Kindersoldaten in Zentralafrika Zum Töten gezwungen

Von Philipp Hedemann 

Grâce à Dieu (Name von der Redaktion  geändert) zog als 15-Jähriger in den Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik – jetzt versucht er, andere Kinder davon abzuhalten, sich bewaffneten Gruppen anzuschließen. Foto: Hedemann
Grâce à Dieu (Name von der Redaktion geändert) zog als 15-Jähriger in den Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik – jetzt versucht er, andere Kinder davon abzuhalten, sich bewaffneten Gruppen anzuschließen.Foto: Hedemann

16 Monate zog Grâce à Dieu mordend durch die zentralafrikanische Republik. Er ist einer von Tausenden Kindersoldaten weltweit, an die am Red Hand Day am 12. Februar erinnert wird. Zurück in ein normales Leben findet der heute 18-Jähringe nur schwer.

Bangui - „Manchmal habe ich mich betrunken, bevor ich in die Schlacht zog, manchmal danach. Weil wir oft unter Drogen standen, haben wir Dinge getan, die wir sonst niemals getan hätten.“ Alkohol sollte Grâce à Dieu (Name von der Redaktion geändert) helfen, das, was er tat, erträglich zu machen und das, was er getan hatte, zu vergessen. Es funktionierte nicht. Seitdem er 15 Jahre alt war, kämpfte er im Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik als Kindersoldat. Der Red Hand Day an diesem Freitag soll weltweit dazu aufrufen, Kinder und Jugendliche endlich vor dem Dienst an der Waffe zu schützen.

„Als ich gekämpft habe, war ich mit allem, was wir getan haben, einverstanden. Erst nachdem ich die Rebellen verlassen hatte, begann ich zu realisieren, was ich getan habe – und bereute es sehr“, berichtet der heute 18-Jährige. Wie die allermeisten Kindersoldaten tötete er nicht freiwillig.

Der Schüler, der noch nie zuvor eine Waffe in der Hand hatte, musste lernen zu töten

Grâce à Dieu saß an einem Sonntagmorgen im Dezember 2012 in der Kirche als die überwiegend muslimischen Seleka-Truppen sein Dorf überfielen. Die Rebellen hatten kurz zuvor einen Aufstand begonnen und stürzten später Staatschef François Bozizé. Der Putsch riss das Land in eine Spirale der Gewalt zwischen muslimischen und christlichen Milizen. Rund eine Million Menschen flohen, Tausende starben. Auch Grâce à Dieus Vater wurde von den Kämpfern verschleppt und tauchte nie wieder auf. Somit musste der älteste von sieben Geschwistern plötzlich mit seiner Mutter für die Familie sorgen. Sich ausgerechnet der Miliz anzuschließen, die seinen eigenen Vater getötet hatte, erschien ihm die einzige Möglichkeit, an Geld, Essen und Kleidung für seine jüngeren Brüder und Schwestern, seine Mutter und sich zu kommen.

Die Rebellen unterzogen ihn zunächst einem harten militärischen Training. „So wollten sie uns böse und unbarmherzig machen“, sagt Grâce à Dieu. Sobald der Schüler, der nie zuvor eine Waffe in Händen gehalten hatte, gelernt hatte, zu töten, musste er kämpfen. „Wir, die Kinder wurden an die Front geschickt. Ich habe mich immer bemüht, keine Unschuldigen zu töten, aber ich wurde Zeuge vieler Gräueltaten und habe viele meiner Kameraden fallen sehen“, berichtet der unfreiwillige Soldat. Trotzdem bereute er zunächst nicht, sich den Rebellen angeschlossen zu haben. „Ehrlich gesagt habe ich sehr gut gelebt. Wir haben geplündert und die Leute abgezockt. Wir haben keine Not gelitten. Wir haben sogar auf Matratzen geschlafen, die wir gestohlen haben“, berichtet der Junge, der bei den Rebellen Rekruten gesehen haben will, die gerade mal acht Jahre alt waren.

Die Rückkehr in das alte Leben ist nicht leicht

Insgesamt 16 Monate zog er mordend und plündernd durchs Land, dann gelang es einheimischen Ältesten und Vertretern von Hilfsorganisationen, die Rebellenführer zu überzeugen Grâce à Dieu und weitere Kinder aus ihren Reihen zu entlassen. In einem Zentrum für ehemalige Kindersoldaten erhielt der Junge, der seit dem Tod seines Vaters nicht mehr zur Schule gegangen war, ein dreimonatiges Training als Automechaniker. Danach kehrte er zu seiner Familie zurück und versucht seitdem, sich wieder in einem Leben zurecht zu finden, in dem es nicht nur darum geht, zu töten oder getötet zu werden. Für den Jugendlichen, dem eine Waffe nicht nur die Kindheit raubte sondern ihm auch gegenüber Erwachsenen Macht verlieh, ist die Rückkehr in sein neues, altes Leben nicht leicht. Was im Krieg bei den Rebellen galt, gilt jetzt plötzlich nicht mehr.

Offiziell ist die Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten auf der ganzen Welt verboten, doch nach Schätzungen kämpfen weltweit immer noch Zehntausende Minderjährige – die meisten von ihnen für Rebellenorganisationen in Afrika. Jeder dritte Kindersoldat soll ein Mädchen sein. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass zwischen 1990 und 2000 etwa zwei Millionen Kinder gefallen sind, sechs Millionen zu Invaliden wurden und zehn Millionen schwere seelische Schäden erlitten.

Nicht nur skrupellose Warlords, auch reguläre Armeen berufen Kinder ein

Die internationale Hilfsorganisation „Save the Children“ setzt sich in der Zentralafrikanischen Republik und in anderen Ländern, in denen Kinder zum Kämpfen gezwungen wurden oder werden dafür ein, dass die Reintegration der oftmals schwer traumatisierten und stigmatisierten Kinder und Jugendlichen gelingen kann. Aufklärungskampagnen, Familienzusammenführungen, der Förderung von Schul- und Berufsausbildung und psychologische Betreuung sollen außerdem dafür sorgen, dass keine weiteren Kinder als Soldaten eingezogen und dass bereits unter Befehl stehende Jungen und Mädchen entlassen werden. Doch trotz der internationalen Ächtung ist der Kampf gegen die Rekrutierung von Kindersoldaten nicht nur in der Zentralafrikanischen Republik schwierig.

Nicht nur skrupellose Warlords, auch reguläre Armeen berufen noch immer Jungen und Mädchen ein. Mit der im März 2014 begonnenen Kampagne „Kinder, nicht Soldaten“, setzt sich der UN-Sonderbeauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten zusammen mit dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF dafür ein, dass zumindest in staatlichen Streitkräften bis Ende 2016 keine Minderjährigen mehr kämpfen müssen. Aber Rebellengruppen und Terrororganisationen wie der Islamische Staat oder Boko Haram werden Minderjährige auch danach noch als Selbstmordattentäter, Soldaten, Träger, Spione oder Sexsklaven für ältere Kämpfer einsetzen.

Manche Waisenkinder wollen kämpfen, um den Tod ihrer Eltern zu rächen

Denn Kinder sind leicht zu manipulieren, können oft nicht genau zwischen gut und böse unterscheiden, streben nach Anerkennung, können Gefahren nicht richtig einschätzen und sind sich der Finalität des Todes nicht bewusst. Gefühle werden ihnen zudem systematisch abtrainiert. So werden Kinder häufig besonders brutale Kämpfer. Zudem sind sie billiger als reguläre Soldaten. Besonders oft werden Minderjährige, die wie Grâce à Dieu im Kämpfen und Plündern ihre einzige Verdienstmöglichkeit sehen, rekrutiert. Manche Waisenkinder schließen sich den Kämpfern auch freiwillig an, weil sie den Tod ihrer Eltern rächen wollen und hoffen, bei den bewaffneten Gruppen Schutz zu finden. Tatsächlich werden sie oft an vorderster Front als Kanonenfutter verheizt. Falls sie den Krieg dennoch überleben, rutschen sie, wenn sie sich wieder in die Zivilgesellschaft eingliedern sollen, oft in die Kriminalität ab, da sie im Krieg gelernt haben, sich mit Gewalt zu nehmen, was sie wollen.

Damit Kinder, die zum Kämpfen gezwungen werden, nicht wieder zu Tätern und Opfern werden, fordert die Organisation „Save the Children“ von der Regierung der Zentralafrikanischen Republik und der internationalen Gemeinschaft, die Bemühungen zur Reintegration der bis zu 10 000 ehemaligen oder noch unter Befehl stehenden Kindersoldaten zu intensivieren. „Nachdem sie monatelang gesehen haben, wie Menschen getötet wurden oder sogar selbst getötet haben, besteht die Gefahr, dass Kinder unter Depressionen, Angstzuständen und Trauer leiden“, sagt Véronique Aubert, Expertin für Konflikte und Humanitäre Hilfe bei „Save the Children“. Sie brauchten professionelle psychologische Unterstützung. Ohne schnelle und nachhaltige Intervention könnte es passieren, dass viele weitere Kinder erstmalig oder erneut rekrutiert werden und dass diejenigen, die von bewaffneten Gruppen entlassen wurden, verarmen.

Auch Grâce à Dieu, der jetzt andere Kinder davor warnt, sich bewaffneten Gruppen anzuschließen, wollte nach seiner Entlassung nur eines. „Mein größter Wunsch ist es, wieder zur Schule zu gehen. Ich habe früher so gerne gelesen.“

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