Kolumne zum CSD in Stuttgart Und es war Sommer!

Von Uwe Bogen 

Stuttgart im Zeichen des Regenbogens. Foto: dpa
Stuttgart im Zeichen des Regenbogens. Foto: dpa

Die Kleiderordnung beim Stuttgarter CSD schlägt hohe Wellen. Im Sommer ist alles anders. Da kleidet man sich anders. Manche tragen sogar weiße Socken in Adilleten. Ist das nicht noch schlimmer als nackt? Unsere Modekolumne von Uwe Bogen.

Stuttgart - Auf dem besten Weg sind wir, zu einem wunderbar toleranten Land zu werden. Dieses Ziel werden wir aber nie erreichen. Entweder schießen wir darüber hinaus oder verfehlen es nur knapp. Und das ist gut so!

Wo kämen wir hin, würden wir alles an unserem Mitmenschen super finden, wie er sich kleidet, wie er lebt, wen er liebt, was für Musik er hört und was er denkt? Wir könnten uns über nichts mehr ärgern. Wir könnten uns nicht mehr von den anderen abgrenzen, um uns damit selbst besser zu erklären und uns im eng gezirkelten Kreis der Gleichgesinnten stärker zu fühlen. Wir würden in einem faden Land leben und uns zu Tode langweilen.

Im Sommer ziehen die Leute weniger an

Am Samstag soll der Sommer zurückkehren. Im Sommer ist alles anders. Da ziehen die Leute weniger an, hat Christoph Michl, der Sprecher des Christopher Street Day in Stuttgart, sehr sinnig gegenüber unserer Zeitung bemerkt. Damit ist eigentlich schon alles gesagt zum Streit, der im Netz zur Kleiderordnung und zur Nacktheit der CSD-Parade tobt. Was in sozialen Netzwerken hasserfüllt gepostet wird, muss mit Vorsicht genossen werden. Auf die Goldwaage legen darf man nichts davon. Aber dennoch stellt sich seit einigen Tagen die Frage: Wie tolerant sollten wir gegenüber öffentlich verbreiteter Intoleranz sein?

Ein homosexueller Geschäftsmann, der eine Mode-Box vertreibt und zudem moderiert, also mit Worten umgehen kann, besitzt den Mut, öffentlich anzuprangern, was ihm am CSD missfällt, was viele Schwule ebenso sehen und was seit Jahren nicht nur in Stuttgart diskutiert wird. Zu sehr Karneval mit nackter Haut sei, was als politische Demo angemeldet ist und deshalb von der Allgemeinheit mitfinanziert wird. Das CSD-Motto lautet diesmal „Perspektivwechsel“. Doch nur wenige trauen sich wohl an andere Perspektiven heran. Wie intolerant viele sind, die seit Jahren für sich nicht nur Toleranz einfordern, sondern auch Akzeptanz, hat sich erschreckend gezeigt. Dem Mann, der ein Umdenken fordert, hat man angedroht, ihn bei der Parade mit Eiern zu bewerfen und noch viel Schlimmeres.

Das Private ist politisch, das Politsche privat

Aber man kann auch verstehen, dass mit der Kritik, bei der Polit-Parade zu oberflächlich zu sein und Haut zu Markte zu tragen, ein wunder Punkt getroffen wird. Beim Stuttgarter CSD zeigt sich nun heftig: Das Private ist politisch, und das Politische ist privat. Gleichgeschlechtliches Begehren wurde lange Zeit diffamiert. Zum CSD, der in vielen Ländern „Gay Pride“ heißt, gehören der Stolz und die Freude über das angeblich so schlimme und lange stigmatisierte Verlangen nach dem eigenen Geschlecht. Wenn es aber beim Zug durch die Stadt allein bei nackter Haut bleibt und manche so tun, als würde das Leben nur aus Sex bestehen, läuft was verkehrt. Es könnte jedoch auch eine Form von subtiler Diskriminierung sein, wenn man Schwule auf Sex reduziert und sie nur als Paradiesvögel ohne Liebes- und Bindungsfähigkeit sieht. Zum CSD gehören Flirts, schrilles Auftreten, öffentlich demonstrierte Lebensfreude.

Die Rückkehr der Adiletten

Und es war Sommer! Da ziehen sich die Menschen anders an und geben sich mit weniger Kleidung und mit weniger Schuh zufrieden. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet in dieser Woche über das Comeback der Adiletten mit weißen Socken. Bei Adidas kostet die Luxusversion der 1970 entwickelten Badelatschen aus Samt 65 Euro. Was wohl haben Florian Gauder und Sven Cermark aus Stuttgart, die als schrille „Partyagenten“ keine Sause auslassen, bei ihrem Auftritt als „Band“ von „Big Brother“-Altstar Jürgen Milski am vergangenen Sonntag im „ZDF-Fernsehgarten“ angehabt? Weiße Socken in Adiletten!

„Das war unsere Idee“, sagt der Bauunternehmer Gauder, „weil’s Trend ist.“ Keiner habe sie gezwungen dazu. Mode muss, um ernst genommen zu werden, ein Stück Provokation sein. Da sollten wir unbedingt eines vor allem sein: tolerant!

Am Samstag ist CSD in Stuttgart. Wird das ein Spaß, wenn wir in weißen Socken in Adiletten bei der Parade mitmarschieren! Mehr entblößen kann man sich nicht.

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