Kuriosität Deutscher Ökostrom zahlt sich nur im Ausland aus

Walther Rosenberger, 17.12.2012 13:04 Uhr
Ausländische Stromkunden sind die eigentlichen Nutznießer der deutschen Energiewende. Durch den Ausbau von Solar- und Windkraft sinken die Preise in vielen Nachbarländern. Die deutschen Haushalte dagegen müssen saftig draufzahlen.

Frankfurt/Stuttgart - Die Energiewende ist um eine Kuriosität reicher: Weil Deutschland den Ausbau von Ökoenergien wie Wind- und Solarkraft vorantreibt, sinken in Europa die Strompreise tendenziell – in Deutschland nicht.

„Die Verbraucher in anderen Ländern profitieren“, sagte Tobias Federico, Geschäftsführer der Berliner Energieberatung Energy-Brainpool, unserer Zeitung. In Deutschland dagegen steigen die Stromtarife unaufhörlich, weil das Land auf Grün umschaltet. Mehr als die Hälfte der Energieversorger hat zum Jahreswechsel Tariferhöhungen um durchschnittlich zwölf Prozent angekündigt. Deutlich über tausend Euro im Jahr zahlt eine Durchschnittsfamilie mittlerweile allein für Strom. Die Preissprünge gehen dabei hauptsächlich auf die Kosten zur Finanzierung der Energiewende zurück. Mittlerweile ist Strom nur in Dänemark und Zypern teurer als in der Bundesrepublik.

Teurer Strom in Deutschland, günstige Tarife in den Nachbarländern. Und alles wegen der Energiewende? Die scheinbar paradoxe Situation entsteht, weil die sehr hohen Kosten des Jahrhundertprojekts hauptsächlich in Deutschland anfallen, die positiven Effekte aber gesamteuropäisch wirken.

Jedes Jahr eine Milliarden Euro Kosten

Der Ausbau von neuen Solaranlagen, Windrädern, Biogasanlagen und Leitungen kostet jedes Jahr Milliarden Euro. Nach Daten des Energie-Branchenverbands BdEW schlug die Ökoförderung für die deutschen Stromkunden allein 2012 mit 14,1 Milliarden Euro zu Buche. Das Geld wird über Steuern und Abgaben auf den Nettostrompreis aufgeschlagen und somit auf die deutschen Haushalte und Unternehmen umgelegt. Bei einem Endkundenpreis von etwa 26 Cent je Kilowattstunde beträgt der Staatsanteil – ein gut Teil davon geht auf die Ökoförderung zurück – derzeit rund 45 Prozent oder 11,7 Cent. Tendenz: stark steigend.

Die Energiewende verursacht aber nicht nur Kosten, sie wirkt auch preisdämpfend – vor allem an den Strombörsen, wo sich Energieversorger mit Energie eindecken können. Um bis zu 0,7 Cent je Kilowattstunde sind die Börsenpreise am maßgeblichen Handelsplatz, der Leipziger EEX, in den vergangenen Monaten gesunken – vor allem weil die günstig produzierenden Solaranlagen und Windräder alte Meiler mit hohen Betriebskosten aus dem Geschäft katapultieren. Bei durchschnittlichen Börsenpreisen von derzeit rund 4,3 Cent je gehandelter Kilowattstunde ist das ein erheblicher Abschlag von gut 16 Prozent.

Der Strompreis an den Börsen sinkt also, und anders als die steigende Steuer- und Abgabenlast auf Strom in Deutschland macht dieser Trend nicht an Ländergrenzen halt. Er kommt allen zugute – auch den Nachbarstaaten.

Hohe Abgabenlast überkompensiert die sinkenden Preise in Deutschland

Der Preisrückgang an den großen deutschen Stromhandelsplätzen schlägt mitunter sogar voll auf die Tarife in anderen Staaten durch. Österreich etwa bildet in Sachen Energie einen gemeinsamen Markt mit Deutschland. Die Börsenpreise dies- und jenseits der Grenze sind dieselben. Und auch in Frankreich und den Benelux-Staaten pendeln sich die Notierungen nach Angaben der europäischen Strombörse Epex Spot an rund 220 Tagen im Jahr auf deutschem Niveau ein. Ähnliches gilt für die Schweiz. „Erneuerbare Energien drücken die Börsenpreise europaweit“, sagt Patrick Adigbli, Analyst bei Epex Spot. Besonders, wenn Energie stark nachgefragt sei, etwa zur Mittagszeit, sei der Effekt ausgeprägt.

Das Problem in Deutschland: Die hohe Abgabenlast überkompensiert die sinkenden Preise – Strom wird so in Deutschland teurer.

Leistet sich Deutschland also eine kostspielige Energiewende, von der zuallererst das Ausland profitiert? Energiefachmann Federico sieht das differenzierter. Für die Haushalte und die Industrie im Ausland ergebe sich in den meisten Fällen tatsächlich ein Vorteil, sagt er. Anders sehe es bei der Energiewirtschaft aus, etwa den Kraftwerksbetreibern. Der Betrieb ihrer Meiler lohne sich durch die sinkenden Erlöse an den Strombörsen immer weniger.

Bei der österreichischen Regulierungsbehörde für den Energiesektor, E-Control, heißt es, das deutsche Großprojekt führe für die Alpenrepublik insgesamt zu Mehrkosten, etwa weil neue Netze und Stromspeicher aufgebaut werden müssten. In Summe koste die deutsche Energiewende einen österreichischen Haushalt 55 Euro im Jahr. Von dem Preisverfall von Strom – seit 2008 sind die Preise für die Energieversorger ähnlich wie in Deutschland immerhin um rund ein Fünftel zurückgegangen – profitierten die Kunden nur zum Teil. Der Grund ist allerdings ziemlich profan: Die meisten Energiekonzerne geben die Ersparnis schlicht nicht an ihre Kunden weiter.

 
 
Kommentare (5)
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Rolfes Ist schon länger als 1 Jahr her
Das freut mich aber, dass das Ausland von unserer Überproduktion profitiert. Ist aber auch kein Wunder, AKWs plus Erneuerbare ergibt nunmal einen Überschuss. Was mich jedoch mehr stört sind die 400 Gigawatt, die letztes Jahr verpufft sind, weil die Grünen und ihre Anhänger Pumpspeicherkraftwerke und neue Stromleitungen blockieren. Das Wort Öko ist zum Schimpfwort mutiert. Das liegt an der rein ideologischen, aber wenig praxisbezogenen 'Arbeit' der Grünen. Sie setzen sich voll dafür ein, dass AKWs dicht gemacht werden, ebenso voll dabei sind sie bei der Förderung des EEG. Also sprich wenns darum geht Solarzellen und Windkrafträder aufzusellen sind sie oftmals sehr dafür (nicht immer). Aber wie der Strom gespeichert und sinnvoll vernetzt wird, juckt die überhaupt nicht. Ebenso fehlte komplett der soziale Ausgleich beim EEG. Wenn reiche Grünenwähler vom armen Schlucker quersubventioniert werden, dann schlägt das dem Faß den Boden aus.
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Albert Seitzer Ist schon länger als 1 Jahr her
Daran lag es nicht! Das große Problem ist, dass weder die Grünen, noch die Regierung ein Interesse daran zeigen die Bevölkerung mit günstigem und sicherem Strom zu versorgen. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass eine Physikerin, wie Frau Dr. Merkel, unsere Bundeskanzlerin, sich mit Strom nicht auskennt! Das einzige Hindernis für eine sichere und günstige Stromversorgung ist die Abhängigkeit der Regierung vom Bankenverband und der Deutschen Bank. Dass die Grünen und sogar Green Peace in diese Korruption mit hineingeraten sind liegt nicht an der Basis, sondern an der Verlockung des Geldes und der Macht. Es ist ein Märchen, dass Frau Dr. Merkel wegen Fukushima KKWs abschaltete, ein schönes Märchen. Herr Ackermann und die Bosse von RWE und Eon verlangten es von unserer Bundeskanzlerin um das Stromangebot zu verknappen und den Strompreis zu stützen. Fukushima war nur der willkommene Deckmantel. Daher auch, wie Sie richtig schreiben, diese katastrophale Halbherzigkeit. Aber es ist keine Halbherzigkeit, es ist ein Verbrechen an unseren Nachkommen, wegen ein bißchen wertlosem Geld! Zum Glück haben wir in Deutschland noch viele verantwortungsvolle unseren Nachkommen sich verpflichtet fühlende Menschen. Und immer mehr durchschauen die Propagandalügen: Rettungsschirme, die niemand aus Not retten - Energiewende, die keine ist - im Gegenteil. Wir befinden uns in einem Weltkrieg, der an mehreren Stellen auch mit Sprengstoff geführt wird, dem Finanzkrieg. Jetzt ist die Zeit für eine Friedensinitiative und ich wünsche mir, dass Deutschland voraus geht!
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Kisch Ist schon länger als 1 Jahr her
Habe gerade letztens gelesen, dass das Fehlen der energiespitze durch die Solarmodule Pumpspeicherkraftwerke unrentabel machen kann, da die 30% energieverlusst nicht mehr ausgeglichen werden kann. Zudem sinkt der Strompreis nicht wegen der Energiewende, sondern weil Deutschland derzeit Rekordmengen Braunkohlestrom produziert.
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R.B. Ist schon länger als 1 Jahr her
Rot-Grün haben den Ausstieg seinerzeit beschlossen. Halbherzig wie man sieht. Denn sonst wären durchdachte und durchgerechnete Pläne in der Schublade gewesen. Dem war nicht so. Merkel hat leider unter dem Druck der Strasse den schnellen Ausstieg beschlossen. Die Folgen sehen wir jetzt. Auch das ist nicht durchdacht gewesen. Hätte die Vorgängerregierung Schröder Fischer und Trittin umsetzbare Pläne in der Schublade gehabt wäre mancher Wildwuchs und manche Trasse schon in der Fertigstellung.
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Albert Seitzer Ist schon länger als 1 Jahr her
Verrat am Bürger! Nein, das Ausland hat keine Schuld, es profitiert auch nicht wirklich davon. Die Tschechei hat bereits protestiert und gedroht seine Grenzen für den subventionierten Dumpingstrom aus Deutschland dicht zu machen, anderen Nachbarn geht es ähnlich! Die Deutsche Regierung fährt einen katastrophalen Energiekurs, von einer echten Wende oder gar Ökologie kann keine Rede sein, es ist Lügenpropaganda. Nun muss man sich doch fragen, wer profitiert von dieser verbrecherischen Energiepolitik? Auf der Suche nach der Antwort kommt man auf die Strombörse und dann stößt man auf jemand, der keinen Strom erzeugt und auch keinen transportiert oder verteilt, der nur an den Strompreisschwankungen seinen Profit macht, ohne ein Leistung zu erbringen, im Gegenteil, diese Bankster tun alles, damit die Stromversorgung labil wird, immer am Kollaps geführt wird, denn dann schwanken die Preise kollosal. Dass die Regierungen da mitspielen ist nur durch Korruption erklärbar. Aber wozu haben wir die vielen Abgeordneten?
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