefert eine Kuh pro Tag, gemolken wird bis zu dreimal täglich. Hat ein Tier Probleme, öffnet der Roboter statt des Melkabteils ein Gatter, das Tier marschiert dann zu einem Platz, wo es behandelt wird. Der Roboter indes ist nicht nur Melkhelfer, sondern auch Messinstrument: Er stellt etwa fest, wie viel Milch eine bestimmt Kuh liefert und wie hoch der Fettgehalt ist.

Der Fettgehalt der Milch ist wichtig für den Preis, die Milchmenge eines bestimmten Tiers kann aufzeigen, wie viel es frisst und ob es vielleicht zu wenig frisst, weil es krank ist. Alle diese Daten, aber auch die Zusammensetzung des Futters, das er weitgehend selbst anpflanzt, kann der Landwirt nicht nur am Bildschirm, sondern auch an seinem Smartphone ablesen. „Wenn ich draußen auf dem Acker oder auf unserer Streuobstwiese bin weiß ich genau, was bei meinen 70 Kühen im Stall passiert“, sagt Schnerring. Für wenige Berufe ist das Schalten und Walten des Wettergotts so wichtig wie für die Landwirte. „Das Auge des Herrn füttert das Vieh“ sagt der Bauer aus Beuren, „aber mit den Instrumenten tut man sich viel leichter.“

Ein Pionier am Hohenneuffen

Etwa 500 Melkroboter gibt es nach den Worten von Host Wenk, dem stellvertretenden Hauptgeschäftsführer des Bauernverbandes in Baden-Württemberg, bei den rund 7500 Milchviehbetrieben im Lande – Schnerring kann sich in seiner Zunft also durchaus noch als Pionier fühlen. Manche haben auch schon ein Schlagwort für die neue Art der Landwirtschaft gefunden: Smart Farming. Der digitale Stall kann den Kühen nützen, aber auch dem Bauern: Er kann nachmittags um fünf auch einmal zu einer Veranstaltung, anstatt im Stall stehen zu müssen. Und morgens muss er auch nicht bereits um fünf Uhr seine Kühe melken – aufgestanden wird in der Regel um dreiviertel sieben.

Bei der Anschaffung des Roboters im Oktober 2015 ließ Schnerring sich nicht von den schwankenden Milchpreisen irremachen, wichtiger war die Nachfolgeregelung. Bis dahin nämlich war klar geworden, dass eine Tochter und ein Sohn den Betrieb weiterführen wollen. Doch nicht nur die Nachfolgeregelung war für Schnerring entscheidend: „Als gelernter Maschinenschlosser war ich schon immer technikaffin“, sagt der Landwirtschaftsmeister, der vor der Übernahme des elterlichen Hofs rund zehn Jahre bei einem Industrieunternehmen tätig war.

Der Mistschieber säubert den Stall

Während er so erzählt, fährt ein kleiner Roboterwagen, der Mistschieber, durch den Stall und schiebt den Mist zwischen die Ritzen der Bretter, auf denen die Kühe stehen: Ausgemistet wird ständig, nicht nur, wenn der Bauer mit der Gabel kommt. Einen größeren Wagen hat Schnerring auch, zusammen mit einem Kollegen – der etwa 120 000 Euro teure Traktor wird über Satellit gesteuert, kann dank GPS Äcker Zentimeter genau abfahren, beim Wenden etwa wird eine Fläche nicht noch mal überfahren, „bei anderthalb Hektar spare ich so zwölf Minuten ein“, berichtet der Landwirt, der auf seinen Streuobstwiesen auch Bioäpfel anbaut.

Digitalisierung: Interessant auch für Ökobauern

Auch Ökoverbände wie Bioland sehen in der Digitalisierung eine mögliche Zukunft für die Landwirtschaft. Gerald Wehde, bei Bioland unter anderem für die Agrarpolitik zuständig, erkennt durchaus Vorteile, wenn etwa Traktoren satellitengesteuert über das Feld fahren: „Auf dem Acker könnte man dann durchaus einige Stellen punktgenau nicht säen, düngen und spritzen. So entstünde einen kleine Brache, auf der Wildkräuter wachsen.“ Die Technik, so meint Wehde, sei neutral, aber nicht ungefährlich: „Wenn einer natürlich überall optimal durchrauscht, rasiert er auch alles ab.“ Auch Biobauern könnten davon profitieren, dass der Schlepper über die Beschaffenheit des Bodens Bescheid weiß: „Das gilt beim Kalken, aber auch bei der Dosierung der Gülle.“ Doch möglicherweise setzt schon eine Vorgabe, die – mit wenigen Ausnahmen – für Biobetriebe gilt, der Digitalisierung Grenzen: Kühe, die Biomilch geben, sollen nach den Regeln von Bioland auf der Weide stehen – ins Freie aber kommt der Melkroboter nicht.

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