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Killesberg bis Karlsplatz Brachen verschütten die Erinnerung

Roland Ostertag, vom 14.04.2011 12:33 Uhr
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Wo einst die Messe stand ist nun viel Platz auf dem Killesberg. Foto: Ostertag
Wo einst die Messe stand ist nun viel Platz auf dem Killesberg. Foto: Ostertag
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Stuttgart - Tabula ist die antike, die römische Schreibtafel. Tabula rasa ist die "abgeschabte Schreibtafel", das darauf Geschriebene beseitigt. Übertragen auf andere Sachverhalte bedeutet Tabula rasa, Vorhandenes restlos auslöschen, um an seiner Stelle ohne Vorgeprägtes radikal anderes zu setzen.

Der expressionistische Schriftsteller Carl Sternheim greift das Thema 1916 in seinem Schauspiel "Tabula rasa" auf und karikiert die philisterhafte, "wohlanständige" bürgerliche Gesellschaft, die in ihrem Streben nach Macht geistige und soziale Wüsten hinterlässt. Übertragen auf den Städtebau heißt dies, Areale, Grundstücke, Stadtboden von allem Bestehenden restlos freizuräumen. Was entsteht, sind Brachen.

Die Vorgeschichte

Wer Stuttgart 1945 erlebte, dem bleibt die durch die enthemmte, perfektionierte Technik des Bombenkriegs "freigeräumte" Innenstadt im Gedächtnis. Wer Stuttgart in den Jahren 1945 bis 1953 erlebte, erinnert sich nicht weniger an die Beseitigung der meisten noch verbliebenen Ruinen - und damit die Maximierung der Stadt als Brache. Wer Stuttgart in den 1960er und 1970er Jahren erlebte, erinnert sich ebenso an die Aufteilung der Innenstadt durch wiederaufgebaute Gebäude, Neubauten und temporäre Bauten, an die Zerschneidung durch Verkehrsschneisen. Brachen wurden so in einer neuen Qualität provoziert - als Ergebnis einer verkehrsorientierten Aufteilung der einst zusammenhängenden Stadt, ihrer Quartiere, ihrer Adern. Wer Stuttgart in den 1980er und 1990er Jahren erlebte, sieht noch heute die Vergrößerung der Verkehrsschneisen, erinnert sich an die Beseitigung der temporären Bauten und das Schaffen neuer Brachen durch Abriss wiederaufgebauter Gebäude.

Und wie ist es in der Gegenwart? Im Schatten der Diskussionen um das Verkehrs- und Städtebauprojekt Stuttgart 21, das in seiner Kernidee eine fußläufige Neuverbindung zwischen dem Stuttgarter Norden und dem Stuttgarter Süden kennzeichnet, erleben wir eine von aller öffentlichen Kritik ausgenommene Brachen-Produktion.

Messe Killesberg

Das Gelände der früheren Messe Killesberg zwischen Straße am Kochenhof, Strese- mann-, Thoma-Straße, Adolf-Fremd-Weg wurde von allen an seine Geschichte erinnernden Bauten und Objekten geräumt - und in eine reale Brache verwandelt. Ein Teil der Messebebauung der 1980er Jahre, die Messehalle 6 an der Kochenhof-/Stresemannstraße, die Reste der Halle 7, die auf den Fundamenten der "Blumenhalle" der Reichsgartenschau 1939 errichtet wurde, in der Tausende Menschen jüdischen Glaubens 1941 bis 1944 zusammengetrieben und von dort in den sicheren Tod deportiert wurden, das Relief "Weinfreuden" des Bildhauers und Lehrers an der Kunstakademie, Alfred Lörcher, von 1949 wären wert gewesen, als Texte des begehbaren Gedächtnis der Stadt erhalten zu bleiben, um den Menschen die Geschichte, das Gedächtnis des Areals zu vermitteln. Doch dafür fehlt in dieser Stadt das Wissen, die erforderliche Sensibilität.

Quartier S/Das Gerber

Das Gebiet zwischen Tübinger, Sophien-, Marien-, Paulinenstraße soll nach dem Willen der Investoren abgeräumt werden. Dies ist kein Quartier mit architektonischen Spitzenleistungen, doch es weist Stuttgart-charakteristische Spuren und Gebäude auf, mit brauchbaren Grundproportionen, erträglichen Bauhöhen. Dort finden sich Reste der alten Stadtmauer, das Ensemble der Methodistengemeinde und das Eckgebäude Tübinger/Sophienstraße. Die Tübinger Straße, eine der ältesten Straßen Stuttgarts, historische Verbindung nach Süden, Mörikes Hutzelmännlein verließ dort die Stadt. Sie ist eine der wenigen verbliebenen Straßen Stuttgarts, die in Straßenbreite, Höhe der begleitenden Bauten noch eine Ahnung sinnstiftender Straßenräume der europäischen Stadt des 19.Jahrhunderts aufweist - und ist damit ein Ort erinnernder Vergangenheit, in dem unser kollektives Gedächtnis eingebrannt ist.

Karlsplatz

Das "Quartier Karlsplatz", Da Vinci genannt, zwischen Dorotheen-, Holz-, Sporer- und Münzstraße soll restlos freigeräumt, die darauf befindlichen Gebäude, auch das ehemalige Hotel Silber, Sitz der Gestapo-Leitstelle bis 1945, Inbegriff der NS-Schreckensherrschaft in Stuttgart, sollen abgerissen werden. Ein Quartier, das schon längst hätte geordnet, aufgewertet werden sollen. Auf diesem innerstädtischen Areal, früher mehr als 25 Grundstücke umfassend, sollen jetzt zwei massive Blöcke entstehen, die nichts mehr mit dem Ort zu tun haben. Wo früher die Auflistung der Eigentümer eines Quartiers Seiten im Grundbuch in Anspruch nahm, genügen heute wenige Zeilen. Auch so bilden sich gesellschaftliche Vorgänge ab.

Stuttgart-Ost

Die bestehende Wohnanlage zwischen Wagenburgstraße 149-153 und Talstraße soll abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Ein sozial und städtebaulich-architektonisch bedeutsames Quartier, ein Stück Stuttgarter Arbeiterbewegung der 1920er wird verschwinden.

Kommentare (11)
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APR
27
13:59 Uhr, geschrieben von I. Schröder
Verehrter Bruddler
Verehrter Bruddler, den Abriss des Kaufhauseses Schocken zähle ich zu den Fehlern, die in der Vergangenheit gemacht wurden, da gebe ich Ihnen uneingeschränkt recht. Aber Fehler wurden und werden immer und überall, nicht nur in Stuttgart, gemacht , und es ist müßig, ihnen sechzig Jahre lang nachzutrauern. Wiederum bitte ich aber, zu beachten, wo man diese Fehler nicht machte und mit der gebotenen Umsicht neu gestaltet und umgebaut hat. Und hierzu gehört die von Ihnen angesprochene Calwer Straße. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob Sie die Calwer Straße in Stuttgart meinen, oder eine in einer anderen Stadt, denn gerade „unsere“ Calwer Straße wurde in den 70er Jahren aufwendig restauriert und ist ein weiteres Vorzeigestück unserer Stadt. Gerade dort hat man die historischen zum Teil 300 Jahre alten Bauten in einzigartiger Weise saniert und, was nicht mehr sanierungsfähig war, dem historischen angepasst. Das gleiche gilt für das von Ihnen angesprochene Bohnenviertel. Dieses wurde ebenfalls historisch saniert und restauriert, auch mit tatkräftiger Unterstützung unseres damaligen OB Manfred Rommel.
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APR
24
22:03 Uhr, geschrieben von Bruddler
Also Frau Schröder . . . . .
sicher liegen Sie richtig, dass wesentliche Teil Stuttgarts den Fliegerangriffen im WKIIzum Opfer fielen. Trotzdem ist es der Nachkriegsgeneration gelungen der Zerstörung durch Bomben noch eines obenauf zu setzen. Nach dem Krieg wurden - ohne Bomben - aber durch Bauherren- und Archtekteneinwirkungen, der Mendelssohnbau (ehemaliges Kaufhaus Schocken), die Calwerstraße, das Bohnenviertel durch zerstört und durch Allerweltszweckbauten ersetzt. Und wenn Sie schon schreiben, daß der Bahnhof erhalten bleibt, dann frage ich Sie, welcher Bahnhof denn? S21 würde dem Bahnhofsgebäude doch höchstens noch Attrappenfunktion zubilligen. Ein Wunder, daß Tagblatt-Turm und Stiftskirche noch stehen. Stuttgart ist mit den Jahren seiner Geschichte immer geschichtsloser geworden. Ausnahmen bestätigen die Regel.
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APR
14
22:52 Uhr, geschrieben von Matthias Gärtner
Sinnstiftende Straßenräume
Soll ich die genannten Punkte tatsächlich für ein Problem halten? Geschichtsvergessen darf man natürlich nicht sein, und Erinnerungsorte (seit wann gibt es dieses Wort überhaupt? ) sind auch wichtig. Aber diese Diskussion scheint mir doch sehr gekünstelt. - Die Tübinger Straße ein "sinnstiftender Straßenraum". Sinnstiftend? Wie bitte? - Das Schenker-Gebäude und Bahnanlagen auf dem A1-Arreal. Aha! - Der Karlsplatz und das Hotel Silber. Ich kannte es vorher nicht, mein Stadtführer von 1998 erwähnt es auch nicht, und zum Gedenken an die Opfer des National-Sozialismus wurde es bisher auch nicht groß genutzt. - Der Killesberg. Wie es vor der Messe dort aussah, weiß ich nicht, aber daß die Messe jetzt an einem besser geeigneten Platz liegt, ist wohl unstrittig.
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