Homosexualität und Glauben „Nächstenliebe ist mehr als bloßes Erdulden“

Von Maria Wetzel 

Veranstaltung im Zentrum Regenbogen in Wangen Foto: Lichtgut/Horst Rudel
Veranstaltung im Zentrum Regenbogen in WangenFoto: Lichtgut/Horst Rudel

Werden die einen benachteiligt, wenn andere mehr Rechte erhalten? Manche sehen die Gleichstellung Homo- sexueller als Bedrohung für Ehe und Familie. Mit Aufklärung will Kultusminister Andreas Stoch Vorurteile über nicht traditionelle Lebensformen abbauen.

Stuttgart - „Mich schmerzt es, dass meine beiden Söhne nicht dieselben Rechte haben“, erzählt Loni Bonifert im Zentrum Regenbogen in der Fellbacher Schwabenhalle. „Der jüngere darf seine große Liebe heiraten, dem älteren ist das verwehrt.“ Denn er ist schwul – und Homosexuelle können sich in Deutschland seit 2001 verpartnern und damit die gleichen Pflichten wie Ehepartner übernehmen, die gleichen Rechte sind ihnen aber versagt. Heiraten ist nicht.

In der württembergischen Landeskirche erhalten sie – anders als in Baden – auch keinen kirchlichen Segen. Bonifert macht sich in der Stuttgarter Selbsthilfegruppe für Eltern homosexueller Kinder dafür stark, dass sich das ändert, um die Diskriminierung von Lesben und Schwulen zu beenden und ihren Familien damit viel Leid zu ersparen.

Das ist auch das Ziel von Kultusminister Andreas Stoch. Bei der Diskussion „Wir wollen nicht erduldet werden“ begründet er vor den etwa 450 Zuhörern, warum künftig alle Schüler lernen sollen, dass es unterschiedliche sexuelle Orientierungen, geschlechtliche Identitäten und Lebensformen gibt – und dass das auch gut so ist. „Nächstenliebe auf das bloße Erdulden zu reduzieren, das ist mir zu wenig“, sagt Stoch, der in den vergangenen eineinhalb Jahren auch aus kirchlochen Kreisen heftig angefeindet wurde, weil im künftigen Bildungsplan auch die Akzeptanz sexueller Vielfalt als Bildungsziel verankert wird. Leider hätten die Kirchenleitungen erst nach einigen Irritationen klargestellt, dass es zwischen Kirche und Landesregierung in dieser Frage keinen Gegensatz gebe.

Toleranz und Akzeptanz können nicht verordnet werden

Es gehe nicht darum, Kindern und Jugendlichen sexuelle Praktiken zu vermitteln, wie die Gegner immer wieder behaupten, erklärt er. Wenn in Grundschulen beispielsweise darüber gesprochen werde, dass es auch Kinder mit zwei Müttern oder Vätern gibt, fühlten sich diese nicht länger ausgegrenzt. Rückmeldungen aus Schulen zeigten auch, dass homosexuelle Lehrer, Referendare und Schüler teilweise negative Erfahrungen machen oder befürchten, wenn sie sich outen – obwohl auch in dem seit 2004 geltenden Bildungsplan vorgesehen ist, das Thema anzusprechen.

Toleranz und Akzeptanz seien Haltungen, die nicht verordnet werden könnten, meint Werner Baur, Bildungsdezernent der württembergischen Landeskirche. Wichtig sei es, Lebensgeschichten kennenzulernen wie etwa bei der Gedenkveranstaltung vor der Eröffnung. Erstmals hatte der Kirchentag in der traditionellen Gedenkveranstaltung an die Verfolgung Homosexueller während des Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit erinnert und die Lebensläufe mehrerer Männer und Frauen vorgestellt, die ausgegrenzt worden waren.

Aus diesen Arbeiten könnte auch Unterrichtsmaterialien für den evangelischen Religionsunterricht erstellt werden, sagt Baur. „Wir haben als Kirche Schuld auf uns geladen.“ Inzwischen gebe es diese Probleme nicht mehr. Die lesbischen und schwulen Pfarrerinnen und Pfarrer in der Landeskirche leisteten „einen guten und segensreichen Dienst“. Es sei allerdings unberechtigt, diejenigen, die die Forderungen von Homosexuellen nicht unterstützten, gleich als homophob- also schwulen- oder lesbenfeindlich zu etikettieren. Die Meinungsfreiheit dürfe nicht eingeschränkt werden.

Homosexualität und Kirche - immer noch ein Randthema?

Betroffene beurteilen die Situation kritischer. So gebe es teilweise immer noch Schwierigkeiten, wenn Pfarrer mit ihren gleichgeschlechtlichen Partnern in Pfarrhäusern leben möchten. Auch verbreiteten manche kirchlichen Gruppen noch immer die Ansicht, dass Homosexualität heilbar sei. Von solchen Vorstellungen müsse sich die Kirchenleitung deutlich distanzieren.

Dass andere Orientierungen und Lebensweisen in vielen Kirchengemeinden noch immer auf Vorbehalte stoßen, erlebt auch Tim Brügmann. Er leitet die „Queerubim“, den ersten überregionalen Chor von lesbischen, schwulen, bi-, trans- und heterosexuellen Christen. Bisher gebe es nur eine Handvoll Einladungen jährlich, in einem Gottesdienst zu singen, sagt Brügmann, der bis vor zehn Jahren eine Frau war. Manche Pfarrer scheuten sich vor Diskussionen.

Möglicherweise fänden deshalb auch die Kirchentagsveranstaltungen, die sich mit diesen Fragen befassen, eher am Rand in Fellbach und Wangen statt und nicht mittendrin, im Neckarpark oder in der Innenstadt, mutmaßt ein Teilnehmer.

Für die Kirchentagsleitung selbst ist es allerdings kein Randthema. Kirchentagspräsident Andreas Barner ruft wie schon bei der Gedenkveranstaltung am Mittwoch auch im Abschlussgottesdienst am Sonntag zu Offenheit und Respekt auf: „Gegen Liebe können wir Christen uns nicht stellen.“

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