Kunsthaus-Bregenz-Chef Thomas D. Trummer in der STN-Reihe „Über Kunst“ „Dieses Haus verändert unser Fühlen“

Von Nikolai B. Forstbauer 

Seit 2015 Direktor des Kunsthauses Bregenz: Thomas D. Trummer Foto: Darko Todorovic
Seit 2015 Direktor des Kunsthauses Bregenz: Thomas D. Trummer Foto: Darko Todorovic

Mit den „Stuttgarter Nachrichten“ näher dran an herausragenden Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur. Unsere Gesprächsreihe „Über Kunst“ bietet exklusive ­Begegnungen – am Dienstag, 28. Februar, um 19.30 Uhr mit Thomas D. Trummer, Direktor des Kunsthauses Bregenz. „Über Kunst“ findet statt in der Galerie Parrotta in Stuttgart (Augustenstraße 87).

Stuttgart - „Das Kunsthaus Bregenz ist eine Bühne für die Besten“. Thomas D. Trummer sagt dies in einer Ruhe, die jeden Zweifel sofort zerstreut. Seit Mai 2015 ist er Direktor des 1997 ­eröffneten Kunsthauses, und in der ­Programmatik für das Geschehen im Ausstellungskubus von Peter Zumthor folgt er ganz dem Selbstverständnis von Gründungsdirektor Edelbert Köb (1997–2000) und vor allem dessen Nachfolgern Eckhard Schneider (2000–2008) und Yilmaz Dziewior (2008–2015).

Kunst und Architektur eng verbunden

Das Ausstellungsprogramm ist untrennbar mit dem Zumthor-Gebäude selbst verbunden – auch bei Trummer, der von 1996 bis 2006 Kurator für Gegenwartskunst im Belvedere in Wien war und dort Gründer des Atelier Augarten (TB21 Augarten Contemporary), von 2007 an erster „Hall Curatorial Fellow“ am ­Aldrich Contemporary Art Museum in Ridgefield (Connecticut), bis 2011 Projektleiter­­ ­Bildende Kunst der Siemens-Stiftung sowie des Siemens Arts Program und vor seinem Wechsel nach Bregenz ­Direktor der Kunsthalle Mainz.

Bühne frei für Rachel Rose

„Das Gebäude“, sagt der 1967 im österreichischen Bruck an der Mur geborene Kunstwissenschaftler, „eignet sich für waghalsige Ideen, als Atelier für Prototypen und als Fangnetz für gegen den Strich gebürstete Geschichten. Seine Zukunft liegt im ­unermüdlichen Update“. Nach der jüngst international beachteten Schau zum ­Schaffen des US-amerikanischen Konzeptkünstlers Lawrence Weiner, setzt Trummer ganz auf das „Update“: Von diesem Samstag an wird das Kunsthaus zum Forum der ­1986 geborenen New Yorker Videokünstlerin ­Rachel Rose. Sie ist die jüngste Künstlerin, die jemals für eine Einzelausstellung ins Kunsthaus Bregenz eingeladen wurde.

Das Besondere hier ist“, sagt Trummer, „dass man ein ganzes Haus einem Künstler, einer Künstlerin widmet. Das ist wirklich große Bühne, große Setzung – und hat auch mit großen Gefühlen zu tun.“ „Ein Haus, ein Werk, ein Oeuvre“ – in diesem Dreiklang agieren zu können, sei eine „auch international weithin einmalige Chance“.

Und das Gebäude? „Das Kunsthaus“, sagt Peter Zumthor selbst dazu, „steht im Licht des Bodensees. Sein Körper ist aus Glas­platten, Stahl und einer Steinmasse aus ­gegossenem Beton gebaut, die im Innern des Hauses Struktur und Raum bildet. Von außen betrachtet wirkt das Gebäude wie ein Leuchtkörper. Es nimmt das wechselnde Licht des Himmels, das Dunstlicht des Sees in sich auf, strahlt Licht und Farbe zurück und lässt, je nach Blickwinkel, Tageszeit und Witterung etwas von seinem Innenleben ­erahnen.“

Juwel der Architekturgeschichte

Mit den ausgelagerten Bereichen Ver­waltung und Restaurant sowie Konferenzräumen im Untergeschoss zeigen sich das Erdgeschoss und die drei Obergeschosse ganz als Räume der Kunst – mit „unmittelbarer Wirkung“, wie Thomas D. Trummer sagt. „Wer dieses Juwel der Architektur­geschichte be­tritt“, so Trummer, „vergisst es nicht mehr“. Und er schwärmt von dem „opaken Gefieder der Glasschindeln“, „der Bewegung“, die spürbar sei – „und gleichzeitig die Reduktion“.

Tatsächlich ist dieses immer wieder verblüffend: Wer diesen Kubus betritt, ist sofort in einer ganz eigenen Welt. „Die Räume“, sagt denn auch Trummer, „sind ganz da für das, was zu sehen ist“. Das verändere auch das Verhalten der Besucher. Trummer: „Sie dämpfen die Stimme, sie schauen sich um, orientieren sich, sondieren – und sie prüfen sich.“ „Man öffnet sich in der eigenen ­Gestimmtheit“, sagt Trummer weiter, „prüft sich in der eigenen Befindlichkeit und öffnet sich für das, was da ist.“ Und er ist sich ­sicher: „Man öffnet nicht nur die Augen, ­sondern auch die Ohren – und ich habe manchmal auch das Gefühl, die Poren.“

Wie politisch ist die Kunst?

Gefühle unmittelbar anzusprechen, wachzurufen ist auch ein Ziel der künst­lerischen Arbeit der New Yorkerin Rachel Rose. Sie sieht die Menschen und also auch die Ausstellungsbesucher als „Sammel­stellen von Wellen, Partikeln, Äther und Strömen“. Im Kunsthaus Bregenz wird dies von ­diesem Samstag an vor allem in der Arbeit „Everything and ­More“ deutlich werden. „Farben zerfließen, Töne werden ölig, ­Formen verlieren sich und Festigkeiten ­zergehen“, skizziert Thomas D. Trummer das Werk. Als Doppel von „Collage und ­Katastrophe“ sieht Rose selbst ihr Schaffen.

Für Kunsthaus-Direktor Thomas D. Trummer muss man als Kurator „der Kunst wirklich vertrauen“. Zu oft würden große ­Konzepte durch Kunst lediglich illustriert. Vergibt solche Positionierung aber nicht den gesellschaftspolitischen Anspruch von Kunst? Eine mögliche Antwort gab Thomas D. Trummer 2016 mit dem Gastspiel des ägyptischen Künstlers Wael Shawky in ­Bregenz. Shawky erzählt die Geschichte der Kreuzzüge in seiner Filmtrilogie „Cabaret Crusades“ als verfilmtes Marionettentheater aus der Sicht arabischer Quellen. Die Schauplätze der Filme? Heißen Damaskus, Mossul, Jerusalem und Aleppo.

Auch Wael Shawkys Szenario erreichte im Kunsthaus Bregenz besondere Intensität. Hat also Thomas D. Trummer doch recht mit seiner Überzeugung „Dieses Haus verändert unser Fühlen“? Darüber, über die Kraft der Kunst und ihrer Orte, werden wir am 28. Februar bei „Über Kunst“ mit Thomas D. Trummer sprechen.

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