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Landtagswahl Baden-Württemberg „Die AfD ist seit heute Volkspartei“

Von Jürgen Bock, Wolf-Dieter Obst 

Großer Jubel in der Alten Reithalle: Die AfD hat die SPD überholt Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Großer Jubel in der Alten Reithalle: Die AfD hat die SPD überholtFoto: Lichtgut/Max Kovalenko

Neben den Grünen geht die Alternative für Deutschland (AfD) als Sieger aus der Landtagswahl hervor. Die Stimmung bei der Wahlparty ist dementsprechend überschwänglich – trotz einiger Gegendemonstranten.

Stuttgart - Spannung liegt in der Luft. Gebannt starren rund 200 Gäste in der Alten Reithalle auf die große Leinwand. Und dann ist es so weit. Die erste Prognose erscheint – und der in blaues und rotes Licht getauchte Saal erzittert unter grenzenlosem Jubel. Die Kandidaten, Mitglieder und Anhänger der AfD kennen kein Halten mehr. 12,5 Prozent zeigt der Balken an. „Sensationell“, entfährt es vielen. Und es wird noch besser für die Gäste. Immer weiter nach oben klettert das Ergebnis, jede neue Hochrechnung wird stürmisch bejubelt wie ein Tor in der Champions League. Jeder neue Tiefpunkt der SPD bei den drei Landtagswahlen wird stürmisch beklatscht, für die CDU gibt es Häme, und als das AfD-Ergebnis aus Sachsen-Anhalt verkündet wird, stimmen die Feiernden „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ an.

Der Sekt war längst kalt gestellt, die AfD von Anfang an siegessicher. Als Spitzenkandidat Jörg Meuthen um 18.08 Uhr die Bühne betritt und die Arme in die Höhe reckt, steht der ganze Saal, der Beifall will kaum enden. „Liebe Freunde, es ist geschafft“, sagt Meu­then – und lässt eine Generalabrechnung mit all jenen folgen, die seine Partei zuvor scharf angegangen sind. „Niemand, der das nicht selbst miterlebt hat, kann ermessen, wie weit der Weg bis zu diesem Abend der Freude gewesen ist", sagt er. Viele hätten die AfD „auf jede erdenkliche Weise bekämpft. Man hat uns als Rechtsextremisten beschimpft, die wir nicht sind und nie sein werden.“ Man sei Hassprediger und Hetzer genannt worden, Wahlkampfstände seien angegriffen und zerstört worden, einige Helfer hätten die „privaten und beruflichen Repressionen“ nicht durchgehalten. „Lasst uns heute feiern, morgen beginnt die Arbeit“, sagt Meu­then noch und enteilt in Richtung Neues Schloss – verfolgt von zahlreichen Kamerateams.

„Auf sachlicher Ebene diskutieren“

Neben dem großen Jubel bestimmt der Umgang mit der Partei den Abend. „Ich habe mich gewundert, wie dreckig der Wahlkampf gewesen ist“, sagt der Stuttgarter Kandidat Eberhard Brett. Dass SPD-Wirtschaftsminister Nils Schmid gesagt habe, anständige Menschen wählten nicht AfD, gehe überhaupt nicht. Auch Bretts Kollege Alexander Beresowski, dessen Haus und Nachbarschaft mit Verunglimpfungen beschmiert worden waren, schüttelt noch immer ungläubig den Kopf: „Ich hoffe, dass sich diese Leute eines Besseren besinnen. Wir wollen auf einer sachlichen Ebene diskutieren.“ Und er fügt stolz hinzu: „Die AfD ist heute eine Volkspartei geworden.“ Später stößt auch noch Kandidat Bernd Klingler dazu – „zufrieden“ mit seinem Ergebnis.

Während drinnen die Stimmung bei Sekt und Maultaschen prächtig ist, sinken draußen die Temperaturen Richtung Gefrierpunkt. Dem Siegeszug der AfD haben auch diejenigen nichts entgegenzusetzen, die sich für den Wahlabend vorgenommen hatten, die „rechten Scharfmacher nicht ungestört und ohne unseren Widerstand“ ihren Einzug in den Landtag feiern zu lassen.

Antifaschisten kommen zu spät

Das Antifaschistische Aktionsbündnis rückt um 17.10 Uhr mit 150 Demonstranten vor der Reithalle an – und kommt viel zu spät. „Professor Meuthen“, wie alle Anhänger den Landesvorsitzenden Jörg Meuthen nennen, ist schon seit 25 Minuten ungestört und ohne Widerstand drin im Gebäude des Maritim-Hotels.

Die Polizei hat vorgesorgt. Die Seidenstraße ist abgesperrt, gut 200 Beamte im Quartier sind den Protestierenden zahlenmäßig überlegen. Polizei-Einsatzleiter Harald Weber ist zufrieden – seine Taktik geht auf. Vielleicht hätte es noch Ärger gegeben, weil die Demonstranten auf der Straße bleiben wollen und nicht auf dem Platz an der Forststraße. Doch selbst Beschimpfungen helfen nicht weiter: Die als „vermummte Prügelhorden“ bezeichneten Beamten weichen nicht zurück. Und doch, sagt Organisator Mario Kleinschmidt: „Die gegen die Interessen des Großteils der Bevölkerung gerichtete Hetze der AfD darf nicht unwidersprochen stehen bleiben.“ Um 18.40 Uhr löst sich die Demo auf – und noch immer bejubeln die AfD-Anhänger in der Reithalle immer bessere Prozentzahlen.

Der Schock auf der anderen Seite sitzt tief: Eine von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes angekündigte Demonstration mit 1000 Teilnehmern auf dem Schlossplatz um 19 Uhr fällt einfach aus.

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