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Joe Bauer in der Stadt Bahnhofversenken ist sexy

Joe Bauer, vom 03.06.2011 18:43 Uhr
 Foto: Kraufmann
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Stuttgart - Die Luft ist tödlich in der Tübinger und in der Marienstraße. Auf Schritt und Tritt riecht und schmeckt man die Ausdünstungen einstürzender Altbauten. Das ist der Sternenstaub raumfressender Investoren. Das Abrissgelände im Viertel, irreführend "Das Gerber" genannt, ist so groß, dass man in einen Bunker flüchten möchte, um die Gedanken zu ordnen. Städteplaner sind heute in der Lage, Orte schlimmer zuzurichten als seinerzeit die amerikanische und die britische Luftwaffe zusammen.

Die Lehre zeitgenössischer Architekten, Städte sanft und parzellenweise zu verändern und nicht ganze Blöcke niederzureißen, spielt im fortschrittlichen Stuttgart keine Rolle. Man macht es zukunftsbewusst so, wie man es früher auch schon falsch gemacht hat. Aufriss ist sexy.

Zum Glück will man in der Marienstraße sowieso nicht bleiben, auf dieser Meile fühlt man sich wie in einer Altöl-Wanne am Schnäppchen-Grill. Rasch weiter über die Eberhardstraße, ebenfalls eine Großbaustelle, zügig in die Ruinen der Altstadt.

Bewegung zwischen Klappsitz und Matratze

An der Ecke Leonhardstraße/Leonhardsplatz, neben dem mondänen Nachtclub Four Roses, hat vor Jahren ein gütiger Immobilenbesitzer einen roten Klappsitz an seine Hausfront montiert. Seitdem stehen sich die Huren nicht länger wie im Gassenhauer einer bayerischen Rock'n'RollKapelle die Füße platt. Im Stuttgarter Rotlichtviertel, wegen seiner apokalyptischen Kulisse von Altstadt-Veteranen "Tschernobyl" genannt, herrscht Bewegung zwischen Klappsitz und Matratze.

Heute, da oft - viel zu junge - Mädchen aus osteuropäischen Ländern in Bussen angekarrt werden, plant man im Viertel den wirtschaftlichen Fortschritt:

"Der Trend zur gewerblichen Zimmervermietung", heißt es im (mir vorliegenden) "Jahresbericht 2010" des Amtes für öffentliche Ordnung, gehe ungebremst weiter. Diese gute Nachricht ist in einem Quartier für käufliche Liebe zwar nicht ungewöhnlich. Lediglich die Hintergründe sind - in einer Stadt mit großer ökonomischer und pietistischer Vergangenheit - erregend. Im "Jahresbericht" heißt es:

"Insbesondere im Leonhardsviertel deuten verschiedene Entwicklungen darauf hin, dass sich die ,Szene' auf Stuttgart 21 und eine damit möglicherweise verbundene Erhöhung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen vorbereitet."

Das Amt hat die erotischen Gelüste analysiert

Zu Deutsch: Das Amt hat die erotischen Gelüste im Umfeld von Tunnel- und Bohrarbeiten analysiert. Dass sich die Beamten für milieukundig halten, wundert keinen. Bahnhofversenken gilt in Pro-21-Kreisen seit jeher als sexy. Allerdings bestätigt der "Jahresbericht 2010" nur die Uraltregel, wonach überall, wo Löcher gebuddelt werden, sofort die Freunde der Ehrenwerten Gesellschaft auftauchen. Sie sind es, die Bauarbeitern fern der Heimat die Sehnsüchte nach Glücksspiel, Jägermeister und Bunga-Bunga befriedigen.

Neuerdings stößt der angestrebte Horizontal-Service im Geschäftsbereich von Stuttgart 21 jedoch auf unerwarteten Widerstand. Beim ersten Treffen zwischen dem neuen katholischen Landesfürsten Kretschmann und seinem protestantisch geprägten Volk neulich auf dem Marktplatz konnte man über den Köpfen ein Schild lesen: "Huren gegen Stuttgart 21!"

Klare Ansage. Leider fand ich im Nieselregen keine Gelegenheit, der ehrbaren Dirne näher zu kommen, um ihr die entscheidende Frage zu stellen: Wo eigentlich positionieren sich ideologisch die Zuhälter? Da man sich laut Ordnungsamt im Leonhardsviertel auf die "Erhöhung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen vorbereitet", dürfte die Antwort, betriebswirtschaftlich gesehen, klar sein: Luden sind Proler. Tunneln und Bohren für Stuttgart 21 die legitimen Geschäftsinteressen.

Ob Kretschmann im Fall eines endgültigen Baustopps mit Schadenersatzforderungen aus der Rotlichtbranche zu rechnen hat, bleibt abzuwarten. Womöglich gleicht ein sozial geführter Versicherungskonzern den Verlust mit Naturalien-Boni an aufrechte Mitarbeiter aus.

Ich wiederum muss versuchen, gegen ein bodenständiges Honorar, in Fachkreisen "Kuppe" genannt, den roten Klappsitz in der Leonhardstraße zu mieten, um die Lage zu beobachten. Womöglich genügt hin und wieder auch ein Freier-Blick aus der Weinstube Fröhlich oder der Uhu-Bar, um den Sternenstaub von "Tschernobyl" zu atmen. Den Huren wünsche ich vorerst alles Gute - und bitte sie als Ihr ergebener Diener: Oben bleiben!

Kommentare (7)
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JUN
10
17:30 Uhr, geschrieben von Die Feder vom Heckerhut
Und das Schlimme kommt erst noch.......
...... Hinterher wenn Alles abgestaubt und kerzengerade in den Himmel schaut, wird es wieder Menschen geben, die die Kunst mit Ihren Reise( VER) Führern noch höher in den Himmel loben wollen. Immer wieder aufs Neue versteht Joe Bauer den Lesern, auf seine eigene Art , Stuttgart näher zubringen. Ja, oben ist es schön!
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JUN
08
12:00 Uhr, geschrieben von Thomas
Projektfetischismus
Vergangenes Jahr war ich umgetrieben nachstehnde Überlegungen anzustellen: Titel: Verdacht des Auftretens einer unentdeckten sexuellen Deviation bei S21 Befürwortern Problemstellung Was muss in jungen Männern vorgehen, die in brünftiger Liebe zu einem Bauprojekt entbrannt, geschmückt mit Buttons mit dem Motto „Ich liebe Stuttgart 21“, laut „oben ohne!“ rufend, wöchentlich in Horden triebsublimierend durch Stuttgarts Schlossgarten laufen und sich mit T-Shirts kleiden, auf denen Häschen abgebildet sind mit dem Motto „Parkerweiterer“? Wer einmal – wie ich jüngst – den irren, ja nachgerade lüsternen Blick dieser jungen Männer in kurzen Hosen gekreuzt hat, die bei ihren Dauerläufen selbst dem kalten herbstlichen Regen trotzen, der bleibt verstört und nachdenklich zurück. Was mag hier geschehen sein? Handelt es sich um eine neue, bisher unentdeckte Paraphilie, eine bisher unbeschriebene sexuelle Deviation? Als ich dann vor wenigen Tagen ein T-Shirt dieser S21 Befürworter sah, auf dem eine kniende nackte Frau abgebildet ist und die Aufschrift trägt: „Tu´ IHN unten rein! Stuttgart 21“, fühlte ich mich ich herausgefordert, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich führe als Arbeitshypothese zunächst den Begriff des „Projektfetischismus“ ein und möchte versuchen dieses neue Phänomen nachfolgend etwas näher zu ergründen. Ich möchte vorausschicken, dass ich mich dem Gegenstand selbstverständlich rein deskriptiv und nicht wertend nähern werde. Bevor wir zur Erhärtung des Verdachts auf ein abweichendes Verhalten kommen, möchte ich vorab nochmals zusammenfassen, worauf sich die Zuneigung durchschnittlicher junger Männer für gewöhnlich richtet. Niemand würde sich wundern, richtete sich die Zuneigung, ja brennende Leidenschaft jener Junger Männer auf eine Frau, bei homosexueller Ausrichtung auch auf ihren Lebenspartner. Auch ist es nicht ungewöhnlich, von der Liebe zur Heimat, zur eigenen Stadt oder Ähnlichem zu sprechen. All dies sind greifbare, erfahrbare, ja, reale Objekte, auf die sich diese Zuneigung ausrichten und dort auch ihre Erfüllung finden kann. Doch hier zeigt sich ein völlig neues Phänomen. Die Liebe zu einem Projekt, zu etwas, das noch gar nicht Gestalt angenommen hat, also zu etwas Zukünftigen. Wir können hier also gewissermaßen von einer Manifestation der Liebeserfüllung „in spe“ sprechen. Einem in die Zukunft projizierten, von Sublimationshandlungen (im Gruppenauftritt) begleiteten, sexuellen Erfüllungswunsch einhergehend mit einer durch die in Stuttgart grassierenden Wiederstände gegen das besagte Bauprojekt prekär gewordenen Erfüllungshoffnung. Spannungsfeld zwischen Triebaufschub und Frustrationsangst Hier ergeben sich zwei wichtige Gesichtspunkte: Erstens der Aspekt des Aufschubs bzw. der Prokrastination (d.h. dem bewussten Aufschieben) dieser Phantasieerfüllung, zweites der Aspekt des Prekären, der Gefährdung dieser Erfüllungshoffnung durch die augenblicklich breite Infragestellung des Bauprojekts S21. Das sich hieraus ergebende Spannungsverhältnis erscheint mir einen Erklärungsansatz zu bieten für die sich im Zuge der Demonstrationen der S21 Befürworter zeigenden Macht- bzw. Allmachtsphantasien. Wie sonst ließen sich die Schlachtrufe der Befürworter „Wir sind Stuttgart“ anders erklären? Ich will dem übereiligen Leser gleich widersprechen, der zum vorschnellen Urteil gelangen könnte, es handele sich hier bei den Befürwortern um Anmaßung. Nein, vielmehr muss aus der Perspektive der Betroffenen hier von einer Ausweichhandlung im Sinne einer Selbstermutigung angesichts der Unsicherheit der künftigen Verwirklichung des Projekts S21 ausgegangen werden. Insbesondere, nachdem das gewaltsame „Durchgreifen“ am 30.09.2010 nicht die erhoffte Wirkung gezeitigt, sondern sich im Nachgang als noch vertiefende Gefährdung der Erfüllungshoffnung auf Seiten der Befürworter erwiesen hat. Exkurs: Belohnungsaufschub Des besseren Verständnisses wegen muss an dieser Stelle kurz auf das Prinzip des Belohnungsaufschubs zurückgegriffen werden. Belohnungsaufschub ist ein Begriff aus der Psychologie und bedeutet, dass die Belohnung nicht sofort sondern verzögert erfolgt. Dabei wird auf eine unmittelbare (anstrengungslose) Belohnung zu Gunsten einer größeren Belohnung in der Zukunft verzichtet, die allerdings entweder erst durch Warten oder durch vorherige Anstrengung erlangt werden kann. Wie man nicht zuletzt bei der Kundgebung am vergangenen Samstag auf dem Stuttgarter Schlossplatz sehen konnte, werden dazu kostenlose alkoholische Getränke im Sinne eben einer solchen „unmittelbaren“ und „anstrengungslosen“ Belohnung an die Befürworter ausgegeben, um die Anstrengungsbereitschaft mit Blick auf die lange Zeitspanne bis hin zur Projektrealisierung und die damit einhergehende Sehnsuchtserfüllung zu stärken. Die Bedeutung dieses von den Gegnern des Projekts einseitig und wenig gründlich als „Freibierausschank“ diffamierten Vorgangs erschließt sich also erst im Kontext dieses hoch komplexen psychologischen Triebsublimierungsvorgangs. Wie intuitiv richtig dieses Bedürfnis gehandhabt wird, zeigt sich auch dadurch, dass sich im Bündnis für S21 eigens eine Gruppe von Befürwortern gegründet hat mit dem Projektnamen „proSit“. Phantasien von Häschen und Jagdgründen Während sich die oben zitierten Slogans auf den von den Befürwortern ostentativ, und damit einem öffentlichen Bekenntnis gleichend, getragenen Buttons „Ich liebe Stuttgart“ und „Oben ohne“ in ihrer doch eher eindimensionalen Bedeutung recht einfach erschließen lassen, stellt der Slogan „Park Erweiterer“, nebst dem auf dem Button abgebildeten Häschen, schon eine größere hermeneutische Herausforderung für die Entschlüsselung dar. Worin mag der Zusammenhang zwischen „Häschen“ und „Erweiterung“ bestehen? Dem erfahrenen Leser stellt sich im sexuellen Kontext beim Begriff Häschen natürlich sofort die Konnotation zu Hugh Heffners Playboy ein. Während besagter Hugh Heffner gewissermaßen als Erfinder der synonymischen Gleichsetzung von Häschen und der „attraktiven, leicht bekleideten jungen Frau“ gelten kann und dabei immerhin jeweils von realen, wirklichen und im wahrsten Wortsinne „anfassbaren“ Frauen ausging, scheint sich bei den Befürwortern auch hier eine Verschiebung der Projektion auf etwas Ungreifbares, Flüchtiges (der Hase ist ein Fluchttier!), wenngleich Niedliches, Schutzbedürftiges und zugleich Erjagenswertes zu konzentrieren. Was liegt hier also vor? Ich möchte an dieser Stelle von vornherein jede oberflächlich naheliegende Konnotation zum österlichen Hasenmotiv als Hypothese ausschließen. Vielmehr komme ich zu dem Schluss, dass sich die Befürworter wiederum im Sinne einer prokrastinierenden, aufschiebenden und dabei triebsublimierenden Handlung der Phantasie einer unendlichen Erweiterung ihres sexuellen „Jagdgrundes“ hingeben. Nur durch die allgegenwärtige und zum Gemeinplatz gewordene unmittelbare Assoziation des Häschenmotivs mit der „attraktiven, leicht bekleideten jungen Frau“ lässt sich dies erklären. Der Befürworter nimmt seine Trieberfüllungsphantasie in die eigene Hand und will mit seiner Unterstützung für die Umsetzung bzw. Verwirklichung des Bauprojekts Stuttgart 21 unterbewusst seine Chancen auf eine Trieberfüllung durch die Vermehrung der Häschen und ihres Lebensraums („Park Erweiterer“) als Symbol der projizierten Begierde vermehren. Der Leser mag diese These zunächst für gewagt halten, doch wende ich ein, dass sich spätestens beim Betrachten obigen T-Shirts dieser Schluss als durchaus naheliegend, ja zwingend aufdrängt: „Tu´ IHN unten rein! Stuttgart 21“. Jo Bauer legt aus meiner Sicht nahe, dass man sich mit den Tunnelphantasien und Phallusmetaphern der S21 Gläubigen aus psyhologischer Sicht dringend befassen müsste!
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JUN
06
15:41 Uhr, geschrieben von erich erhart
omöglich
stimmungsmache auf wessen?
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