Julian Rosefedts „Manifesto“ in der Staatsgalerie Stuttgart Überwältigung als Konzept

Von Nikolai B. Forstbauer 

Julian Rosefeldt, Szene aus „Manifesto“ –  Beweis der Wandelbarkeit von Cate Blanchett Foto: © VG Bild-Kunst, 2016
Julian Rosefeldt, Szene aus „Manifesto“ – Beweis der Wandelbarkeit von Cate Blanchett Foto: © VG Bild-Kunst, 2016

Julian Rosefeldts Filminstallation „Manifesto“ ist international gefeiert wie Cate Blanchett, die in dem Projekt in zwölf Gegenwelten zu erleben ist. Jetzt ist „Manifesto“ bis zum 14. Mai in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen.

Stuttgart - Kaum merklich zoomt sich die Kamera von oben heran, wahrt bald respektvoll Abstand. Man sieht eine Frau und einen Mann vor ­Computerbildschirmen, nicht richtig beschäftigt, aber sehr angespannt. Oder doch nicht? Die Frau, im strengen Kostüm, wirkt konzentriert, in bestem Sportlerdeutsch: ­fokussiert auf die Aufgabe. Der Mann, zurückgelehnt, gibt sich offenbar gar nicht erst die Mühe, eine Scheinkonzentration aufzubauen. Die Rechenvorgänge auf den Bildschirmen sind schneller, als er je reagieren könnte. Er weiß es nicht nur, er signalisiert es auch – als Regisseur der bloßen Beobachtung ist er gleichwohl gestisch Herr der Lage.

Börsentempo als Gegenwart des Futurismus

Beobachtet hat den Börsenhandel Julian Rosefeldt. 1965 geboren, ausgebildeter Architekt, weltweit erfolgreich als Installationskünstler, der Film als Medium und ­Material für seine Arbeiten nutzt. Wobei – beobachtet wäre schon falsch. Alles ist komponiert, jede Bildsekunde bei Rosefeldt ist ein niederländisches Stillleben. Kommt der Ton hinzu, ist man in einer Collage-Dichte, wie man sie seit den surrealistischen Experimenten nicht gesehen hat. Und doch ist da immer auch die Absage an all diese Momente und deren offensichtliche oder versteckte Heroik. Rosefeldt tritt einem Fundus an ­Methoden der Überwältigung selbst mit ­deren Mitteln entgegen.

Ein Künstler, der sich mit Akzenten des Feierlichen Gedanken über die Kunst macht? So ungewöhnlich ist das in der filmkünstlerischen Arbeit nicht. Rosefeldt aber wagt etwas, das über die Aufdeckung, über die Analyse, über die Forschung hinausgeht. Der an der Münchner Akademie Lehrende begnügt sich nicht mit der Manipulation des großen Auftritts, er konstruiert ihn – um ihn zugleich durch einen eigenwillig sanften Ton zu unterlaufen.

Und so geht die Kamera ganz nah an das Börsen-Broker-Duo heran, macht uns zu Komplizen einer Analyse über den Umgang des Kinos mit solchen Szenen und doch zu Analysten nicht etwa der kaum lesbaren Börsendaten, sondern einer fast schon absurden individuellen Selbstbehauptung in einem von ­Algorithmen bestimmten Millisekunden-Geschäft.

Eigentümlich vertraut ist denn auch das, was wir hören: „Look at us! We’re not exhausted yet!“, oder auch „The beauty of speed“. Natürlich sind wir nicht erschöpft – und die Schönheit des Tempos, klar, feiert ­gerade mit der E-Mobilität fröhliche ­Urständ.

Tatsächlich stammen die Zitate aus ­Sätzen junger italienischer Künstler des beginnenden 20. Jahrhunderts. Allen voran von Filippo Tommaso Marinetti und aus ­dessen 1909 in der französischen Zeitung „Le Figaro“ veröffentlichten futuris­tischen Manifests.

Kunst über Kunst

Die Szenerie an der Börse ist Teil von ­„Manifesto“, der jüngsten, international ­gefeierten Großinstallation von Julian ­Rosefeldt. Bis zum 14. Mai 2017 ist „Manifesto“ nun im Altbau der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen. Als Kunstgeschichts­drama in zwölf Akten, als gleichwohl völlig unabhängige Bild-Ton-Collage, als Gesang durchaus im Geiste Pablo Nerudas zudem. Oder einfach nur als ironische Frage, inwieweit Kunst überhaupt noch möglich sein soll, da doch die kühnsten Thesen, die ­härtesten Worte, die radikalsten Absagen das System Kunst nicht etwa erschütterten, sondern jeweils neu belebten?

Nicht anders als die im Frühjahr durch das Kunstmuseum Stuttgart vorgestellte Videokünstlerin Candice Breitz kann auch Julian Rosefeldt das alles auswendig: die Frage nach der Konstruktion von Wirklichkeit in der kanadischen Fotokunst seit den 1970er Jahren um Jeff Wall und Ken Lum, die Rollen- und Geschlechterdebatten, wie sie die US-Künstlerin Cindy Sherman initiierte – und eben auch die der Schweizerin Pipilotti Rist vergleichbare Position, die Forschung nicht als Ansage für schlechte Laune missversteht. Und doch setzt er noch eins drauf – indem er scheinbar einen Gang zurückschaltet, erzählt, Tempo herausnimmt, dem Klang der Bilder mehr vertraut als deren ­Zusammenklang.

Lesen Sie jetzt