Kontinentaleuropäer in Großbritannien Bürger zweiter Klasse

Von Peter Nonnenmacher 

Joan Laplana, der vor  17 Jahren aus Spanien nach England kam, warnt in London auf einer Demonstration vor den Brexit-Folgen. Foto: AFP
Joan Laplana, der vor 17 Jahren aus Spanien nach England kam, warnt in London auf einer Demonstration vor den Brexit-Folgen. Foto: AFP

Millionen EU-Bürger in Großbritannien befürchten, durch den Brexit herabgestuft zu werden und bei einem Scheitern der Verhandlungen ganz die Koffer packen zu müssen. Betroffene erzählen, wie sie mit der Ungewissheit leben.

London - An den Tag, an dem ihm „so richtig klar wurde, was Brexit bedeutet“, erinnert sich Joan Laplana genau. Es war der Tag, an dem seine kleine Tochter weinend aus der Schule kam. Jemand hatte auf dem Schulhof zu ihr gesagt: „Dein Vater muss nächstes Jahr das Land verlassen und darf nicht mehr zurückkehren.“ Dann sah sie den Vater bang an: „Ist das wirklich wahr?“ – „Dazu konnte ich weder mit Ja noch mit Nein antworten“, sagt Laplana, „weil ich es auch nicht wusste.“

Die britische Entscheidung zum Austritt aus der EU hat dem spanischen Familienvater und rund 3,2 Millionen anderen in Großbritannien lebenden EU-Bürgern nun schon ein volles Jahr fataler Ungewissheit beschert. Noch heute, zwölf Monate nach dem Referendum, rätseln die Betroffenen darüber, ob sie nach dem Brexit weiter im Vereinigten Königreich bleiben dürfen – und wenn ja, zu welchen Bedingungen und mit welchen Garantien. Welche Rechte EU-Bürger in Großbritannien letztlich haben – das ist eine der zentralen Fragen, um die es bei der zweiten Runde der Brexit-Verhandlungen geht, die am Montag begonnen haben.

Die Vorstellungen der EU gegen die Pläne der britischen Regierung

Für die Post-Brexit-Ära hat die Europäische Union ihnen volle Bürgerrechte und komplette Bewegungsfreiheit in der EU angeboten. Das Angebot Londons nimmt sich dagegen bescheidener aus: Wer weiter bleiben will, muss fünf Jahre „kontinuierlich“ in Großbritannien gelebt haben und einen Antrag auf permanentes Wohnrecht stellen. Wer dieses Recht zugesprochen bekommt, behält den Zugang zum Bildungs-, Gesundheits-, Sozial- und Rentensystem des Landes. Der Status als „Angesiedelter“ („settled status“) verlangt allerdings, dass man sich regis­trieren lässt.

Wer das Land für mehr als zwei Jahre verlässt, verliert den Anspruch auf Bleiberecht. Und Familienangehörige, die nach dem Brexit ins Land kommen, sollen ähnlichen Auflagen unterliegen wie die Nichteuropäer schon jetzt. Keine Garantie soll es jedoch dafür geben, dass der „settled status“ in dieser Form in Zukunft erhalten bleibt. Künftige britische Regierungen könnten alles wieder nach Belieben ändern.

Hart gearbeitet für das britische Gesundheitssystem

Laplana war zur Millenniumswende von Spanien nach England gezogen, um im nationalen Gesundheitswesen, dem National Health Service (NHS), als Pfleger zu arbeiten. Der 42-Jährige wohnt in Chesterfield und ist mit einer Britin verheiratet. Die Kinder der beiden sind fünfzehn, zwölf und fünf Jahre alt. In einem der damals besten Gesundheitsdienste der Welt mit seiner multikulturellen, multinationalen Belegschaft sei es leicht für ihn gewesen, sich zu integrieren. „Ich habe hart gearbeitet und 17 Jahre lang meine Steuern bezahlt“, sagt Laplana – und mit einem Mal werde er gefragt, warum er denn nicht „nach Hause“ gehe. Aber Spanien sei überhaupt nicht mehr sein Zuhause. „Gut, ich habe einen spanischen Pass. Aber ich habe fast mein ganzes erwachsenes Leben hier in Großbritannien verbracht. Ich lebe hier. Meine Kinder sind britisch. Ich betrachte Britannien als mein Land.“

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