Kommentar SWR-Orchster: Hier spielt die Musik

Susanne Benda, 06.12.2012 20:03 Uhr
Aus den zwei großen Orchestern des Südwestrundfunks (SWR), so der Beschluss des SWR-Rundfunkrats, soll ab 2016 eines werden. Stuttgart wird der Sitz des neuen Südwestrundfunk-Orchesters.

 

Stuttgart - Der Graben zwischen Baden und Württemberg ist immer noch tief. Und jetzt holt die Geschichte Baden-Württembergs auch die Kunst noch ein. Aus den zwei großen Orchestern des Südwestrundfunks (SWR), so der Beschluss des SWR-Rundfunkrats, soll ab 2016 eines werden. Was nach der 1998 vollzogenen Fusion des Süddeutschen Rundfunks mit dem Südwestfunk schon angedacht, aber nie umgesetzt wurde, soll dann Wirklichkeit sein und damit endlich der Dreischritt geschafft: ein Land, ein Sender, ein Orchester.

Ganz stimmt das zwar nicht, denn auch Rheinland-Pfalz gehört zum Sendegebiet des SWR, und dieses Bundesland leidet selbst noch immer unter der Zwangsfusionierung des eigenen Orchesters in Kaiserslautern mit dem benachbarten Klangkörper aus Saarbrücken. Bei ihrer Gründung 2007 hatte die neu verschweißte Deutsche Radio-Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern 152 Musiker. 2012 sind es noch 87.

Nun ist Baden-Württemberg an der Reihe. Ab 2016 soll aus dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR und dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg ein einziger Klangkörper werden, die zurzeit gut 200 Musikerstellen sollen schrittweise um etwa 80 verringert werden. Der Intendant des Senders, Peter Boudgoust, hat versprochen, dabei ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen zu wollen. An diesem Versprechen wird man ihn messen. Zunächst aber ging es um den Standort des künftigen Superorchesters. Eine Experten-Kommission sollte die Vorentscheidung treffen. Sollte es Stuttgart sein, die gut angebundenen, geografisch zentraler im Sendegebiet gelegene Landeshauptstadt? Oder doch eher Freiburg, weil diese Stadt mit ihrem Konzerthaus über einen exzellenten Proben-, Aufnahme- und Veranstaltungsort verfügt? Die Kommission hat entschieden: Stuttgart soll es sein. Auch wenn die neu belebte Idee eines neuen Konzerthauses, einer Schlossgarten-Philharmonie, in naher Zukunft noch nicht verwirklicht werden kann, sprechen doch zu viele Argumente für die Landeshauptstadt. Infrastruktur, Verkehrsanbindung, Medienumfeld, Nachfragepotenzial, Reisewege: In all diesen Bereichen hatte Stuttgart die Nase vorn.

Das Votum der sechs Externen, das der Rundfunkrat an diesem Freitag bestätigen wird, hat entscheidende Auswirkungen auf das kulturelle Leben der beiden Städte – schließlich gestaltet gut eine Hundertschaft von Musikern nicht nur große Konzertreihen, sondern vernetzt sich vielfach mit anderen lokalen Kulturinstitutionen. Musiker der SWR-Orchester sind Vorbild, Lehrer, Kammermusiker, Ensemblespieler. Musiker vor Ort sind kulturelle Kraftzellen. Musiker, die nur zu Konzerten anreisen, sind Gäste, mehr nicht.

Dass in Freiburg bis zuletzt gekämpft wurde, lag vor allem daran, dass der Verlust des SWR-Orchesters für die Stadt im Dreiländereck und ihre Region einen noch herberen Kultur-Kahlschlag bedeutet als für Stuttgarts ungleich viel reichere Szene. Stuttgart hat zwei weitere große und gute (sogenannte A-)Orchester, Freiburg keines. Dass im Breisgau dabei sogar von einem „abgekarteten Spiel“ die Rede war, macht deutlich, dass die Narbe einer 60 Jahre älteren Zwangsfusion tatsächlich immer noch wehtut. In Württemberg, zumal in Stuttgart, so die Perspektive Südbadens, sind Macht und Geld; der Rest ist Peripherie. Diese Meinung bestätigt sich nun von Neuem. Die Entscheidung ist gefallen, und zwischen Baden und Württemberg ist der Graben noch tiefer geworden.

 

s.benda@stn.zgs.de

 
 
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