Japanische Küche im Lindenmuseum Dies alles meint „Oishii“

Von Brigitte Jähnigen 

Das Lindenmuseum in Stuttgart Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Das Lindenmuseum in StuttgartFoto: Lichtgut/Achim Zweygarth

In einer Sonderausstellung widmet sich das Stuttgarter Lindenmuseum von Oktober an der japanischen Ess- und Trinkkultur.

Stuttgart - Im Jahr 2013 wurde die traditionelle japanische Küche in die Unesco-Liste der immateriellen Kulturgüter aufgenommen. Was es mit ihr auf sich hat, zeigt das Linden-Museum Stuttgart von 15. Oktober an in der Sonderschau „Oishii! Essen in Japan“.

„Du isst zu viel“, raunzt die ältere ­Satomi die jüngere Marie an. Die beiden Frauen hocken auf Tatamimatten und genießen die erste Mahlzeit in Satomis gereinigtem Haus. Marie schaut gequält. Nicht nur ihre Beine, die sie unter dem niedrigen japanischen Tischchen mit Mühe zusammenhält, schmerzen, auch der Hunger quält die junge Deutsche. Im Umgang mit Essstäbchen nicht ungeübt, schaufelt sie Reis und Gemüse in sich. „Grüße aus Fukushima“ heißt der neue Spielfilm von Doris Dörrie, in dem sich die Autorin und Regisseurin der japanischen Kultur von innen nähert. Marie (Rosalie Thomas) sucht nach einer Liebeskrise sich selbst, Satomi (Kaori Momoi) ist die letzte Geisha von Fukushima. Sie hält es in den Behelfsbaracken, die die Regierung nach der Katastrophe für die Überlebenden eingerichtet hat, nicht mehr aus – Satomi fehlt die Würde ihres Daseins.

Achtung der Tradition

Mag die japanische Moderne vor allem in den Metropolen auch schrill und knallbunt sein – die Achtung der Tradition hält die Menschen zur inneren Haltung an. Nicht nur im alltäglichen Umgang miteinander, auch in der Essens- und Tischkultur. „Gohan“ heißt das Wort für gekochten Reis und gleichzeitig für Mahlzeit. Gohan ist seit 2000 Jahren nicht nur die Basis in der japanischen Küche, er ist ein Teil der Seele des Landes. Kinder werden bis heute angehalten, auch das letzte Reiskorn in ihrer Essschale aufzunehmen. Eine goldfarbene Fuchsskulptur mit einer Reispflanze im Maul wacht über shintoistische Tempelanlagen. Und Sake, aus speziellen Reissorten gebraut, wurde nicht nur vom Dichter Matsuo Basho besungen.

Mit der Sonderausstellung „Oishii“ will Inés de Catro neue Besucher ins Linden-Museum locken. „Das Thema war meine Idee“, sagt die Direktorin und verweist auf Objekte, die zum Sammlungsbestand des Linden-Museums gehören. Präsentiert werden Originale wie Tuschen, Holzschnitte, Keramik, Leihgaben und Neukäufe wie Bentoboxen und Speisendarstellungen als Plastikmodelle, die in vielen japanischen Restaurants die Auswahl der Speisen erleichtern. Gezeigt werden auch Stücke, die bisher noch nie zu sehen waren, wie etwa ein Netsuke, eine kleine geschnitzte Figur, die einen Kraken zeigt, der in einem Topf gefangen ist. Netsukes dienen der Befestigung hängender Behälter wie Inros (Gürtelschmuck). Schon am 19. März präsentiert eine Kabinett-Ausstellung Inros aus verschiedenen Materialien.

Nahes fernes Japan

Claude Lévy-Strauss (1908–2009) verweist in seinem Buch „Die andere Seite des Mondes – Schriften über Japan“, dass Essen und Trinken nichts anderes sei als „die Art und Weise, wie der Mensch versucht, sich die natürliche Welt physisch einzuverleiben“. Er habe sich, gesteht der französische Professor für Sozialanthropologie, so sehr in die japanische Küche verliebt, dass er Algen und fachgerecht gekochten Reis zu seiner täglichen Ernährung gefügt habe. Er habe alle Arten von Küchen, von Sansei (Alltag) bis Kaiseki (leichtes Mahl zur Teezeremonie) probiert und gefunden, dass es immer „etwas völlig Ursprüngliches“ gebe. Japan, das wird diese Sonderausstellung zeigen, ist zwar die andere Seite des Mondes, aber näher an Europa, als es üblicherweise empfunden wird. Dazu könnten auch Dokumentationen beitragen, in denen in Deutschland lebende Japaner über ihre private Ess- und Trinkkultur erzählen.

Mehr unter www.lindenmuseum.de

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