Kinder schwer zu belangen Steinewerfer-Opfer oft doppelt gestraft

Wolf-Dieter Obst, 02.12.2012 08:00 Uhr

Stuttgart - Es herrschte Großalarm, fast wie nach einem Banküberfall. Zum zweiten Mal binnen zwei Tagen hatten Steinewerfer am Viereichenhau-Tunnel den Verkehr auf der Bundesstraße 14 zwischen Schattenring und Stuttgarter Süden im Visier. Bis zu 1,5 Kilo schwere Brocken flogen von einem Fußweg oberhalb des Tunnelportals nach unten. Sieben Autofahrer meldeten sich an jenem Dienstagabend per Notruf. Die Geschosse hatten 10 000 Euro Schaden angerichtet.

Acht Streifenwagen rückten Richtung Südheimer Platz aus, um die Steinewerfer zu stellen. Bereits am Abend zuvor hatten die Täter an derselben Stelle zugeschlagen und mehrere Tausend Euro Schaden angerichtet. Eine 51-jährige Fiat-Fahrerin und ein 28-jähriger Golf-Fahrer waren mit dem Schrecken davongekommen.

Die Täter sind nun ermittelt – strafrechtlich wird ihnen freilich nichts passieren. Die erwischten drei Jungs, wohnhaft im Stuttgarter Süden, sind gerade mal elf und zwölf Jahre alt. Für den Schaden müssen sie freilich haften – jedoch dürften die betroffenen Autobesitzer dafür wohl den Zivilklageweg beschreiten müssen. Nicht selten gibt es aber das Problem, dass bei schwierigen Familienverhältnissen selten etwas zu holen ist.

Der Fall ist trauriger Höhepunkt ähnlicher Anschläge in den letzten Wochen in und um Stuttgart. In Böblingen wurde ein Autofahrer von einem 15 und 16 Jahre alten Duo beworfen, in Leonberg zertrümmerten unbekannte Kinder von einer Brücke aus die Frontscheibe eines vorbeifahrenden Ford. In Leutenbach, Rems-Murr-Kreis, wurden vier 12 bis 13 Jahre alte Kinder erwischt, als sie an der B 14 mit Steinen warfen.

„Weil es strafrechtlich nichts zu ermitteln gibt, sind wir bald raus aus dem Fall“

Sindelfingen, Esslingen, Filderstadt, Rutesheim – selbst der Stuttgarter Süden war in diesem Jahr schon einmal Tatort. In der Karl-Kloß-Straße beschossen vier Schüler am 24. April zwei Transporter mit einer selbst gebastelten Steinschleuder. Dabei richteten sie mehrere Tausend Euro Schaden an. Auch ein Fenster der nahe gelegenen Schule wurde beschädigt.

Geschädigte können in solchen Fällen kaum auf die Polizei setzen: „Weil es strafrechtlich nichts zu ermitteln gibt, sind wir bald raus aus dem Fall“, sagt Polizeisprecher Jens Lauer. Es gebe keine Rückmeldung über zivilrechtliche Ergebnisse. Andererseits versuchten Jugendsachbearbeiter der Reviere oft auch einen möglichen Täter-Opfer-Ausgleich zu vermitteln. Dies sei bei Fällen möglich, bei denen die Kinder und die Geschädigten relativ nahe zusammenleben.

Freilich lohnt auch dieser Aufwand nicht immer. Eher ernüchtert war beispielsweise der Jugendsachbearbeiter nach einem Fall im Mai 2010, bei dem neun Kinder im Alter von elf bis zwölf Jahren im Stadtteil Fasanenhof einen Wohnwagen zerstört hatten. Deren Tat: Caravan aufgebrochen, Lampen zerschlagen, Schränke beschädigt, Wände beschmiert, Notdurft verrichtet.

„Vielfach wurde versucht, den Tatbeitrag des eigenen Kindes kleinzureden“

Der Versuch, die tatverdächtigen Kinder und deren Eltern mit der betroffenen Familie zusammenzubringen, um so etwas wie eine Wiedergutmachung zu erreichen, versandete: „Da fehlte es auch bei einigen Eltern an Einsicht“, stellt Polizeisprecher Lauer fest. „Vielfach wurde versucht, den Tatbeitrag des eigenen Kindes kleinzureden.“ Nach dem Motto: Aber meiner war’s ja nicht, das waren doch mehr die anderen.

Den Preis müssen im Zweifel die Geschädigten selbst bezahlen. Oder sich teuer versichern: „Bei einer Vollkaskoversicherung wären die Schäden durch Vandalismus abgedeckt“, sagt Katrin Rüter vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Bei Glasschäden reiche auch die Teilkaskoversicherung. Bei der Haftpflichtversicherung der Eltern ist dagegen nichts zu erwarten: „Ist vorsätzlich begangener Vandalismus im Spiel“, sagt Sprecherin Rüter, „zahlt die Haftpflicht nicht.“ Hier müssen Geschädigte schon ein Zivilgericht bemühen.

 
 
Lokale Favoriten - stuttgarter-nachrichten.de
Kommentare (7)
  • Kommentare anzeigen
  • Kommentar schreiben
Anzeigen
DEZ
03
Leser, 21:27 Uhr

@Kai-Uwe Bevc

Es ist richtig, daß Kinder ab sieben Jahren nur dann zivilrechtlich haftbar sind, wenn sie Einsichtsfähig in ihre Tat waren, sprich wußten, was richtig und falsch ist und eine grobe Folgeabschätzung ihrer Tat vornehmen konnten. In diesem Fall hier kann man wohl eine Verletzung de Aufsichtspflicht ausschließen. Insofern sind die Eltern aus der Haftung raus. Nicht aber die Kinder. 12 oder 13 Jährige wissen im Normalfall (bei normaler geistiger Entwicklung) durchaus um die Folgen von Steinwürfen von einer Autobahnbrücke. Im Zweifel muß das ein psychologisches Gutachten feststellen. Daß aber 12 oder 13 Jährige quasi kleine unmündige Krabbelkinder sind, die nicht wissen können, was richtig und falsch ist, daß braucht nun niemand zu erzählen. Wer so etwas behauptet, kennt wohl Kinder nur aus dem Fernsehen. Mit 14 Jahren ist man vor dem Gesetz voll strafmündig und sogar 'volljährig' für die Wahl der eigenen Religion. Aber ein 13 Jähriger soll nicht wissen, daß es falsch ist, Steine auf fahrende Autos zu werfen? Irgend einer von uns beiden lebt wohl in einer Parallelwelt. Und ich schätze einmal, ich bin es nicht. Und noch erschreckender finde ich die Behauptung, daß wenn Kinder Straftaten begehen, quasi grundsätzlich die Gesellschaft schuld daran wäre. Was für ein Quatsch. Zuerst einmal sind es die Eltern, die ihre Kinder erziehen müssen. Wenn überhaupt trifft sie ggf. eine Mitschuld. Und auch 13 Jährige oder 12 Jähriger oder 11 Jährige wissen sehr wohl in den meisten Situationen, was richtig oder falsch ist: die Voraussetzung für Schuld im strafrechtlichen Sinne. Und wer weiß, was richtig oder falsch ist, ist auch strafmündig. Da Strafe schuldangemessen sein muß, ist es problemlos möglich, einer eventuell verringerten Einsichtsfähigkeit bei der Strafbemessung Rechnung zu tragen - straf- wie auch zivilrechtlich bei der Höhe des Schadenersatzes.

DEZ
03
Addi, 07:02 Uhr

Die Polizei ist fein raus

das hört man immer wieder. Das geht uns ncihts an, da können wir nichts machen, oder da lohnt die Strafverfolgung nicht. Die Folge, selbst wenn man Täter auch später Erwachsene auf frischer Tat erwischt, sehen diese ihr Fehlverhalten nicht ein. Die Opfer werden sich das sicher nicht lange gefallen lassen und im Zweifel auch Selbstjustiz üben. Denn wo der Staat seinen Aufgaben nicht mehr nachkommt, da muss der Bürger sich selbst helfen. Steinewerfen ist kein dummer Jugenstreich, sondern ein Mordanschlag!

DEZ
02
derwolf, 21:02 Uhr

Ein wirklich schwieriges Thema. Straftaten wie diese müssen auch Konsequenzen haben. Aber wo keine Strafe im herkömmlichen Sinne wie bei Kindern möglich ist, sollte es andere (erzieherische) Maßnahmen geben die auch die Eltern mit einbeziehen.

Die Kinder sollen Ihr Verhalten ja auf Dauer ändern. Weil Sie was gelernt / begriffen haben. Und nicht nur aus Angst vor einer Strafe.

Kommentar-Seite 1  von  3
  1. (Logout)
  2. Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Nachrichten. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich.

Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben.

Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.