Im Kino: „Zoomania“ Diskriminierung im Tierreich

Von Oliver Stenzel 

Noch nie war ein Hase Polizist: Judy Hopps beißt sich durch unter den viel größeren Kollegen in „Zoomania“- Foto: Disney
Noch nie war ein Hase Polizist: Judy Hopps beißt sich durch unter den viel größeren Kollegen in „Zoomania“-Foto: Disney

Animationstechnisch atemberaubend mit differenzierten, gut funktionierenden Charaktere erzählt der jüngste Disney-Film ein spannendes Abenteuer, in dem Vorurteile eine große Rolle spielen.

Zoomania – Gleiche Rechte für alle heißt noch lange nicht gleiche Möglichkeiten – soziale Herkunft und Ethnie spielen eine zentrale Rolle, vor allem damit verbundene Vorurteile und Rassismus. In den USA kochen diese Themen derzeit Zeit wieder verstärkt hoch, es sind also recht heiße Eisen, die Disney da anpackt und in einer Gesellschaft aus menschenähnlichen Säugetieren verhandelt.

Eine Streiterin für Emanzipation ist die junge, idealistische Häsin Judy Hopps allein schon dadurch, dass sie Polizistin werden will. Ein Hirngespinst – noch nie war ein ­Hase Polizist und Karotten anpflanzen ist doch auch ein ehrbarer Beruf. Doch sie schafft die Ausbildung als Jahrgangsbeste und kommt gleich ins erste Polizeirevier der Hauptstadt Zoomania. Die Ernüchterung folgt umgehend: Die aus Nashörnern, Elefanten und Flusspferden bestehende Truppe nimmt sie nicht ernst, ihr Vorgesetzter, ein Büffel, auch nicht, weswegen er sie erstmal als Politesse Strafzettel verteilen lässt.

Bei der Arbeit lernt Judy den Fuchs Nick kennen, ein Schlitzohr, das sie wegen seiner Kontakte in die Unterwelt bald für ihren ersten richtigen Fall braucht: Sie soll das mysteriöse Verschwinden mehrerer Tiere aufklären – allesamt Raubtiere. Es braucht einige Zeit, bis sich das ungleiche Paar zusammengerauft hat, doch dann kommen sie einer großen Verschwörung auf die Spur.

Die Gesellschaft kategorisiert dich sowieso – warum also sich anstrengen, das zu widerlegen?

So differenzierte und gut funktionierende Charaktere wie die der beiden Hauptfiguren sind selten in Animationsfilmen, und immer wieder klug umgesetzt sind auch die sozialkritischen Ansätze: Als Judy etwa miterlebt, wie Nick in einer Eisdiele diskriminiert wird – Füchse werden nicht bedient, sind ja alle hinterlistige Gauner – setzt sie sich für ihn ein. Um kurz darauf festzustellen, dass die Vorurteile doch zuzutreffen scheinen, denn Nick ist ein gewiefter Betrüger.

„Du bleibst was du bist“, sagt er, die Gesellschaft kategorisiert dich sowieso – warum also sich anstrengen, das zu widerlegen? Eine bittere Satire auf sich selbst reproduzierende Stereotypen, und womöglich wird dieser tückische Kreislauf so auch für kleinere Zuschauer plausibel. Wobei viele Anspielungen wohl nur Erwachsene verstehen.

Das Faultier „Flash“ dürfte ein Publikumslieblinge werden

Schon animationstechnisch ist „Zoomania“ atemberaubend: Die titelgebende Megastadt besteht aus drei voneinander abgeschirmten Klimazonen, einem subtropischen Zentrum, teils an New York angelehnt, einer polaren „Tundratown“ und einem Dschungel-Distrikt. Jedes Viertel strotz vor pfiffigen Details, wie auch die versammelte Tierwelt so vielgestaltig und witzig umgesetzt ist, dass man den Film wohl mehrmals anschauen muss, um alle Einzelheiten zu entdecken. Das Faultier „Flash“, das in der KFZ-Zulassungsstelle der vor Ungeduld fast platzenden Judy eine Information heraussucht, dürfte ein Publikumslieblinge werden, genau wie der stark an Francis Ford Coppolas „Pate“ angelehnte Gangsterboss.

Gegen Ende zerfasert die an Spannungen und überraschenden Wendungen reiche Handlung etwas, zudem kommen die Plädoyers für Vorurteilsfreiheit bisweilen arg plakativ daher. Und einiges funktioniert auch einfach nicht: Bei Ermittlungen in einer Hippie-Kommune etwa ist Judy schockiert von der unverblümten Nacktheit der Bewohner – doch man sieht, es muss ja kindertauglich sein, nur Unterleiber ohne Geschlechtsteile. So fragt man sich, ob das Thema nicht für einen Erwachsenenfilm getaugt hätte; ein oft angenehm unkindischer Familienfilm ist „Zoomania“ auf jeden Fall.

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