Kommentar zu Deutsch-Türken beim Referendum Mit dem Kopf in der Türkei

Von Matthias Schiermeyer 

Im Autokorso haben viele Türken – wie hier in Berlin – den Sieg beim Referendum gefeiert. Foto: dpa
Im Autokorso haben viele Türken – wie hier in Berlin – den Sieg beim Referendum gefeiert. Foto: dpa

Die Auswertung des Referendums zeigt: Die türkische Gemeinde in Deutschland ist gespalten. Hunderttausende Deutsch-Türken haben Staatspräsident Erdogan zum Sieg verholfen. Das ist auch ein Armutszeugnis für alle Integrationsbemühungen, meint Matthias Schiermeyer.

Stuttgart - Was aus deutscher Sicht mindestens ebenso besorgen muss wie der knappe und zumindest fragwürdige Ausgang des Referendums in der Türkei, ist das klare Resultat in Deutschland: 63 Prozent der türkischstämmigen Wähler hierzulande haben für das Präsidialsystem gestimmt. Die von der Wahlkommission bekannt gegebenen Detailergebnisse muss man sich mal vor Augen führen: Fast 76 Prozent Zustimmung in Essen, annähernd 70 Prozent in Düsseldorf – dann folgt schon Stuttgart mit 66 Prozent, später Karlsruhe mit gut 61 Prozent. Da können die knapp 58 Prozent von Frankfurt, 57 Prozent von Hamburg und vor allem die 50,1 Prozent der Bundeshauptstadt Berlin nicht trösten. Zwar fußen diese Zahlen auf einer schwachen Wahlbeteiligung von 46 Prozent. Doch haben sich alles in allem 415 000 Mitbürger für die Alleinherrschaft von Präsident Erdogan ausgesprochen.

Die zwei Gesichter der Deutsch-Türken

Kurz: die Deutsch-Türken verhelfen Erdogan zum Sieg. Woher kommt diese Deutlichkeit gerade in Deutschland? Denken sie, wie Grünen-Chef Cem Özdemir sagt, „es reicht aus, mit den Zehenspitzen auf dem Grundgesetz zu stehen“? In jedem Fall sind die Resultate Ausdruck einer mangelhaften Integration. Viele Türken haben sich abgeschottet, leben in ihrer eigenen Welt. Sie nehmen zwar die Vorzüge unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens wahr, der Demokratie, des Sozialstaats und des wirtschaftlichen Wohlstands – und zugleich lassen sie ihre Heimat in Richtung Diktatur ziehen. Widersprüchlicher geht es kaum.

Erdogan mobilisiert mit absurden Nazi-Vergleichen

Zu lange hat man sich mit dem Gedanken beruhigt, dass die früheren türkischen Gastarbeiter und ihre Nachkommen bei der Eingliederung gar nicht das große Problem seien, das man eher bei Syrern, Irakern und Nordafrikanern vermutet hat. Nun zeigt sich, dass viele Familiennachzügler speziell aus der ländlichen beziehungsweise östlichen Türkei vernachlässigt worden sind. Das Referendum gibt aber auch dem Gefühl von Diskriminierung selbst sogenannter Vorzeige-Türken Ausdruck, die sich immer noch als Bürger zweiter Klasse sehen – es ist eine Quittung für ihre deutschen Nachbarn.

So konnte Erdogan mit dem Theater um Wahlkampftritte türkischer Politiker, mit Hetzparolen und absurden Nazi-Vergleichen große Teile der türkischen Gemeinde auf seine Seite bringen. Die scharfen Reaktionen vieler deutscher Politiker haben offenbar das Gegenteil des Angestrebten bewirkt: Sie haben die Gemeinde, die sich gegen eine vermeintliche Einmischung in innertürkische Angelegenheiten wehrt, weiter gespalten. Nun muss sich die deutsche Politik unbequeme Fragen stellen: Was ist bei der Integration falsch gemacht worden und wo muss nachgesteuert werden? Wird der Konflikt zwischen nationalistischen Türken und Kurden, zwischen Erdogan-Fans und Gülen-Anhängern jetzt mit noch größerer Schärfe hierzulande ausgetragen?

Nicht den Rechtspopulisten in die Hände arbeiten

Die Devise, die Außenminister und Kanzlerin für das Verhältnis zur neuen Türkei vorgegeben haben, gilt auch für die innergesellschaftliche Auseinandersetzung: Kühlen Kopf bewahren! Wer jetzt hemmungslos über die Deutsch-Türken herfällt, arbeitet den Rechtspopulisten bei den anstehenden Wahlen in die Hände. Vielmehr muss der Austausch intensiviert werden. Und den türkischen Mitbürgern muss in aller Klarheit vor Augen geführt werden, dass wir uns ein gesellschaftliches Zusammenleben als ein Geben und Nehmen vorstellen. Kein multikulturelles Wischiwaschi, sondern ein ehrlicher, klarer Dialog ist gefragt.

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