Keime in öffentlichen Verkehrsmitteln Wenn das Norovirus mitfährt

Von Melanie Maier 

In öffentlichen Verkehrsmitteln tummeln sich Millionen von Bakterien und Viren. Doch wie gefährlich sind diese Keime für Passagiere? Und was kann man tun, um sich zu schützen?

Warum gibt es so viele Erreger in öffentlichen Verkehrsmittel?

Bakterien lieben Wärme und Feuchtigkeit. Auf verschmutzten, fettigen Flächen fühlen sie sich besonders wohl. Da U-Bahnen, Züge und Busse meist nur einmal täglich gereinigt werden, herrschen dort beste Voraussetzungen, damit sich Keime schnell vermehren: An den Griffen und Haltestangen halten sich jeden Tag Dutzende von Menschen fest, die gerade erst eine Portion Pommes oder einen Döner verspeist haben. Dazu Menschen, die sich die verschnupfte Nase geputzt oder sich nach dem Toilettengang nicht die Hände gewaschen haben. Was bleibt, ist ein großes Sammelsurium von Keimen – das zudem ständig wächst: Bei einigen Arten mit einer Generationszeit von 30 Minuten dauert es unter Idealbedingungen nur zehn Stunden, bis aus einem einzigen Bakterium mehr als eine Million geworden sind.

Wo befinden sich die meisten Keime?
Überraschenderweise ist nicht die Toilette der am stärksten mit Keimen belastete Ort: Im Flugzeug tummeln sich die meisten Erreger auf dem Klapptisch am Sitzplatz, so das Ergebnis eines Tests des amerikanischen TV-Senders NBC. Mit speziellen Wattestäbchen nahmen Reporter der Show „Today“ im Juli 2014 Proben an mehreren Stationen, die Fluggäste üblicherweise passieren. Auch an den Sicherheitsgurten und den Armlehnen fanden sich zahlreiche Keime. Bei den Zügen der Deutschen Bahn wiesen bei einer Stichprobe des NDR-Verbrauchermagazins „Markt“ 2011 vor allem Intercity-Express-Züge (ICE) eine hohe Keimbelastung auf – im Polsterbereich, auf Armlehnen und Sitzflächen sowie an Türöffnern und -klinken.
Wie gefährlich sind Keime in Bus und Bahn?
Glaubt man einer Studie der englischen University of Nottingham, gehen die Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel sechsmal öfter wegen Atemwegsinfektionen zum Arzt als Menschen, die sich per Auto, mit dem Fahrrad oder zu Fuß fortbewegen. Die während der Influenza-Saison 2008/2009 durchgeführte Erhebung mit 138 Patienten ist allerdings nicht durch weitere Studien bestätigt worden. Generell sei die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmittel nicht gefährlicher als etwa der Gang ins Einkaufszentrum, sagt Ernst Tabori, ärztlicher Direktor am Deutschen Beratungszentrum für Hygiene in Freiburg: „An Stellen, an denen sich viele Menschen aufhalten, sind stets viele Erreger.“ Das sei normal, nicht per se gefährlich: Nicht die Anzahl an Bakterien entscheide darüber, ob man sich mit einer Krankheit infiziert, sondern die Art der Keime – falls diese es überhaupt schaffen, in den menschlichen Körper einzudringen, so der Mediziner.
Kann man im Zug bedenkenlos essen?
Die meisten Keime in unserer Umgebung sind ungefährlich. Nicht einmal, wenn sie milliardenfach an einem Sitz oder Haltegriff haften, haben sie dem Menschen etwas an. Darüber hinaus sind viele Arten nicht nur harmlos, sondern sogar nützlich – etwa bei der Verdauung. Erst, wenn eine große Zahl krankmachender Bakterien an der richtigen Stelle zusammenkommt – etwa an Schleimhäuten oder offenen Wunden – , können sie Infektionen auslösen. Sein Vesperbrot würde Tabori dennoch nicht auf dem ICE-Tisch ablegen: „Der Tisch wird von zig Leuten angefasst. Deshalb muss man nicht gleich krank werden – appetitlich ist es aber nicht.“
Wie wichtig ist die tägliche Reinigung der Verkehrsmittel?
Werden Flugzeuge, Busse und Bahnen nicht regelmäßig gereinigt, sammeln sich Keime an. Einige krankmachende Bakterien und Viren können sogar tagelang überleben – so zum Beispiel das Darmbakterium E. coli oder auch der antibiotikaresistente Keim MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus). Eine adäquate Reinigung könne dem entgegenwirken, sagt Tabori. Trockenheit und Sauberkeit seien die natürlichen Feinde von Bakterien: „An einem trockenen, sauberen Haltegriff sterben innerhalb von 24 Stunden fast alle Bakterien ab.“
Welche Erreger rufen Krankheiten hervor?
Hoch ansteckend und sehr widerstandsfähig ist das Norovirus. Von diesem reichen wenige Partikel aus, um eine Infektion auszulösen. Hoch ist die Ansteckungsgefahr aber auch bei Mitfahrern mit Schnupfen oder Grippe: Niest oder hustet eine erkältete Person in die Hand und fasst danach einen Griff in der Bahn an, hinterlässt sie Keime und Viren ihres Nasen-Rachen-Raumes. „Der nächste Passagier, der den Griff kurz danach anfasst, lädt einen Teil dieser Keime auf seine Hand. Von dieser können sie an Zielzellen beispielsweise in der Nase gelangen und eine Infektion auslösen“, sagt Tabori. Multiresistente Erreger stellten in öffentlichen Verkehrsmitteln dagegen kaum ein Problem dar – für gesunde Menschen sei das Risiko einer Infektion ohnehin eher gering.
Wie kann man sich vor krankmachenden Viren und Bakterien schützen?
Den besten Schutz bietet das konsequente Händewaschen – nach jeder Fahrt, vor jedem Essen, nach jedem Toilettengang. „Das hört sich banal an“, sagt Tabori. „Doch nur die wenigsten Menschen tun das tatsächlich.“ Studien zufolge waschen sich nach einem Toilettengang weniger als die Hälfte richtig die Hände. Neben einer gründlichen Handhygiene empfiehlt Tabori, sich im Herbst gegen Influenza impfen zu lassen – damit sei man zu mehr als 90 Prozent vor Grippeviren sicher. Außerdem empfiehlt er, Abstand von denjenigen Mitfahrern zu halten, die bereits offensichtlich krank sind. „Ein Kranker verbreitet seine Tröpfchen, die Erkältungsviren beinhalten, in einem Radius von eineinhalb Metern“, sagt er. „Deshalb sollte man Abstand wahren.“ Am besten könne man sich selbst und andere aber letztlich dadurch schützen, indem man nicht krank zur Arbeit oder in die Stadt fahre, sondern sich zuhause zwei, drei Tage auskuriere – bis man sich wieder fitter fühlt und die Ansteckungsgefahr gebannt ist.

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