Im Kino: „Anne Frank“ Eine unerfüllte Sehnsucht nach Leben

Von Bernd Haasis 

So viele Gedanken und immer die selbe Frage: Wieso ich, Anne Frank? Foto: Universum
So viele Gedanken und immer die selbe Frage: Wieso ich, Anne Frank?Foto: Universum

Bei manchen Schriften ist Streit vorprogrammiert, wenn sie verfilmt werden – und das Tagebuch der Anne Frank steht ganz oben auf der Liste. Wie der Überhöhung begegnen, wie der Verantwortung genügen? Hans Steinbichlers Film nun ergreift, rührt an, wirkt nach, obwohl er manchen Makel hat – ein seltenes Wunder, für das es zwei gute Gründe gibt.

Amsterdam - Bei manchen Schriften ist Streit vorprogrammiert, wenn sie verfilmt werden – und das Tagebuch der Anne Frank steht ganz oben auf der Liste. Wie der Überhöhung begegnen, wie der Verantwortung genügen? Hans Steinbichlers Film nun ergreift, rührt an, wirkt nach, obwohl er manchen Makel hat – ein seltenes Wunder, für das es zwei gute Gründe gibt.

Zum einen das Tagebuch selbst, das Anne Frank 12- bis 14-jährig im Amsterdamer Versteck verfasst hat. Präzise beschreibt sie eine aus den Fugen geratene Welt, in der kein Platz für sie zu sein scheint – und eine unbändige, unerfüllte Sehnsucht nach Leben. Die Leser kommen der Gefühls- und Gedankenwelt dieses jüdischen Mädchens unerhört nahe – das hebt Anne Frank heraus aus der Masse der Opfer der Nazi-Barbarei.

Zum anderen gibt Lea van Acken dieser Anne Frank ein Gesicht und einen Charakter, die unerhört gut zu dem passen, was im Tagebuch zu lesen ist. Mal schwebt sie im Überschwang durch das Versteck und unterhält mit starken Pointen ihre Mitgefangenen, mal bockt sie einfach aus Prinzip und möchte sich nur noch verkriechen – wie der Aufruhr der Pubertät eben so sein kann, und das noch unter erschwerten Bedingungen.

Ulrich Noethen sticht heraus als einfühlsamer Vater

Gerne schaut man Lea van Acken dabei zu, wie sie sich an einer verhuschten Mutter (Martina Gedeck) abarbeitet und die Würde ihres Vater Otto bewundert, der sich diese bis zum Schluss bewahrt. Ulrich Noethen sticht heraus als einfühlsamer Mann, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland kämpfte und nun die Welt nicht mehr versteht.

So stark ist der Eindruck, dass man hinwegsehen möchte über ein spürbares Bemühen, nichts falsch zu machen. Viel Arbeit steckt in Kulisse und Kostümen, starke Textzeilen Anne Franks kontrastieren manchen TV-Dialog, Streicher und Klavier tragen Emotionen fingerdick auf. Die Juden sind längst abgeholt, da rauchen die verloschenen Kerzen noch auf dem Tisch.

„Anne Frank“ zeigt das wahre Ausmaß der Verwüstung im Kleinen

Wie subtil wirkt da Roman Polanskis feine Filmkunst in „Der Pianist“ (2002), die die Zuschauer einspinnt in die klaustrophobische Enge um den einsam Gestrandeten, während draußen die Menschenverachter Warschau in Schutt und Asche legen.

Doch da ist das Wunder: Das wahre Ausmaß der Verwüstung zeigt im Kleinen „Das Tagebuch der Anne Frank“, ein Film, der Erinnerung lebendig macht und niemanden kalt lassen kann. Berechtigte Kritik? Kann leicht kleinlich wirken, wenn es um alles geht.

Ab 12, von Donnerstag an in Atelier am Bollwerk und Metropol. Am 13. März kommen Hans Steinbichler und Lea van Acken zur 14-Uhr-Vorstellung ins Kino Cinema und beantworten Fragen. Karten telefonisch unter 07 11 / 2 29 04 40 oder im Netz unter: www.innenstadtkinos.de

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