Interview „Häufig genügt ein besseres Raummanagement“

Von Sascha Maier 

Sandra Boser spricht von Ganztagsschulgarantie, hat aber momentan noch ganz andere Baustellen. Foto: Grüne
Sandra Boser spricht von Ganztagsschulgarantie, hat aber momentan noch ganz andere Baustellen. Foto: Grüne

Obwohl es zu wenig Lehrer gibt, will Sandra Boser, die bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, am Ausbau der Ganztagsschulen festhalten. Nur weil das schwarz-geführte Kultusministerium es versäumt habe, genug Lehrkräfte auszubilden, gelte das politische Versprechen trotzdem.

Stuttgart -
Frau Boser, seit drei Jahren sind Ganztagsschulen im Landesgesetz verankert. Wie lautet Ihre Zwischenbilanz?
Die Rückmeldungen sind sehr positiv! Sowohl die Elternschaft als auch die Lehrer bestätigen uns darin, dass wir mit der Ganztagsschule auf dem richtigen Weg sind.
Aber Hunderte von Lehrerstellen sind nicht besetzt.
Das ist in der Tat ein Problem. Es ist ärgerlich, wenn die pädagogischen Hochschulen mit den falschen Bedarfen planen mussten, wir jetzt mit zu wenigen Lehrern dastehen und etliche Stellen nicht besetzt werden können. Aber die Prognosen sind nicht einfach, weil wir lange von abnehmenden Schülerzahlen ausgegangen sind. Neben weiteren Lehrerstellen müssen wir den Lehrerberuf attraktiver machen: Mit einem Baden-Württemberg-Bonus erhalten die Beamten auch deutlich mehr Geld.
Wenn es aktuell zu wenig Lehrer gibt: Ist es dann sinnvoll, die Ganztagsschule weiter voranzutreiben?
Ja. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für viele Frauen und Männer sowie für die Wirtschaft das zentrale Thema zur Fachkräftegewinnung und ein Beitrag für mehr Bildungsgerechtigkeit. Es kann nicht sein, dass wir unsere Bildungspolitik auf Eis legen, nur weil es Schwierigkeiten gibt. Leider sind wir auch Opfer von Versäumnissen älterer Zeiten. Mit der Umstellung der Lehramtsausbildung von sechs auf acht Semester ist in den Jahrgängen, die jetzt fertig werden, eine Lücke entstanden.
Auch das ändert nichts daran, dass es de facto im Moment an Lehrkräften mangelt.
Die CDU-Kultusministerin Susanne Eisenmann hat ein Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht. Die Verwaltung versucht, Pensionäre dazu zu bewegen, länger zu bleiben. Und arbeitslose Gymnasiallehrer sollen nach Weiterbildungen an Grundschulen aushelfen, bis neue Lehrer ausgebildet sind.

Diskussion über Ganztagsschulgarantie

Wie wollen Sie die hier halten, wenn sie fertig sind? Schließlich sind Ganztagsschulen für Lehrer belastend, auch wegen des Personalmangels.
Baden-Württemberg hinkt in Sachen Ganztagsbetreuung im Bundesdurchschnitt ziemlich hinterher. Das sagt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. In anderen Bundesländern ist die Wahrscheinlichkeit größer, in einer Ganztagsschule zu arbeiten. Ich möchte auch betonen, dass der Lehrerberuf kein Halbtagsjob ist. Es braucht dafür entsprechende Arbeitsbedingungen, auch die Möglichkeit, den Arbeitsplatz an die Schule zu verlagern.
Für den Ganztagsbetrieb müssen die Schulen oft umgebaut werden. Wer soll das bezahlen?
Über die Schulbauförderrichtlinien werden bauliche Maßnahmen auch für die Ganztagsschule vonseiten des Landes unterstützt. Dies ist auch wichtig, da der Lernraum mit entscheidend ist für ein gutes Gelingen. Jetzt beginnen die Haushaltsberatungen für die nächsten zwei Schuljahre, und wir wollen Schulen, die Ganztagsschulen werden wollen, weiter unterstützen. Oft ist auch gar kein Umbau nötig. Häufig genügt ein besseres Raummanagement, um für Lehrer geeignete Arbeitsplätze zu schaffen.
Vorausgesetzt, das gelingt: Wie soll es langfristig mit dem Konzept der Ganztagsschulen weitergehen?
Es gibt auf Bundesebene eine Diskussion über eine Ganztagsschulgarantie. Die könnte ähnlich wie die Garantie auf Kitaplätze geregelt sein – also dass Eltern einen rechtlichen Anspruch auf die Tagesbetreuung in Kindergärten für ihre Kinder haben. Wenn das erreicht werden soll, müssen die Lehrer und außerschulischen Partner mitgenommen werden. Ich hoffe sehr darauf. Denn wir sind weiterhin überzeugt, dass Ganztagsschulen ein wichtiger Schritt in Richtung Bildungsgerechtigkeit sind und die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf fördern.

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